Out ist das neue In. Jungle World-Autoren aus und über Berlin

Dickes B und nix dahinter?

Einst schallte es fröhlich aus unseren Musikboxen: »Everyone Is Moving to Berlin« und »Halleluja Berlin, alle wollen da hin«. Plötzlich sangen Kraftklub: »Auch wenn dort alle meine Freunde sind, ich will nicht nach Berlin!« Doch ach, mit diesem Lied gegen den Trend waren Kraftklub auf einmal ganz vorn beim neuesten Trend: beim Berlin doof Finden. Ist Berlin jetzt wirklich out? Oder ist Outsein schon wieder das neue Insein? Wir blicken da wirklich nicht mehr durch und haben uns daher bei Berlin-Experten umgehört.

Leider verpasst
Ich habe ja von 1995 bis 1998 in Leipzig gelebt, damals hieß es noch nicht »Leipzig ist das neue Berlin«, denn damals war ja Leipzig eher das alte Leipzig, aber immerhin habe ich in dieser Zeit in irgendeinem amerikanischen Magazin (das man sich noch am Bahnhof besorgen musste und das das halbe Bafög gekostet hat) den Satz gelesen: »Prague is over – it’s Cairo now.« Den Satz habe ich überhaupt nicht verstanden, ich war ja erst 20 und kam gerade aus der Provinz, die zwar für mich over war, aber deshalb gab es die Provinz natürlich immer noch. Ich bin dann auch nicht nach Kairo gefahren, um zu schauen, ob es das denn jetzt wohl sei, aber immerhin erinnerte ich mich daran, dass mir mal jemand erzählt hatte, dass damals, vor sehr vielen Jahren, Tanger die Stadt überhaupt gewesen sei, das sei aber auch schon ziemlich lange her. Na ja, und dann lebte ich ein paar Jahre in München, wo man mir erzählte, wie irre es in München gewesen sei, noch in den achtziger Jahren, ganz toll, aber ich war zu der Zeit in München, als dann angeblich »alle« nach Berlin gezogen sind, nur ich nicht, ich kam etwas später in Berlin an, und die, die schon da waren (also »alle«), erzählten mir ungefragt, dass ich das Beste leider schon verpasst hätte – das ist übrigens 14 Jahre her, New York Times! Ich bin dann trotzdem geblieben und jetzt weiß ich also, dass ich in Berlin zu spät war, in Leipzig zu früh, München hätte ich zeitlich eh nicht geschafft, von Tanger mal ganz abgesehen. Und es ist mir egal. Überall ist es besser, wo ich nicht bin.
Matthias Kalle
Endlich Platz
Nur zwei sich in lustvollen Verrenkungen ihren Trieben hingebende Männer habe sie bei ihrem Besuch des Berghains beobachten können, beklagte kürzlich eine Touristin aus dem angloamerikanischen Kulturraum – und war bitterlich enttäuscht. Einer der beiden muss wohl ich gewesen sein, damals, als ich noch nicht zu alt war für öffentlich zelebrierte Sexualität. Das Berghain habe seine besseren Zeiten hinter sich, schreiben nun Hipsterpostillen wie die Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel beieinander ab – und jetzt fordert auch noch die Jungle World eine Glosse bei mir an: Distinktion und Sex und Drogen, stilistisch schön zurecht gebogen. Dabei hat die bestürzende Vorstellung, zukünftig womöglich im doch recht nah an der Fascho-Ukraine gelegenen Krakau dem Puls der Zeit hinterherfühlen zu müssen, noch gar nicht Einzug gehalten in mein von Poppers und Gleitgel vernebeltes Hirn. Aber es stört mich gar nicht, dass die Brooklyner Bescheidwisserboheme nun Osteuropa gentrifiziert und nicht mehr pinkelnd die für wichtige Gespräche reservierten Toiletten blockiert! Endlich hat es ein Ende mit der wirklich rundum traurigen Frage: »Do you have any drugs?« Für any drugs sind sowohl Krakau als auch Istanbul vermutlich die besseren Adressen. The hype is over? Lasst uns feiern! Endlich wieder Ringelpiez mit Anfassen, auch untenrum!
In einem Cut-up-Gedicht, das ich vor einigen Jahren für das Programmheft des Berghain verfasste, dichtete ich auf einem der Sache angemessenen Niveau: »Technohölle, Lastertempel, Rumgeknutsche, Angerempel.« Mit Letzterem ist es jetzt vielleicht bald vorbei. Immerhin: Endlich wieder Platz zum Tanzen. Oder eben zum Ficken. Schade nur um die ganzen jungen und willigen Touristen. Aber für Sex in der Disko bin ich mittlerweile sowieso zu alt.
Timon Engelhardt
Mainstream für Minderheiten
Ich dachte bisher, die eigenen Landsleute im Ausland indiskutabel peinlich zu finden und ihnen instinktiv aus dem Weg zu gehen, sei eine deutsche Spezialität (eine der wenigen sympathischen, nebenbei bemerkt). Anlässlich der »Berlin is over«-Debatte lernte ich kürzlich, dass hippe New Yorker inzwischen ähnlich empfinden. Und aus der eigenen Überpräsenz in Berlin folgern, die Hauptstadt sei nun endgültig durch. Die Williamsburger zeichnet ein bemerkenswertes Maß an Selbstreflexion aus. Die stetig nach Berlin strömenden deutschen Provinzeier sind von dieser Erkenntnis weit entfernt. Klar: Wer das Pech hat, in einem »national befreiten« Dreckskaff in der Zone geboren zu sein, der sollte besser gestern als morgen flüchten. Und wer einer sexuellen Minderheit angehört, wird nirgendwo glücklich werden, wo keine hinreichende Menge potentieller Sexualpartner anzutreffen ist. Aber wenn vollbärtige und tätowierte heterosexuelle Exilheidelberger mit Undercut, Oberstudienratshintergrund und irgendwasmitmedienaffinem Studium die »Enge« und »Spießigkeit« ihrer Heimat beklagen, ist das im Jahr 2014 lächerlich.
Nicht, dass Heidelberg nicht spießig wäre. Aber das Spießertum in deutschen Mittelstädten ist heute erfreulich tolerant. Es gibt im Westen wenige Orte mit mehr als 50 000 Einwohnern, wo man als Punk oder Totaltätowierter überhaupt wahrgenommen wird. Allerdings begegnet der totaltätowierte Punk im Alltag dauernd Menschen, die komplett andere Vorstellungen vom gelungenen Leben haben. Ob man diese Konfrontationen täglich auf sich nehmen mag, sagt alles über die eigene Weltoffenheit und wenig über die der Mitmenschen aus. Punk scheißt eigentlich auf die Meinung der Nachbarn. Berlin zieht seit mindestens 20 Jahren die Außenseiter der Republik an – und ermöglicht ihnen dadurch inzwischen ein spießiges Mehrheitsleben innerhalb ihrer hier riesigen Subkulturen. Theoretisch kann man in Berlin auch heute noch nonkonformistisch leben: Als Punk in Grunewald, als Wirtschaftsanwalt in Hellersdorf, als williamsburger Hipster in Marzahn. Praktisch tut das natürlich niemand, weil es schlicht unkomfortabel ist. Und so findet jeder in Berlin eine Peergroup, die so groß ist, dass niemand sie jemals verlassen muss. Super für alle, die sich nicht aussuchen können, welcher Minderheit sie angehören. Für jene, die aus Distinktionsgründen dem Mainstream entkommen wollen, ist Berlin damit tot. Was den Kollateralnutzen hat, dass bekennende bourgeoise Provinzspießer wie ich ebenfalls ihre Ecke finden. Schön, wieder hier zu sein!
David Harnasch
Game over
Wenn der Hype um Berlin nun am Ende ist, dann heißt das nur, dass der nächste schon unterwegs ist. Um das Ende eines Hypes ist es nie schade, denn dieser ist nur die Inszenierung eines Trends für Leute, für die die Anziehung der Masse und die Aufgabe selbständigen Denkens attraktiv sind. Die Loveparade oder das Berghain sind nur erfolgreiche Geschäftsmodelle, die langweilig und idiotisch sind, weil es sich um das Freizeitvergnügen von Partyvolk handelt. Und das wird vermutlich nicht aussterben. Es ist nicht innovativ und es ist nicht besser als der normale Tourist, der die Stadt überschwemmt auf der Suche nach dem Hype, dem in den Feuilletons der Zeitungen fleißig Futter gegeben wird. Entscheidend ist nicht irgendeine Partygängerszene auf der Suche nach dem ultimativen Kick, sondern der Prozess der Modernisierung Berlins, für den das Partyvolk nur so etwas wie ein pittoreskes Beiwerk ist. Die Zeit des ranzigen Berlin mit der rußgeschwängerten Luft, als es noch richtige Straßenschlachten um Häuser gab und Bauskandale, über die ein Senat stolperte, ist vorbei, ebenso die Zeit unmittelbar nach der Wiedervereinigung, als auf den Brachflächen und in den Ritzen der Stadt so etwas wie wildes Leben wucherte. Inzwischen wurde alles zugebaut, die Bezirke werden langsam durchgentrifiziert, die Schlacht um die Stadt, wenn es denn je eine gegeben hat, ist längst entschieden. Paris, London und New York sind die Zukunft Berlins. Und Berlin holt mit großen Schritten auf.
Klaus Bittermann
Zwischen Kitzbühel und Südpol
Jetzt auch noch die Berliner. Selbst jene selbstzentrierten Zonis, die um die millimetergenaue Vermessung des Wecken-Äquators zanken, glauben nun, Leipzig sei das neue Berlin. Und ihren Drei-Zonen-Fuffzig-Kiez finden sie nicht mehr angesagt? Deshalb soll nun Leipzig zum Hipsterloch werden, zur Chill-out-Area für die Kulturkreativen? Bad News: Die gibts schon en masse und mehr können die zwei Starbucks-Filialen nicht verkraften.
Im Ernst. Noch langweiliger als Schwanz- und Diktaturvergleiche ist das Städtemessen. Seit es der New York Times einfiel, Leipzig – neben Kitzbühel und dem Südpol – Touristen wärmstens zu empfehlen, leistet das Feuilleton ganze Arbeit, um die Blase hübsch prall zu halten. Wer aber gibt was auf Hipness-Experten von Zeit und FAZ? Und jetzt, wo der Bürgermob Moscheebauern und Flüchtlingen mit Fackelmärschen die sächsisch-sympathische Aufwartung macht, sind nur noch Weltwoche und Deutsche Stimme begeistert.
Als »Boomtown« wurde Leipzig schon Anfang der neunziger Jahre hochgejazzt – damit sich hier Einfältige wie Eva Herman mit Immobilienkäufen ruinieren. Da nehmen viele Einwohner auch das neuerlich ausgerufene »Hypezig« eher auf die leichte Schulter; das Label kam ja von außen und ist keine Selbstbeschreibung. Verdrängungseffekte sind ohnehin in Gang. Als Quartierspatriotismus getarnter Kiezfaschismus macht – wenn auch auf weniger Postleitzahlengebiete ausgedehnt als in Berlin – die Runde. Aber das wird sich wieder legen. Denn die vielen Zugezogenen wie Nietzsche oder Goethe haben es nie lang ausgehalten. Kinder der Stadt wie Leibniz oder Ulbricht hat man gern selbst vergrault. Übrigens wünschte schon Luther diesem »Sodom und Gomorra« mit seinem »Wucher« – ihm waren wohl zu viele Juden in der Stadt – die Katastrophe: »Im Jahr 54 wird Leipzig eine Stadt gewesen sein.« Das Jahrhundert hat er nicht beziffert. Also bleibt man hier weiterhin gelassen.
Tobias Prüwer
Hyper, hyper!
Mythos Berlin! Europas Szene-Mekka hat nicht nur eine einzigartige geographische Lage inmitten des entvölkerten, wildromantischen Brandenburger Sumpf- und Ödlands zu bieten, sondern auch exklusive Clubs (O2-Arena, Bertis Brutzelbude, NPD). Darüber hinaus locken tolle Ausflugsziele wie die crazy Großraumdiskothek Berghain (mittwochs Ladies-Schlammcatchen »für ihn«, samstags Schaum-Disco) oder abgefahrene Fun-Locations wie das Holocaust-Mahnmal. Auch wettermäßig wird Action pur geboten: Peitschender Ostwind und cooler Dauerregen erwartet Sie. Berlin gilt unter Szene-Kennern als absoluter Geheimtipp: Erleben Sie eine unvergessliche Zeit zwischen verwesenden Plattenbauansammlungen, malerischen Billig-Shopping-Oasen, Nacht­tankstellen und imposanten Baugruben. Zahlreiche Event-Wanderwege mit formschönen Hundehaufen, 24-Hours-Nonstop-Verkehrslärm und superverwahrloste Spaßfreibäder (Landwehrkanal) versprechen einen perfekten Kurzurlaub für verwirrte Spätpubertierende. Genießen Sie auch das unverwechselbare Flair des seit Hunderten von Jahren vom sogenannten Hauch der Geschichte umwehten Premium-History-Standorts Berlin (Hugenotten, Hitler, Honecker).
Tagsüber laden unfassbar hässliche Betonmauerreste, die mit außergewöhnlich schlechter Kunst versehen sind (»East Side Gallery«, fast Original-»DDR«), zum Entlangflanieren und zu superkreativen Fotoshootings ein. Das haben Fantastilliarden von Berlin-Besuchern vor Ihnen schon so gemacht, kann also nur total geil sein! Mit etwas Glück treffen Sie sogar auf ortskundige deutschsprachige Touristen, die Ihnen die Grunzlaute der Berliner Ureinwohner in verständliche Sprache übersetzen! Und das Beste: Überall kann man schlechtes Dosenbier kaufen, ausgestorbene Kulturen bei ihren bizarren Verrichtungen (»Demos«) bestaunen und superentspannt sinnlos an Straßenecken herumstehen, auch nach 22 Uhr. Probieren Sie das doch mal in Bad Mergentheim oder Pfaffenhofen! Freuen Sie sich auf die deutsche Top-Megacity, die so unvergleichliche internationale Spitzenkünstler hervorgebracht hat wie Harald Juhnke und Cherno Jobatey.
Demnächst an dieser Stelle empfohlen: Schramberg – die heimliche Hipster-Metropole im Schwarzwald (Extremtrend »Brezelsegen«). Wo der Hobbykeller der Schwaben nachts zum tabulosen Dancefloor wird: Endkrasser Uhrenfetischismus meets Präzisions-Dancing. Außerdem: Was Sie schon immer über die Schwabenszene wissen wollten, aber nie zu fragen wagten – der neue Alm-Öhi-Look, Gangbang »Heidegger-Style« und das Geheimnis des Trollinger-Crystal-Meth-Cocktails.
Thomas Blum
Hauptstadt des Nichts
Die Achtziger – das war die Dekade als Tragödie, während die Zehner jetzt zum Jahrzehnt der Farce geraten. Das zeigt sich insbesondere in den Metropolen, deren Alltagsleben sich als anschaulicher Ausdruck des Niedergangs der Moderne im letzten halben Jahrhundert darstellt. So auch eben in: Berlin! Die Achtziger waren hier die letzte kulturelle Blütezeit, Blumen am Arsch der Hölle, Reste von Provokation und Underground, von »Ku’ damm 12. April 1981« bis zur ersten Loveparade im Vereinigungsjahr, wo es dann leider vorbei war mit Berlin (West) und Ostberlin. Im Übrigen wurde zur selben Zeit ja überhaupt erstmals von Hypes gesprochen: Public Enemy skandierten »Don’t believe the hype«! Doch einem Hype nicht zu glauben erwies sich alsbald gerade als Grund, an ihn zu glauben. Ein Hype wurde zum Surrogat für die Lifestyle-Paradoxien der Neunziger und Nuller, für das, was heute zur Hipster-Ideologie geronnen ist: die Authentizität des Nichtauthentischen. Berlin ist für diesen Quatsch zur Hauptstadt gemacht worden, zur Bühne selbstbewusst auftretender Selbstdarsteller ohne Selbst, die brav ihren Milchkaffee, ihre Miete und ihre Musikdownloads bezahlen. Der Berlin-Hype hat so die Werbeprospekte, Magazine und Reiseführer mit lustigen Bildern versorgt. Menschen mit Geschmack, Verstand und zwei Hirnhälften ist das aber weit­gehend egal, ob sie nun in Berlin wohnen oder anderswo.
Roger Behrens