Das Medium

Typen in Crime-Foren

So anstrengend die notorische Polit-Meinungshuberei in Foren und sozialen Netzwerken für Mitleser, die dem üblichen »Die da oben sind alle Verbrecher«-Schmodder nichts abgewinnen können, sein mag – sie ist von nachgerade überragender Intellektualität und Durchdachtheit, wenn man sie mit dem vergleicht, was sich in Crime-Foren abspielt. Selbsternannte Detektive versuchen dort, Verbrechen oder was sie dafür halten aufzuklären, und wissen nicht nur alles besser als die ermittelnden Kriminalisten, sondern haben in aller Regel auch einen Hang zu ganz abenteuerlichen Theorien. Wie krass solche Amateur-Sherlock-Holmes-Typen vorgehen, zeigt derzeit ein Mordfall in den USA. Dort war vor mehr als drei Jahren eine ganze Familie verschwunden. Die McStays hatten eines Abends mit ihren beiden kleinen Söhnen ihr Haus in Kalifornien verlassen, und ab diesem Zeitpunkt gab es kein Lebenszeichen mehr von ihnen. Für einen Laienermittler namens Rick Baker war die Sache rasch klar: Die McStays hatten sich nicht nur freiwillig abgesetzt, sondern genossen dabei auch noch Unterstützung von der Familie. Baker begann, in Foren und im eigenen Blog äußerst unverschämte Forderungen an die Brüder von Joseph McStay zu richten, nannte sie Lügner und veröffentlichte schließlich ein Buch über seine Theorien. Kaum waren die Leichen der Familie gefunden, ließ Baker den Verkauf seines Werks stoppen. Und gab eine Presseerklärung heraus, dass er sehr traurig sei. Anschließend die Klappe zu halten, kam Baker jedoch nicht in den Sinn, schon einen Tag später gab er erste Interviews, in denen er angebliche Polizeiinterna verbreitete. Und auch gleich erklärte, wer alles als Täter in Frage komme. Das übliche »Die da oben sind alle Verbrecher« ist also echt nicht so schlimm.

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