Ein Porträt von Vitali Klitschko

Doktor, Doper, Demokrat

Vitali Klitschko verdankt seine politische Bedeutung dem Boxsport und seiner Popularität im Westen. Ein Porträt.

Sportlich bewegten sich Nelson Mandela und Vitali Klitschko in der gleichen Gewichtsklasse. Sie boxten beide im Schwergewicht, der eine als begabter Amateur in Südafrika, der andere als Profi in Europa. Beide machten danach politische Karriere: Der eine war am Ende Staatspräsident, der andere könnte dies womöglich eines Tages noch werden. So gesehen könnte man Vitali Klitschko als eine Art Nachwuchs-Mandela bezeichnen, einer, der aus einer starken Oppositionsbewegung heraus ein hohes Staatsamt erlangt. So gesehen.
Geboren wurde Vitali Klitschko 1971 als Sohn einer Wissenschaftlerin und eines späteren Generals und Militärattachés der Ukraine. 1986 koordinierte Vater Klitschko die Hubschraubereinsätze in Tschernobyl, 2011 starb er an Krebs, eine Spätfolge der radioaktiven Belastung.
Vitali hatte in der UdSSR erste Sporterfolge. Er gewann im Kickboxen die Spartakiade, bald war er zusammen mit seinem Bruder Wladimir erfolgreicher Amateurboxer. 1995 wurde Vitali Militärweltmeister, bei den offenen Weltmeisterschaften unterlag er im Finale. Kurz vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta wurde Vitali die Einnahme des anabolen Steroids Nandrolon nachgewiesen. Die einjährige Dopingsperre verhinderte seinen Auftritt bei Olympia, stattdessen gewann sein Bruder Wladimir dort die Goldmedaille, und stieg auch gleich in Vitalis laufenden Vertrag beim BC Flensburg in die Boxbundesliga ein.
Die Brüder wurden für Promoter interessant. Bei dem Hamburger Boxunternehmer Klaus-Peter Kohl und dessen Universum-Box-Promotion unterschrieben sie Profiverträge. 1999 wurde Vitali Schwergewichtsweltmeister des Verbandes WBO, 2000 verlor er den Titel wieder – an den Amerikaner Chris Byrd. Doch Bruder Wladimir rächte Vitali und holte den Titel von Byrd zurück in die Familie. Das Motiv der Bruderrache taucht so oft auf in der Karriere der Klitschkos, dass sich der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch schon mal mit Wladimirs Stärken vertraut machen sollte.
Als Vitali 2003 endlich gegen Lennox Lewis um den WM-Titel, diesmal den der WBC, boxen konnte, wurde der Kampf nach der sechsten Runde abgebrochen: Klitschko, der zu diesem Zeitpunkt deutlich führte, blutete stark, und Lewis blieb umstritten Weltmeister. 2004 wurde Vitali dann durch einen Sieg über den Südafrikaner Corrie Sanders erneut WBO-Weltmeister, nachdem Wladimir den Titel an Sanders verloren hatte – Stichwort Bruderrache. Doch bald verletzte sich Vitali und gab seinen Titel zurück. 2007 kam er wieder. Aufbaukämpfe, die er absolvieren wollte, scheiterten an Verletzungen, dennoch wurde Vitali 2008 ducrh einen Sieg über Samuel Peter aus Nigeria Weltmeister. Zum dritten Mal, was noch nicht vielen Boxern gelungen war; außerdem war gleichzeitig Bruder Wladimir Schwergewichtsweltmeister der WBO.
Gegeneinander boxten die beiden übrigens nie – angeblich, weil sie es ihrer Mutter versprochen hatten. Dabei wäre das unter Verwertungsgesichtspunkten das »größte Ding seit Kain und Abel« (Knud Kohr) gewesen.
So glamourös, wie sie scheinen wollten, waren die Brüder im Boxring aber nicht. Dass sie oben blieben, war eher der Krise des übrigen Schwergewichts geschuldet. Sie nutzten diese Krise für sich auch ökonomisch: Erfolgreich emanzipierten sie sich von Klaus-Peter Kohl und gründeten die Firma »K2 Promotions«, um sich selbst zu vermarkten. Große Kämpfe in den USA sprangen dabei genauso heraus wie Werbung für »Milchschnitte« im deutschen Fernsehen. Die Marke, als die die zwei Brüder auftraten, war die des »Doktors« – mal »Steelhammer«, mal »Eisenfaust« oder gleich als »Doktor Faust«. Beide hatten nämlich etwa gleichzeitig an der Universität Kiew in Sportwissenschaft promoviert, Vitali über »Sportbegabung und Talentförderung«.

Zuletzt verteidigte Vitali seinen Titel 2012 in Moskau gegen Manuel Charr aus Köln. Ein harmloser Cut über dem Auge Charrs diente als Begründung für den Kampfabbruch. Vitali blieb Weltmeister, doch man sprach von der »Box-Farce aus Moskau«, und das Image der Klitschkos, namentlich das von Vitali, war beschädigt. Er legte seinen Titel nieder und nennt sich seither »World Champion Emeritus«. Während die boxerische Schlagkraft nachließ, stieg Vitali in die Politik ein. 2006 und 2008 kandidierte er – vergebens – als Bürgermeister in Kiew, 2010 gründete er die Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen, abgekürzt UDAR, was im Russischen auch »Schlag« bedeutet. 2012 erreichte die neue Partei bei den Parlamentswahlen 13,9 Prozent, Klitschko wurde Fraktionsvorsitzender.
Seither ist Vitali Klitschko das Gesicht der ukrainischen Opposition oder jedenfalls eines Teils von ihr. Einer, der im Westen, vor allem in Deutschland, Karriere machte, der fließend Englisch und Deutsch spricht und der zusammen mit seinem Bruder das Boxbusiness verändern und von Deutschland aus die USA erobern wollte. Und auch einer, der seine Partei von konservativen Parteien Europas und der Konrad-Adenauer-Stiftung sponsern lässt.
Seine UDAR arbeitet aber auch mit der rechtsradikalen Partei Swoboda zusammen. »Drei Dinge einen uns«, hat Klitschko erklärt. »Das erste ist, dass wir nicht mit der wirtschaftlichen Situation einverstanden sind, das zweite, dass wir in der europäischen Integration die einzige Zukunft für die Ukraine sehen, und das dritte ist der Kampf gegen das gegenwärtige autoritäre Regime.« Mag sein, dass der Zusammenschluss von Klitschko mit den Rassisten und Antisemiten von Swoboda nur taktisch bedingt ist. Ein anderer früherer Schwergewichtsboxer und späterer Politiker hätte sich mit solchen Typen wohl nicht gemein gemacht.

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