Dave Zirins Buch über Weltmeisterschaften und Neoliberalismus

Tanz den Teufel

Bücher vor der WM in Brasilien: Dave Zirin sieht die WM als Trojanisches Pferd des Neo­liberalismus

Dave Zirin ist Reporter und hat in brasilianischen Favelas mit Arbeitern gesprochen, die unter enormem Zeitdruck, mit schlechter Bezahlung und miserablem Arbeitsschutz die WM-Stadien bauten. Zirin, der in den USA derzeit wohl prominenteste, in jedem Fall prononcierteste linke Sportjournalist, ordnet seine Beobachtungen auch politisch ein. Das ist oft erhellend – etwa, wenn er über den Zusammenhang von Favelas, WM und Gentrifizierung nachdenkt oder die Theorie des Historikers Jules Boykoff (selbst ein früherer US-Profifußballer) über »Celebration Capitalism«, der sich zum »Disaster Capitalism« wie ein Cousin verhalte, referiert. Zirins zentrale These ist, dass es sich bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen um »neoliberale Trojanische Pferde« handelt, also um gesellschaftliche Übel, die in attraktiver Verpackung daherkommen.
Doch manchmal gerät die – ja im Grunde spannende und beinah überzeugende – These zu platt, um überzeugend zu sein: Muss man Brasiliens ehemaliger Präsident Lula wirklich als Verräter präsentieren? Muss seine sozial­demokratische Nachfolgerin Dilma Roussef wirklich (in einem zustimmend wiedergege­benen Zitat) als »nur eine Kapitalistin« charakterisiert werden? Ist die russische Politik (nach Sotschi 2014 und vor der WM 2018) wirklich nur dadurch zu erklären, dass Putin einige Oligarchen schon von Kindesbeinen an kennt? (So dumm reden doch sonst nur Deutsche daher, die stolz darauf sind, Putin nicht zu verstehen.) Und auch die scheinbare Beobachtung, der Neoliberalismus mache den brasilianischen Fußball »so statisch wie das europäische Spiel, von dem es sich einst so freudvoll emanzipiert hatte«, lässt sich mit Blick auf europäische und brasilianische Profiligen nicht bestätigen. All das sind Einwände, die aber weder Zirins Buch noch seinen sportjournalistischen Ansatz abwerten sollen: Er stellt Sportler und Fans, die Arbeiter auf den WM-Baustellen und die Demonstranten gegen die Verschwendung in den Mittelpunkt seiner Sportbetrachtung. Damit zeigt Zirin, warum Sport so groß und schön ist – und erklärt, warum er ein so bedeutendes Kampffeld bei der Durchsetzung und Abwehr des neoliberalen Kapitalismus geworden ist.

Dave Zirin: Brazil’s Dance with the Devil: The World Cup, the Olympics, and the Fight for Democracy. Verlag Haymarket Books, Chicago 2014, 246 Seiten, 11,60 Euro

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