Die Geschichte Anne Franks als Musical in Amsterdam

Anne wird unsterblich

Eine aufwendige Amsterdamer Theaterproduktion bringt das Schicksal Anne Franks als Musical auf die Bühne.

In der Pause zwischen den Proben hat Otto Frank alles, was das Herz begehrt: ein erlesenes Buffet, eine mehr als geräumige Kantine mit Billardtisch und bequemen Sitzecken, und die Glasfront bietet einen Fünf-Sterne-Blick auf den Hafen von Amsterdam. In Unterhemd und Socken steht der Schauspieler Paul R. Kooij an der Kaffeemaschine, brandneu wie alles hier. Welch ein Kontrast zu seiner Rolle des Otto Frank, zum Hinterhaus, zur Angst und erstickenden Enge!
Das Theater Amsterdam, eigens errichtet für das Musical »Anne«, hat in den Niederlanden einiges Aufsehen verursacht, und das schon vor der Weltpremiere am Jahrestag der Befreiung. Nicht, dass man den Akteuren die Annehmlichkeiten nicht gönnt. Aber muss es sein, fragte eine TV-Reportage im April, dass sich die Zuschauer mit dem Boot zur Vorstellung bringen lassen? Gehen Luxus und Leid derart zusammen, dass man den Horror auf der Bühne mit einem Mehrgängemenü buchen kann, oder mit einem Knabber- Sortiment für die Pause?
Dahinter steckt eine ethische Frage: Wie viel Entertainment verträgt das Thema Holocaust? Wie passen Konsum und Aufklärung, gastronomischer Service und die Geschichte der Familie Frank im Unterschlupf zusammen? In den Niederlanden wird das Schicksal Anne Franks nicht als Einzelfall betrachtet. Gerade die in Amsterdam ansässige Anne Frank-Stiftung, Betreiberin des Museums im einstigen Versteck der Familie an der Prinsengracht, prangerte die vermeintlich pietätlose Kommerzialisierung des Themas an. Ist »Anne« also ein Tabubruch?
Der Premierenabend lässt die Debatte in den Hintergrund treten. Im Amsterdamer Holzhafen liegt der rote Teppich für ein wahres Schaulaufen der Prominenz aus. Viele bekannte Schriftsteller sind gekommen, was wohl daran liegt, dass mit Jessica Durlacher und Leon de Winter zwei bekannte Autoren für das Libretto gewonnen werden konnten. Dabei sind auch Anne Franks damalige Schulfreundin Jacqueline van Maarsen und ihr Cousin Buddy Elias, der heutige Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel, der, wie auch die Anne-Frank-Stiftung, mit der Verwaltung des Nachlasses betraut ist.
Die Kritiken, die am nächsten Tag erscheinen, sind euphorisch. In der Tat muss man dem 20 Darsteller umfassenden Ensemble um die Schauspielschülerin Rosa da Silva, die die Rolle der Anne Frank spielt, große Könnerschaft attestieren, so überzeugend bringen sie den lähmend-klaustrophobischen Alltag im Unterschlupf auf die Bühne – durchaus auch mit jüdischem Witz. So spottet Otto Frank über mögliche Fluchtwege, sollten die Deutschen auf der Flucht vor den Alliierten die Niederlande unter Wasser setzen: »Wir ziehen uns die kippot als Bademützen über die Ohren und schwimmen mit den Nasen nach unten, damit niemand sieht, dass wir Juden sind.«
Während der Probe zehn Tage zuvor amüsierte sich Leon de Winter sichtlich über den Auftritt der launischen Auguste van Pels (Debbie Korper), die sich mit Ehemann und Sohn in derselben Wohnung versteckt hielt wie die Familie Frank. Als Augustes Mann ihren geliebten Pelzmantel verkaufen lässt, um die Kosten des Verstecks zu finanzieren, bekommt sie einen Tobsuchtsanfall. Eindringlich wird geschildert, wie die bürgerlichen deutschen Juden, die nach 1933 in die Niederlande emigrierten, nach und nach alles verlieren, und sie sich in der Öffentlichkeit kaum zeigen dürfen, wie sie erst zu Ausgestoßenen, zu Untergetauchten, schließlich zu Todgeweihten werden.
Das Bühnenbild besteht aus Nachbauten des alten Wohnhauses der Familie und des Verstecks, es wurde bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Die Technik ist aufwendig. Es gibt drehende Scene-Around-Elemente und verschiebbare Etagen. Verantwortlich dafür ist der Co-Produzent Robin de Levita, der am Broadway gearbeitet hat. Kurz vor der Premiere hatte de Levita noch Zweifel. All der technische Aufwand sei keine Garantie, dass der gewünschte Effekt eintrete, meinte er. Und sprach von der Gefahr, sich an der Größe der Aufgabe zu verheben.
Überhaupt: Es gibt da, rund um das monumentale Theater Amsterdam, ein eigenartiges Gefühl von Demut. De Levita, erfahren mit Mega-Produktionen, nennt »Anne« sein wichtigstes Projekt. Eine Ehre sei es für ihn, dieser jungen Generation, die ohne den Kontakt mit Holocaust-Überlebenden aufgewachsen ist, das Schicksal Anne Franks zu vermitteln. Eben, weil es nicht nur ihres ist: Auch de Levitas Vater versteckte sich als Jugendlicher jahrelang in einem Keller.
Gleiches gilt für den Vater der Script-Autorin Jessica Durlacher, selbst ein deutscher Jude, der in die Niederlande emigrierte. Auch Leon de Winter und Co-Produzent Kees Abrahams stammen aus Familien von Überlebenden. »Sehr emotional«, so Durlacher, sei die Produktion daher gewesen. Gerade weil so viele Beteiligte eine ganz persönliche Verbindung zu dem Bühnenstoff hätten, sei man möglichst bescheiden damit umgegangen.
Neu ist, dass »Anne« im Unterschied zum Broadway-Stück von 1955 nicht nur auf dem Tagebuch, sondern auf der Gesamtausgabe mit Schriften Anne Franks basiert. Das Publikum lernt die Wohnung der Franks im ruhigen Süden Amsterdams kennen und sieht die Schwestern Anne und Margot in Bergen-Belsen. Das Stück imaginiert Anne Frank, die in Bergen-Belsen ermordet wurde, nach der Befreiung als Studentin in Paris lebend. Dieses »Was wäre wenn?« ist einer der wesentlichen Ansatzpunkte. Was, fragten sich Durlacher und de Winter, wäre aus diesem Mädchen geworden, hätten die Nazis Anne Frank nicht ermordet?
Begleitet wird das Bühnenspiel von Bildern, die auf riesige Leinwände projiziert werden. Es sind Originalpassagen aus dem Tagebuch, aber auch Filmsequenzen von marschierenden Nazis, Amsterdam zur Zeit der Besatzung, Bombenangriffe und antisemitische Hetzreden. Bloßes Beiwerk ist das nicht, vielmehr will man offenbar den Sehgewohnheiten der multimedial sozialisierten Jugend entsprechen. Eine Inszenierung wie zu Shakespeares Zeiten, so Yves Kugelmann, Stiftungsrat des Anne- Frank-Fonds, sei für Jugendliche nicht geeignet.
Womit wir wieder bei der Kontroverse um »Anne« wäre. Ist dieses Musical, das einige zu bombastisch finden, dem Stoff wirklich angemessen? Kugelmann meint, die Produktion bewahre die Tradition, sich öffentlich mit der Shoah auseinanderzusetzen. Co-Autorin Jessica Durlacher hat derweil einen eher pragmatischen Zugang: »Wenn man verwöhnte Leute ansprechen will, solche, die sich für den Krieg nicht interessieren, muss man denen auch etwas bieten.«

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