Eine Kritik an Hamed Abdel-Samads Buch »Der islamische Faschismus«

Heiliger Faschismus

Ist der Islam faschistisch? Der Publizist Hamed Abdel-Samad hat sich mit dieser Frage beschäftigt, doch seine Argumen­tation ist nicht schlüssig.

Es klingt beeindruckend, was die Verlagsgruppe Droemer Knaur zur Veröffentlichung des Buches »Der islamische Faschismus« von Anfang April mitteilt: Der Autor des »wichtigen Buches«, Hamed Abdel-Samad, sei ein profilierter »islamischer Denker«, der nachweise, dass der faschistoide Gehalt des Islamismus im Islam von Beginn an angelegt sei; die »Grundzüge des Faschismus« würden durchscheinen »in der Religion, die stets über dem Menschen steht«. Bereits die fragwürdige Klassifikation des nicht gläubigen Religionskritikers Abdel-Samad als »islamischer Denker«, der er nicht ist, lässt aufhorchen. Bietet sie dem Verlag doch das nötige Alibi für ein Werk, dessen pauschalisierendes Urteil über »den Islam«, »die Muslime« und den »Islamofaschismus« sonst vielleicht vorsichtiger aufgenommen worden wäre. Abdel-Samad schreibt gerne von »den Muslimen«, die sich, wie er an einer Stelle mit süffisantem Ton anmerkt, »nicht einmal einig« seien, »welche Form des Islam nun die eine wahre ist« – dass dieser Satz die Rede über »den Islam«, wie sie sich auch bei ihm findet, eigentlich ad absurdum führt, sei nur am Rande angemerkt.

Neben der Entfaltung seiner Hauptthese vom faschistischen Gehalt des »Ur-Islam« als Wurzel des modernen Islamismus beziehungsweise Islamofaschismus finden sich bei ihm Kapitel zu verschiedensten Themen, darunter zur Beziehung der ägyptischen Muslimbrüder zu den Nazis, zum »Mufti« Amin al-Husseini oder zum vermeintlichen islamischen »Pornotopia des Paradieses«. Seine Hauptthese, die von Verlag und Autor in der Öffentlichkeit unzutreffend auf die banale Feststellung verkürzt wurde, es gebe Ähnlichkeiten zwischen Faschismus und Islamismus, lautet: Der Islamismus ist totalitär und faschistoid, die Wurzeln dieses Faschismus liegen im »Ur-Islam«. Um dies zu belegen, argumentiert Abdel-Samad auf zwei Ebenen. Zunächst zählt er unter Bezug auf Ernst Nolte, Ernest Gellner und Umberto Eco schlicht Merkmale auf, die sich beim europäischen Faschismus wie beim Islamismus fänden. Der Faschismus teile die Welt in Freund und Feind ein, richte sich gegen die Moderne und das Fremde, glorifiziere Opferbereitschaft und Tod, mythisiere die Vergangenheit und sei entstanden in krisengeschüttelten, »verspäteten Nationen«. All dies finde sich auch beim Islamismus – sei doch der Islam gewissermaßen eine »verspätete Religion«. Der offensichtliche Anachronismus dieser Herleitung wird nicht reflektiert. Ohne jeden Zusammenhang zur schwer nachvollziehbaren These von einer »verspäteten Religion« betont er aber, dass die gesellschaftliche Situation, in der Faschismus und Islamismus entstanden, die der Moderne sei, die des »Übergangs von der ländlichen zur urbanen Gesellschaft«. Der Islamismus sei als Totalitarismus – wie Faschismus und Bolschewismus – »antiurban«. Dass der Bolschewismus antiurban gewesen sei, wird schlicht behauptet. Abdel-Samad bezieht sich positiv auf das Totalitarismuskonzept und hat offenbar nur einige bürgerlich-konservative Historiker rezipiert.
Die Klassifikation von Faschismus und Islamismus als antimodern und gegenaufklärerisch ist hingegen zutreffend. Nur steht diese Einsicht diametral seiner eigentlichen These entgegen, wonach die Wurzeln des Faschismus im ursprünglichen Islam lägen. Dass er meint, »sowohl säku­lare Diktaturen als auch deren islamistische Widersacher« würden von dem Hass zehren, den er als wesenhaft für den europäischen wie islamischen beziehungsweise islamistischen Faschismus ausmacht, verstärkt diesen Widerspruch nur umso mehr.

Wo nicht schlüssig argumentiert wird, finden sich Assoziationen und Behauptungen. So weist er im Kapitel über arabischen Antisemitismus darauf hin, dass die Unterdrückung von Minderheiten und politischen Gegnern und die Stillstellung jeder gesellschaftlichen Dynamik durch die autoritären arabischen Regime einen »perfekten Nährboden für islamistischen Fundamentalismus und Antisemitismus« dargestellt hätten. Um im Folgesatz, ohne auf die angeführten gesellschaftlichen Zusammenhänge einzugehen, zu konstatieren: »Wenn man den Bogen von Abraham zur Gegenwart schlägt, wird offensichtlich, dass es sich um eine ›genuin islamische Krankheit‹ handelt«.
Nach dieser Diagnose auf der Basis von »Gemeinsamkeiten« will Abdel-Samad seine Kernthese auf einer zweiten Ebene historisch-theologisch belegen. Dazu führt er eine zentrale Gründungsgeschichte der jüdischen, islamischen und christlichen Tradition an, die Geschichte von Abraham und Isaak. Nachdem er diese kurz auf Basis des Koran referiert hat, befindet er schlicht: »Abraham ist bereit, die Befehle Gottes, seines ›Führers‹, auszuführen, ohne den Sinn oder moralischen Gehalt dieses Befehls in Frage zu stellen. Er ist sogar bereit, den eigenen Sohn zu opfern. Zwei zentrale Aspekte des Faschismus: bedingungsloser Gehorsam und Opferbereitschaft bis zum Äußersten«. Es stimmt, dass es hier um die bedingungslose Unterordnung unter den allmächtigen Gott geht, Religionskritiker und Atheisten führen immer wieder diese Geschichte an, um die »Unmenschlichkeit« der Religionen zu belegen. Doch müsste dadurch ebenfalls der faschistoide Gehalt von Judentum und Christentum nachgewiesen sein, was Abdel-Samad nicht reflektiert. Er ignoriert einfach die über Jahrhunderte währenden theologischen Auseinandersetzungen um diese biblische und koranische Geschichte, die etwa um den bedeutsamen Verzicht auf das Menschenopfer kreisen, der durch diese Geschichte Gesetzesform erlangte.
An diesen und vielen anderen Stellen zeigt sich ein Autor, dessen religiöses Wissen aus der Zeit seiner Sozialisierung bei den Muslimbrüdern stammt, die als moderne und politische Bewegung die komplexen und ambivalenten theolo­gischen Traditionen von Fiqh oder Kalam immer ignoriert haben. Hat er sich nun auch von den Islamisten abgewandt, bleiben sein Wissen über religiöse Traditionen, Gesetze und Pflichten sowie sein Gottesbild bestimmt von ihrem ideologischen identitären Begriff »des Islam«.

Detaillierte Untersuchungen zu den Begegnungen zwischen arabischen Akteuren, Nationalsozia­lismus und Faschismus gibt es hingegen von Autoren wie Israel Gershoni, James Jankowski, Götz Nordbruch oder Peter Wien, die seit Jahren zu diesen Fragen forschen und publizieren. Diese fehlen bei Abdel-Samad, auch seine allgemeinen Ausführungen zum arabischem Nationalismus, Islamismus und Nationalsozialismus, zu al-Husseini und Nasser oder zu Muslimbruderschaft und SA bleiben leider hinter dem Niveau gegenwärtiger Forschungsdebatten zurück. Nur an wenigen Stellen wird zudem klar, inwiefern die diversen von ihm angeführten historischen Zusammenhänge und Ereignisse seine These vom »islamischen Faschismus« stützen. Autoren wie Matthias Küntzel und Jeffrey Herf rezipiert er nicht vollständig und mit sachlichen Fehlern.
Dass die Muslimbruderschaft uniformierte Milizen gründete, genauso wie die »säkularen« chauvinistischen Organisationen »Masr al-Fatat« oder die »Futuwwa« in Ägypten, ist richtig. Peter Wien spricht in diesem Zusammenhang von einer autoritären »Generation der Führersehnsucht«. Dass der »Mufti« Amin al-Husseini Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus war, ist ebenfalls richtig. Nur wurde er von den Briten zum »Mufti« ernannt, hatte keinerlei theologische Bildung und Qualifikation und argumentierte häufig nationalistisch – mit oder ohne religiöses Vokabular. Bei den meisten von Abdel-Samad angeführten Entwicklungen handelt es sich eher um ideologische Reaktionen auf krisenhafte Transformationsprozesse der kapitalistischen Moderne, als um einen im ursprünglichen Islam angelegten Faschismus. Denn der identitäre Bezug auf den glorreichen ursprünglichen Islam wäre wohl ebenso wie der Bezug auf die glorreiche arabische Vergangenheit im Sinne Eric Hobsbawms und Benedict Andersons als »erfundene Tradition« zu betrachten, nicht als die Tradition selbst. Doch hier spricht wieder der islamistisch sozialisierte Autor. Die erfundene Tradition versteht er als Realgeschichte, die Erzählung der Muslimbrüder vom Islam, der identitätslogische Zugriff auf die Religion, ist in seinen Augen gleichbedeutend mit der Religion selbst.
Das Buch wird als Bestseller beworben und ist Teil eines Diskurses, der von populärwissenschaftlichen bis populistischen Beiträgen zu Islam, Islamkritik und Integration dominiert wird. Seine überwiegend positive Rezeption im bürgerlichen Feuilleton erklärt sich nur vor dem Hintergrund zugrundeliegender Bedürfnisse, die Abdel-Samad gerne befriedigt. So ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass der »Aufklärer« offenbar nichts Verkehrtes dabei fand, seine Thesen auch in einem Interview mit der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit darzulegen.

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