Der Comic »Der Todesstrahl«

Adoleszente Schießübungen

Der US-amerikanische Zeichner Daniel Clowes setzt sich in dem Comic »Der Todesstrahl« mit seiner trostlosen Jugend auseinander und stellt die großen US-amerikanischen Heldenerzählungen in Frage.

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Daniel Clowes gehört zu den herausragenden Comic-Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen der durch seine Heftreihe »Eightball« bekannt gewordene Comic »Ghost World«, der von Terry Zwigoffs verfilmt wurde, sowie die Titel »David Boring« und »Wilson«. »Der Todesstrahl«, Clowes jüngstes und bislang persönlichstes Werk, ist mit zweijähriger Verspätung nun in deutscher Übersetzung erschienen. Es erzählt die Geschichte des High-School-Schülers Andy, der bei seinen Großeltern in Chicago lebt und durch eine Verkettung von Zufällen herausfindet, dass er über Superkräfte verfügt.
»Die Grundidee von einem jungen Mann, der eine Strahlenpistole hat, mit der er Leute verschwinden lassen kann, hatte ich bereits als Jugendlicher«, erzählt Clowes im Interview. Die Figur Andy sei dabei ganz deutlich von ihm selbst inspiriert. »Ich habe als Teenager auch bei meinen Großeltern in Chicago gelebt, und die Hauptfigur sieht ziemlich genau so aus wie ich damals. Sie besucht sogar die gleiche Schule, auch die im Hintergrund auftretenden Mitschüler sind dieselben.«
Andy, der als Vollwaise aufwächst, hat die Superkräfte von seinem Vater verliehen bekommen. Immer wenn Andy eine Zigarette raucht, werden die besonderen Kräfte freigesetzt. Es ist das Ergebnis eines Experiments, das sein Vater, ein verrückter Wissenschaft­ler, mit ihm angestellt hat. Auch diese Geschichte hat einen biographischen Hintergrund, erzählt Clowes. Sein Vater sei starker Raucher gewesen, er selbst habe jedoch nie ­geraucht. »Wir lebten damals in einer kleinen Wohnung, und weil es in Chicago oft kalt ist, waren auch die Fenster meist geschlossen. Die ganze Wohnung war also immer voller Rauch. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schlimm ich wohl gerochen habe, wenn ich damals zur Schule ging.«
Schließlich fällt Andy ein Erbstück seines Vaters in die Hände: der Todesstrahler, ein Gerät wie aus einem Ed-Wood-Film, dessen zerstörerische Wirkung den orientierungslosen Teenager mehr und mehr fasziniert. Mit der Wunderwaffe ausgestattet, zieht der von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Junge los, um bald gnadenlos über Gut und Böse zu entscheiden.
Vordergründig ist »Der Todesstrahl« der Versuch, eine realistische Superheldengeschichte zu erzählen, die der Frage nachgeht, was geschieht, wenn ein Mensch plötzlich bemerkt, dass er übernatürliche Kräfte besitzt und über die Macht verfügt, seine eigene Heldengerechtigkeit auszuüben. Ein Motiv, das in unzähligen Comics, Filmen und Fernsehserien variiert wird. »Superman«, »Batman«, »Spiderman« – sie alle verfügen über besondere physische Kräfte oder mentale Fähigkeiten, haben zudem die Erfahrung gemacht, entweder Außenseiter zu sein oder sozial unangepasst zu leben. Den Figuren in den Werken Daniel Clowes’ geht es ebenso.
In gemächlichem Tempo entwickelt »Der Todesstrahl« die Geschichte seiner Hauptfigur, ohne auch nur einen Hauch von Optimismus aufkommen zu lassen. Die Erzählung umfasst 42 Seiten, Hunderte Panels, und Andy lächelt in keinem einzigen Bild. Der Comic-Autor Chris Ware, der ebenfalls aus Chicago stammt, hat einmal geschrieben, in den Geschichten von Clowes gehe es immer um die Frage, »was wir wirklich voneinander wollen«. Die Antwort, die Clowes nicht nur in »Der Todesstrahl« gibt, fällt nicht allzu positiv aus. Angetrieben wird Andy von Wut, Rache, dem Willen zur Bestrafung und von seinem unterdrückten sexuellen Verlangen. Nur ein einziges Mal wird sein Handeln von Mitgefühl bestimmt – nämlich, als er seinen kranken Großvater von seinen Leiden erlöst.
Wie nur wenige Zeichner versteht Clowes sich darauf, die Grenzen des Comic-Genres immer wieder neu auszuloten und verschiedene zeichnerische Stilelemente zu integrieren. Unterschiedliche Hintergrundfarben und Panel-Rahmungen markieren die verschiedenen Realitätsebenen im Comic; die Form der Sprechblasen zeigt an, ob es sich um Dialoge oder um die Rahmenerzählung handelt.
Clowes ist wegen seines vermeintlich intuitiven Zeichenstils oft als Ausnahmekünstler bezeichnet worden. Er selbst will davon nichts wissen: »Ich denke, das einzige, womit ich wirklich geboren wurde, ist eine Art ästhetischer Sinn dafür, wie Dinge meiner Meinung nach aussehen sollten. In meiner Familie gibt es auch niemanden, der gut zeichnen kann und von dem ich das Talent hätte erben können.« Wenn wir ihm glauben wollen, ist sein Können vor allem Ergebnis von unendlich viel Übung: »Ich kam nach der Schule nach Hause und habe dann jeden Tag drei oder vier Stunden gezeichnet – und das als ziemlich junger Teenager. Es hat mich viel Zeit gekostet, herauszufinden, wie das alles geht. Es gab damals ja noch keine Bücher darüber.«
Seine sensiblen Comic-Erzählungen sind immer berührend, nicht selten aufwühlend. Im Gespräch mit Clowes kommt man nicht umhin, sich zu fragen, woher all diese Abgründigkeit kommen mag. Der Zeichner wirkt offen und warmherzig und vermittelt den Eindruck, mit sich selbst im Reinen zu sein. Ganz anders als Andy. Er ist ohne Zweifel eine der einsamsten und verschlossensten Figuren, die je gezeichnet wurden.

Daniel Clowes: Der Todesstrahl. Aus dem Englischen
von Tina Hohl und Heinrich Anders. Reprodukt-Verlag, Berlin 2013, 48 Seiten, 20 Euro