Comics über Kriegsgefangene im besetzten Frankreich

In deutscher Hand

Zwei französische Comics beschäftigen sich mit dem Trauma der Kriegsgefangenen im besetzten Frankreich.
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Ich verkrampfte mich jedes Mal, wenn ich einen Deutschen sah, und verachtete mich dafür, wenn mein Herz beim Anblick deutscher Verwundeter unfreiwillig weich wurde«, schildert Lee Miller ihre Gefühle gegenüber den Deutschen in einer ihrer beeindruckenden Kriegsreportagen, die jetzt erstmals in deutscher Übersetzung in dem Sammelband »Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944–1945« in der Edition Tiamat erschienen sind. Als eine der wenigen Kriegskorrespondenten erlebte Miller die Befreiung Frankreichs mit, sie schrieb für die amerikanische Zeitschrift Vogue über die Zustände in Feldlazaretten und über die Stimmung nach dem Ende der Besatzung von Paris. Sie zog mit den alliierten Truppen weiter in Richtung Deutschland und verfasste dort Reportagen über die Befreiung der Konzentrationslager, über Selbstmorde von NS-Funktionären und die Scheinheiligkeit der deutschen Bevölkerung: »Wie wollen sie sich von allem, was war, distanzieren? Welche Verdrängungsleistung in ihren schlecht belüfteten Hirnwindungen bringt sie zu der Vorstellung, sie seien ein befreites Volk und kein besiegtes?« Immer wieder begegnete sie auch befreiten Kriegsgefangenen, die, wie Miller schreibt, hungrig durch die Städte zogen. In »Krieg« heißt es über die deutschen »Stalags«, die Kriegsgefangenenlager: »Aus allen Berichten geht hervor, dass die englischen Gefangenen am besten behandelt wurden, die Amerikaner am schlechtesten, die Franzosen und alle anderen Nationalitäten irgendwo dazwischen.« Dieser Eindruck – niedergeschrieben in den unmittelbaren Nachkriegswirren im Frühsommer 1945 – deckt sich nur zum Teil mit der Realität. Am schlechtesten ging es wohl den sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen 35 Prozent, über eine Mil­lion Soldaten, die Gefangenschaft nicht überlebten.
Auf diese sowjetischen Kriegsgefangenen traf auch der französische Soldat René Tardi im Kriegsgefangenenlager »Stalag II B«, in das er nach seiner Gefangennahme durch die Deutschen 1940 in einem Viehwaggon verfrachtet wurde: »Der Typhus wütete in ihren Reihen noch viel stärker als bei uns, die wir geimpft worden waren. Sie starben wie die Fliegen (…). Ein von den Boches geplantes Massaker.« In der Graphic Novel »Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B« schildert Jacques Tardi das Schicksal seines Vaters. Der auf den Erinnerungen des Vaters basierende Comic beschäftigt sich mit einem Thema, das in Frankreich lange Zeit verdrängt worden ist: Es geht um die Erlebnisse französischer Kriegsgefangener nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940. Die ehemaligen Kriegsgefangenen, die sich im Gegensatz zu den ruhmreichen Résistance-Kämpfern als Verlierer des Krieges fühlten, dessen Ende sie hilflos in deutscher Gefangenschaft erlebten, schwiegen über ihre oft traumatischen Erfahrungen. Eine öffentliche Anerkennung erfuhren sie nicht. »Für ihre Erzählungen war kein Platz, und niemand wollte ihre Leidensgeschichte hören. Sie blieben stumme, verkannte Opfer jenes Krieges und der beschämenden Kollaboration des Vichy-Regimes, das sie als Geiseln in der Hand des Feindes gelassen hatte«, schreibt Tardis Frau Dominique Grange in ihrem Vorwort zum ­Comic.
Einer, der seine Erlebnisse mit sich selbst ausmachte, war auch der ehemalige Kriegsgefangene Roger Brelet. Sein Enkelsohn Florent Silloray, ein bekannter Kinderbuchillustrator, hat zum selben Zeitpunkt wie Tardi in Frankreich eine Graphic Novel über das Drama der Kriegsgefangenschaft veröffentlicht. Sein Comic-Debüt trägt den Titel »Auf den Spuren Rogers«. Sein Großvater Roger, ein Landwirt, wurde am 2. September 1939 zum Kriegsdienst eingezogen, Tardis Vater René war 1935 Berufssoldat geworden, »um Hitler die Stirn zu bieten«. Die Aufzeichnungen des Vaters beziehungsweise des Großvaters waren das Ausgangsmaterial für die Comics.
Beide Männer gerieten im Mai 1940 in die Hände der Deutschen und erlebten diese persönliche Kapitulation vor der deutschen Wehrmacht als Demütigung – und als Vorschein der drohenden Niederlage Frankreichs: »Am Straßenrand liegen viele Tote und Verletzte. Es kommt uns eine beträchtliche Anzahl von Panzern und motorisierter Artillerie entgegen. Und uns hatte man weisgemacht, die Deutschen hätten kein Benzin«, heißt es in Roger Brelets Notizbuch. Réne Tardi fasste zusammen: »Das allzu selbstsichere Frankreich war nicht vorbereitet. (…) Am 10. Mai griffen die Deutschen schließlich an. Die Fritzen drangen in unser Land ein, als sei es ein weicher Camembert, obwohl es da und dort durchaus Widerstand gab. Die französischen Soldaten schlugen sich gut, aber wer kann schon die Wehrmacht aufhalten (…). Am 22. Juni folgte der Waffenstillstand.«
Nicht nur die Beschreibungen des Elends in den deutschen Kriegsgefangenenlagern sind erschütternd, sondern auch der Umstand, dass das Schweigen über dieses Kapitel der Geschichte erst posthum durch die Nachkommen der Soldaten gebrochen wurde. Ähnlich war es auch im Fall Lee Millers, die nach Beendigung ihrer Arbeit in den Reihen der Alliierten niemals mit ihrer Familie über ihre Erlebnisse als Kriegskorrespondentin gesprochen hat. Erst nach ihrem Tod kümmerte sich ihr Sohn um die nachgelassenen Reportagen und Fotos.
Tardi und Silloray setzen ihrem Vater beziehungsweise Großvater stellvertretend für eine ganze Generation, die verzweifelt Widerstand gegen die Wehrmacht leistete, ein Denkmal. Jacques Tardi stützt sich auf die Erinnerungen des Vaters, die er aus der zeitlichen Distanz von 40 Jahren auf Bitten des Sohnes festgehalten hat; Florent Silloray auf die nach dem Tod des Großvaters gefundenen Tagebücher und Fotos aus dem Kriegsgefangenenlager »Stalag IV B«. Fragen konnte er seinen Großvater nicht mehr. Auch für Tardi blieben nach dem Tod des Vaters viele Fragen offen. Beide Comics sind geprägt vom Widerspruch zwischen der Nähe zum Protagonisten und dem distanzierten Blick auf das Geschehen, das nur vermittels der nachgelassenen Aufzeichnungen rekonstruiert werden kann. Diese Ambivalenz findet in den Comics ihren je eigenen Ausdruck. So hat sich Jacques Tardi in »Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B« selbst als Figur in den Comic eingeschrieben. Er übernimmt die Rolle des Jungen, der den Vater begleitet und ihn nach seinen Gefühlen befragt. Sie diskutieren und streiten, neben den beiden kommt im gesamten Comic keine andere Figur zu Wort. Es sind die Bilder, die die Geschichten erzählen.
In Sillorays »Auf den Spuren Rogers« reihen sich die Panels wie in einem Fotoalbum aneinander; alte, vergilbte Bilder wechseln mit farbig gezeichneten Episoden. Es sind zwei Zeitebenen und zwei Perspektiven auf die Familiengeschichte: »Während meiner gesamten Kindheit hat mir Opa nie vom Krieg erzählt, in keinem der langen Momente, die ich mit ihm verbringen durfte.« Im September 1939 beginnen die Notizen, sie handeln vom Warten auf die Deutschen und den Kriegseinsatz, es geht um öde Arbeiten und schließlich um den 10. Mai 1940: »Roger, es geht los. Die Deutschen haben Bel­gien angegriffen.« Mit diesen Worten wird der junge Soldat aus dem Bett gescheucht. Es ist der Beginn einer Odyssee. Die Kapitulation Frankreichs erlebt Roger in deutscher Kriegsgefangenschaft, am 15. Mai ergibt er sich, nachdem sein Freund Cotten bei einem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Im Juni 1940, als das Waffenstillstandabkommen zwischen Frankreich und Deutschland in Kraft tritt, leistet Roger bereits Zwangsarbeit im »Stalag IV B«, einem Kriegsgefangenenlager bei Leipzig. Geplagt von Unterernährung, Krankheiten und prügelnden deutschen Soldaten führt er sein Tagebuch fort und schildert detailliert den Alltag als Kriegsgefangener in Deutschland. Leider bricht sein Bericht – und damit auch Sillorays Comic – mit einem letzten Eintrag vom 1. Januar 1941 ab.
Die Erinnerungen von Tardis Vater an die Zeit im Lager sind ausführlicher und enden erst 1945 mit der Auflösung des Lagers. Auch er erzählt von den Demütigungen und der Folter durch die Deutschen (»Jetzt war ich nur noch ein Stück Fleisch, gefangen in der Nazi-Verwaltung dieses Verfluchten Lagers«), dem Hunger und der Zwangsarbeit, Fluchtplänen und den kleinen Akten des Widerstands, etwa durch seine Tätigkeit in der Buchhaltung des Lagers, wo er die Bücher manipulierte: »Unsere Absicht, Deutschland zu schädigen, gab uns die Kraft, unter dem Himmel Pommerns auszuharren. Unsere Sabotagen verschafften uns ein wenig Befriedigung.«
Während Jacques Tardi in einen fiktiven Dialog mit seinem Vater tritt, begibt sich Florent Silloray auf die Suche nach den Spuren der historischen Orte in der Gegenwart. Der Zeichner möchte die Wirkmächtigkeit der Vergangenheit in der Gegenwart zeigen. Wirkmächtig ist das Geschehene in seiner Familie, wie nicht zuletzt das Schweigen des Großvaters über die erlebten Grausamkeiten, etwa den Transport im Viehwagen von Frankreich nach Deutschland, deutlich macht. Aber auch außerhalb der Familie begegnet er der Vergangenheit. Während seiner Spurensuche im Ostdeutschland der Gegenwart begegnet Florent Silloray einer misstrauischen Bevölkerung und Naziparolen auf Brückenpfeilern in Torgau. Während seiner Recherche trifft Silloray auch Wolfgang Oleschinski, den Leiter des Dokumentations- und Informationszentrum Torgau, der die Dokumente des Großvaters sichtet: »Mit einem Lächeln erklärt er mir, er habe während seiner Karriere nur ein einziges Mal eine Quellensammlung von solch einem historischen Wert präsentiert bekommen.«
Lee Millers Reportagen sind gekennzeichnet durch einen distanzierten Blick, der, wie Klaus Bittermann im Nachwort schreibt, umso mehr Tiefenschärfe besitzt: »Vielleicht vermittelten ihre für den Tag geschriebenen Artikel aus diesem Grund eine ziemlich genaue und lebendige Vorstellung vom Krieg und seinem Elend.« Auch die Suche der beiden Comiczeichner nach den Erinnerungen ihrer Vorfahren, nach Spuren in der Gegenwart und nach Antworten auf das jahrzehntelange Schweigen vermitteln im Spannungsverhältnis von biographischer Nähe und Distanz, dem behutsamen Umgang mit dem Quellenmaterial und Recherchen in der Gegenwart eine lebendige Vorstellung vom Elend des Überlebens in deutscher Kriegsgefangenschaft. Auch wenn beide Zeichner eine Tendenz zu versöhnlichen Gesten haben – angedeutet durch die Reise von Florent Silloray nach Deutschland beziehungsweise durch verwunderte Nachfragen Jacques Tardis, wenn sein Vater seinen Hass auf »die Boches« artikuliert –, haftet den Comics nichts Versöhnliches an.

Lee Miller: Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944–1945. Reportagen und Fotos. Aus dem Englischen von Andreas Hahn und Norbert Hofmann. Edition Tiamat, Berlin 2013, 272 Seiten, 24 Euro
Florent Silloray: Auf den Spuren Rogers. Aus dem Französischen von Norbert Zimmermann. Avant-Verlag, Berlin 2013, 106 Seiten, 24,95 Euro
Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne, Zürich 2013, 188 Seiten, 35 Euro