Der Dokumentarfilm »La Deutsche Vita«

Bella Berlin

Sogenannte Euromovers, ehemalige Gastarbeiter und Migranten aus Italien, die in der deutschen Hauptstadt leben, porträtiert der Dokumentarfilm »La Deutsche Vita«.
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Max träumt davon, als Schauspieler zu arbeiten. Doch er hat ein Problem: Er sieht nicht italienisch genug aus. Da er nur rudimentär Deutsch kann, gestaltet sich die Jobsuche für ihn schwierig. Denn wenn deutsche Casting-Agenturen die Rolle eines Italieners zu vergeben haben, suchen sie wahrscheinlich dunkelhaarige, bullige Mediterrantypen. »Für einen Russen oder einen Polen halten sie mich«, ärgert sich der schlaksige 42jährige von der Adriaküste, der Heimat Federico Fellinis.
Er gehört zu den vielen Italienerinnen und Italiener, die in den vergangenen zwei, drei Jahren dem derzeit in Italien herrschenden Berlin-Hype verfallen sind und sich dort niedergelassen haben, weil Berlin in Europa einfach the place to be ist. Spätestens, bis sie wie Max erkennen, dass das Leben in Berlin alles andere als dolce vita sein kann. Und trotzdem, wer einmal gekommen ist, dem fällt es schwer, wieder zu gehen. Diese Ambivalenz verbindet alle im Dokumentarfilm »La Deutsche Vita« porträtierten »Berlinitaliener«, die Newcomer, die Alteingesessenen aus der Gastarbeitergeneration und auch die seit mehreren Jahren in Berlin lebenden Regisseure Tania Masi und Alessandro Cassigoli.
Dieser Film ist für sie mehr als eine Bestandsaufnahme dessen, was man als »italienisches Leben« in Berlin bezeichnen könnte – wenn es so etwas überhaupt gibt –, er ist eine Art Selbsttherapie. Das erzählt gleich am Anfang die Off-Stimme aus der Regie, die in der deutschen Fassung von einem Voiceover mit typischem – der hiesige Italophile würde sagen »charmantem« – italienischem Akzent gesprochen wird: »Man nennt das die Krise des siebten Jahres«, wie in einer Liebesbeziehung, »das ist der Moment, in dem einem klar wird, man ist ein Immigrant. Die Folgen sind starkes Heimweh, Desorientierung, allgemeines Unwohlsein.« Ob die Beziehung noch zu retten ist oder die Lösung Trennung heißt, das gilt es herauszufinden. Und so machen sich Masi und Cassigoli auf die Suche nach Menschen, denen es wie ihnen geht. Was für ein Leben führen diese neuen italienischen Einwanderer, die Soziologen »Euromovers« nennen, und die alten Immigranten, was hält sie hier und wie werden sie mit dem Heimweh fertig? Erzählt werden kleine Geschichten und Anekdoten, die meist nur kurz angerissen werden und die nicht wirklich eine Antwort auf diese Fragen, sondern eher subjektive Impressionen des Lebens in Berlin liefern. Eine Erzählweise, die dem Film eine angenehme Leichtigkeit verleiht und authentisch, wenn auch teilweise ein wenig zu intimistisch wirkt.
Anders als man bei der Thematik erwarten könnte, verzichten die Regisseure völlig auf die üblichen Klischees des Berlin-Mythos. Erfolgs-stories von Startup-Unternehmern, Drei-Tage-Wach-Wochenenden im Berghain oder neospießige Kleinfamilien beim Wohnungskauf in Prenzlauer Berg kommen also darin nicht vor. Von der Masse der kreativen Prekären aus aller Welt, die die angesagten Ecken der Stadt bevölkern, erfährt man im Film sehr wenig. Max lebt in Schöneberg in einer Zweier-WG mit einer älteren Feministin und früheren Hausbesetzerin, die ihm zu erklären versucht, wie deutsche Frauen funktionieren; Gino, Restaurantbesitzer und Hobbyfotograf, kam in den achtziger Jahren wegen der Liebe nach Berlin, obwohl er eigentlich nach Paris wollte; Ruth hat aus dem Berlin-Trend ein Geschäft gemacht und verkauft nun Immobilien an junge Italiener, die, statt bei ihren Eltern daheim wohnen zu bleiben, sich gleich eine Wohnung kaufen lassen. Der einzige, der dem Stereotyp des neuen Berlin-Kreativen ein wenig entspricht, ist Mauro, der irgendwas mit Film macht und am Maybachufer-Markt Bruschetta verkauft, um über die Runden zu kommen. Er glaubt, etwas Grundsätzliches über Berlin begriffen zu haben: »Wenn du hier kein Künstler bist, bist du niemand.« Aber arbeiten müsse man trotzdem. Eine Erkenntnis, die in dieser Stadt, die einem »wie ein riesiger Freizeitpark« vorkommt, nicht so banal ist, wie sie klingt.
Obwohl Berlin auf all diejenigen, die es zu Hause zu nichts gebracht haben, wie ein Magnet zu wirken scheint – weil es hier »einfacher ist als anderswo, es zu nichts zu bringen« –, herrscht auch dort ein gewisser Druck, denn auch das kosmopolitische urbane Pennertum des neuen Jahrtausends hat seine Regeln. Nur unter sich zu bleiben, ist ein No-go, man will ja nicht für einen dämlichen Touristen gehalten werden, sondern zeigen, dass man es ernst meint, in Berlin leben, Sachen machen will und so. Doch von den Deutschen ernst genommen zu werden, das ist schwer. Bei der Zimmersuche zum Beispiel, bei der man potentiellen Mitbewohnern davon erzählen muss, was für ein Mensch man sei, ob gesellig oder eher ruhig und zurückhaltend, oder wie party- und drogenerprobt man sei und so weiter. Ein unnötiger Stress, findet Mauro: »Dabei will man nur ein Zimmer … So eine Scheiße.«
Überhaupt diese Deutschen, die machen es einem nicht einfach. »Es heißt, zwischen uns und den Deutschen gebe es eine starke Anziehung und gleichzeitig eine große Ablehnung«, erfährt man an der Stelle, an der die Protagonisten zu den Unterschieden zwischen »uns« und »ihnen« gefragt werden. Die Antworten sind, wieder einmal, sehr subjektiv und zeigen, dass das Leben in Deutschland nicht unbedingt dazu beigetragen hat, alte Vorurteile abzubauen. Eher das Gegenteil ist der Fall, ähnlich wie bei der Suche nach italienisch aussehenden Schauspielern.
So haben diejenigen, die mit Deutschen eine Familie gegründet haben, ein Problem damit, dass bei der Erziehung großer Wert auf die Kontrolle von Gefühlen gelegt werde. Nachtragend seien sie auch, das habe man davon, wenn man Emotionen auf die Dauer nicht rauslasse. Immer müsse man alles ausdiskutieren, das sei schlicht anstrengend. Dass die Deutschen keine Esskultur besitzen und nur essen, »um den Magen zu füllen«, ist ja allgemein bekannt, nicht vielleicht der Umstand, dass kein Italiener auf die Dauer damit klarkommt, egal, wie lange er schon hier ist. Kein Wunder, dass sich Heimweh so oft anhand des Themas Essen artikuliert, irgendwann erwischt das jeden. Auch die positiven Deutschen-Klischees werden hier im Grunde alle bestätigt: Verantwortungsbewusst, zuverlässig, ehrlich, pünktlich seien »sie«. Also all das, was »wir« nicht sind, allein dafür verdienen sie Respekt. Ein soziologischer Erkenntnisgewinn ist das nicht, aber das macht nichts.
Tania Masi und Alessandro Cassigoli gelingt in »La Deutsche Vita« ein vergnügliches, unprätentiöses und stets selbstironisches Spiel mit all den Klischees und Identitätszuschreibungen, die auf beide Seiten herrschen, in dem sich viele der neuen und alten italienische Zuwanderer ein wenig wiederfinden werden. Aber es ist auch ein Film über Berlin, eine Stadt wie eine Beziehung, eine schwer greifbare Hassliebe, die so gut wie jeder kennt, der sich irgendwann entschlossen hat, dorthin zu ziehen, ganz egal, aus welcher Ecke dieser Welt.

La Deutsche Vita. Regie: Tania Masi und Alessandro ­Cassigoli. Kinostart: 6. März