Informelle Ökonomie in Afrika

Dem Patron verpflichtet

Schattenökonomie, Parallelwirtschaft oder reale Ökonomie – der informelle ­Sektor hat viele Namen. Für die meisten Afrikanerinnen und Afrikaner ist er ohne Alternative.

Was haben ein fliegender Trinkwasserverkäufer in Nairobi, eine Marktfrau in Conakry und ein junger Mann, der in einer handwerklich betriebenen Raffinerie im Nigerdelta gestohlenes Rohöl aufbereitet, gemeinsam? Sie alle sind Teil des sogenannten informellen Sektors. Sie arbeiten ohne Vertrag, Krankenversicherung, Urlaubsanspruch oder Aussicht auf Rente oder. Meist versuchen sie, den Staat und seine Institutionen, die ihnen als Diebe gelten, zu meiden.
Die schiere Größe des informellen Sektors in Afrika wird jedem Reisenden auf dem Kontinent umgehend bewusst. Ohne ihn würde dort so gut wie nichts funktionieren. Deshalb lehnen eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich nach der »Entdeckung« der informellen Ökonomie durch Keith Hart 1973 mit diesem Phänomen beschäftigt haben, diese Bezeichnung ab. Sie bevorzugen es, von der »Parallelwirtschaft«, der »zweiten Ökonomie« oder, wie Janet MacGaffey in ihrem wegweisenden Buch, von der »realen Wirtschaft« (in diesem Fall Zaires, der heutigen Demokratischen Republik Kongo) zu sprechen.

Tatsächlich ist die Bezeichnung »informeller Sektor« eher irreführend, denn es ist beileibe nicht so, dass hier keine Regeln und Vereinbarungen existieren, auch wenn diese meist nicht schriftlich fixiert werden. Absprachen, Pflichten und Rechte gibt es ebenso wie im »formellen Sektor« und Sanktionen drohen demjenigen, der gegen die Gepflogenheiten verstößt. So mag der Nahverkehr in vielen Städten des Kontinents dem Besucher als chaotisches Treiben erscheinen. Er funktioniert jedoch nach genau festgelegten Kodizes, wie etwa das Netz der Matatu-Busse in Kenia. Auch im Handel mit Second-Hand-Kleidung zwischen Nigeria und Europa gibt es klare Regeln.
Da der Staat in Afrika oft nicht einmal die Sicherheit seiner Bürger garantieren kann, wird auf jedem Marktplatz und jedem Busbahnhof privat auch eine Pauschale für einen Sicherheitsdienst erhoben. Bekanntestes Beispiel sind die Bakassi Boys im nigerianischen Aba, die einer Serie von Überfällen und Raub ein Ende setzten, bis sich Teile der Gruppe von der Regionalregierung für deren Zwecke einspannen ließen. So entstehen in afrikanischen Ländern Bereiche, über die der Staat kaum Kontrolle ausüben kann, und wenn, dann eher indirekt über einflussreiche Personen innerhalb der Oligarchie, die sich einen wirtschaftlichen Gewinn sichern wollen.
Schätzungen zur Größe des informellen Sektors sind mit Vorsicht zu genießen; die Inter­national Labour Organization vermutete im Jahr 2009, dass neun von zehn Menschen im länd­lichen und städtischen Raum Afrikas einem Job im informellen Sektor nachgehen. Hier werden durchschnittlich um die 40 Prozent des Bruttonationaleinkommens erwirtschaftet, in Ländern wie Nigeria sind es über 60 Prozent. Nicht nur diejenigen, die keinen regulären Job finden können, halten sich mit einer Tätigkeit außerhalb des formellen Sektors über Wasser. Auch Angestellte wie Lehrer, Ärzte und Verwaltungs­beamte bessern ihren oft kargen Verdienst im informellen Sektor auf und arbeiten während oder nach ihrer Arbeit als Nachtwächter oder Taxifahrer.
Der Grund dafür, dass die Parallelwirtschaft in Afrika derart verbreitet ist, liegt im Charakter des Staats und in den Interessen der herrschenden Oligarchie. Wie der Politikwissenschaftler Jean-François Bayart beschreibt, akkumulieren die Machthaber vor allem Ressourcen, die von außen, von jenseits des Kontinents kommen. Er nennt dieses Phänomen Extraversion. Das können Einkünfte aus Rohstoffverkäufen, Konzessionen für Bergbauunternehmen, Einnahmen aus der Entwicklungshilfe oder Kredite sein. Diese Zuflüsse sind das Fundament ihrer Herrschaft.
Dieser Umstand zieht nach sich, dass die Machthaber kein Interesse daran haben, ihre Unter­tanen auszubeuten oder wirksam zu besteuern. Ein Teil der Finanzen, die in den Händen der Oligarchen landen, wird in die Pflege von patrimonialen Netzwerken oder auch hin und wieder in öffentliche Projekte investiert, was garantieren soll, dass sie auch nach der nächsten Wahl an externen Zuflüssen teilhaben können. Diese Dynamik verhindert eine effektive Modernisierung der Landwirtschaft und den Aufbau einer Industrie – denn wer an den Schalthebeln der Politik sitzt, ist finanziell bestens versorgt.

Oft wird der informelle Sektor als Beispiel dafür gesehen, mit welcher Kreativität und welchem Erfindungsreichtum die Bewohner des Kontinents es verstehen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Das mag zu einem gewissen Teil zutreffen, doch die Realität der täglichen Arbeit sieht gar nicht so rosig aus: All das, was die Arbeiterklasse und die Gewerkschaften in Europa und Nordamerika vom späten 19. Jahrhundert an erkämpften – Lohnerhöhungen, Begrenzung der Arbeitszeiten, Regelung der Kündigungsfristen –, existiert schlicht nicht in der »realen Wirtschaft« Afrikas.
Unter diesen Bedingungen ist die vorhandene Abneigung der meisten Menschen gegen die so empfundene Diebesmentalität ihrer Herrschenden schwer in organisierten Widerstand zu überführen. Dort, wo ansatzweise eine Gewerkschaft oder eine nicht institutionalisierte Interessensgleichheit besteht, gelingt dies ab und zu. Beispiele dafür sind die Streiks der Ölarbeiter in Nigeria, die Proteste der Marktfrauen in Guinea-Conakry und das Lahmlegen des öffentlichen Nahverkehrs in Südafrika. Doch am Ende sind die meisten Menschen einem Patron verpflichtet und versorgen mit ihren Einkünften oft eine große Familie. Der Versuch, sich aus der Abhängigkeit vom Patron zu lösen, kann existentielle Folgen haben.
Es gibt keinen Grund, die Dominanz des informellen Sektors im subsaharischen Afrika zu glorifizieren. Für die meisten Menschen bringt er Rechtsunsicherheit, schwere Arbeit und lange Arbeitszeit ohne soziale Absicherung sowie ein unstetes und mageres Einkommen mit sich. Lediglich einer kleinen Gruppe von erfolgreichen und gut organisierten Händlern gelingt die Überwindung der Armut. Sie kaufen ihre Produkte in Paris, London, Dubai oder Hongkong, um sie dann auf afrikanischen Märkten anzubieten. Sie sind die role models für jene, die es noch nicht geschafft haben und vermutlich auch nie schaffen werden, ihrem niedrigen sozialen Status zu entkommen.
Eine klare Trennlinie zwischen formeller und informeller Wirtschaft ist ebenso schwer zu ­ziehen wie zwischen den Formen der rationalen und patrimonialen Herrschaft, die sich gegenseitig durchdringen. An den profitabelsten Unternehmungen wie zum Beispiel dem Handel mit ­illegal geförderten Erdöl im Nigerdelta und dessen Aufbereitung und Export sind einflussreiche Offiziere und Zivilisten beteiligt, die ihr Handwerk in den internationalen Ölfirmen gelernt haben. Auch im grenzüberschreitenden Schmuggel, der Subventionen und Preisgefälle zwischen den Ländern ausnutzt, sind die Boten und Kuriere meist die letzten Glieder einer langen Kette von Abhängigkeiten.

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