Platte Buch

Spiel! laut!

Sieben Jahre sind seit Valerio Tricolis letztem Soloalbum vergangen. Die Zeit hat er gut genutzt: Er hat mit seiner Band 3/4 Had Been Eliminated deren fünftes Album herausgebracht, in etlichen Kollaborationen gespielt sowie bei zahlreichen Live-Auftritten das Handwerk an seinem Instrumentarium perfektioniert, in dessen Zentrum eine Revox-Bandmaschine steht. Auf »Miseri Lares«, Tricolis jüngstem Soloalbum, vermeidet der Italiener große Gesten: Spektakuläre Dynamiksprünge, plötzliche Schnitte und abrupte Atmosphärenwechsel, wie sie die Musique concrète häufig prägen, sind auf diesem Album kaum zu hören. Dafür filigran gebaute Musik, in der sich in kleinen Schritten eines aus dem anderen ergibt. Manchmal hat das Längen; einige Passagen klingen, als hätte jemand das Rascheln der nur mäßig spannenden Tonspur von Vatis Homevideo durch den Einsatz von Echo und Hall zur Klangkunst machen wollen. Darüber lässt sich aber hinweghören, denn vor allem die längeren Collagen folgen einer klaren Dramaturgie. Hier wirkt das Zusammenspiel von Geräuschen, Stimmensam­ples und eingestreuten tonhaften Passagen plötzlich beunruhigend. Die Stücke entwickeln dann eine unheimliche Atmosphäre, mit der man nachts auch die Nachbarn das Fürchten lehren kann. Denn der peinliche Hinweis, der uns von vielen Punk-Platten entgegentönt: »Meant to be played loud«, wäre oft gerade auf den Alben dieser leisen Musik angebracht. Diese feine Platte gewinnt erst durch Lautstärke ihre unvermutete Wucht.

Valerio Tricoli: Miseri Lares (Pan Records 2014)

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