Eine Kindergewerkschaft in Bolivien plädiert für die partielle Legalisierung von Kinderarbeit

Arbeitskampf ist kein Kindergeburtstag

In Bolivien kämpfen Kindergewerkschaften für ein Gesetz, das die Kinderarbeit nicht kriminalisieren, sondern fair regulieren soll. Viele Familien sind auf das Einkommen ihrer Kinder angewiesen.

Auf den Feria América von Cochabamba sind junge Burschen, die Waren von einem Ende zum anderen transportieren, alles andere als selten. Gerald Vino Vidal ist einer von ihnen, jeden Samstag ist er auf dem Wochenmarkt im Zentrum der viergrößten Stadt Boliviens mit der Sackkarre unterwegs. Der 13jährige quirlige Junge transportiert dann Kartons, dicke Bündel und Kunststoffkisten zwischen den Geschäften hin und her, aber auch die Einkäufe von Kunden des Marktes bis zum Parkplatz oder zur Bushaltestelle. Gerald ist ein pfiffiger, freundlicher Junge, der auf dem Markt beliebt ist. Dort verdient er sich das Geld für seine Schulsachen und seine Kleidung. »Ich arbeite, weil meine Mutter uns ein besseres Leben ermöglichen will, aber das Geld dafür nicht ausreicht«, sagt der Sprecher der »Organización de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores de Cochabamba«, der Kinderarbeiter von Cochabamba, kurz Onatsco. Unter der Woche geht der Junge mit dem Bürstenschnitt zur Schule, lernt, spielt, hilft seiner Mutter im Haushalt, wenn er nicht gerade für die Interessen der minderjährigen Arbeiter in Cochabamba oder gar auf nationaler Ebene im Einsatz ist. Das ist derzeit öfter der Fall, denn in Bolivien kämpfen die minderjährigen Arbeiter landesweit für mehr Rechte und mehr Akzeptanz.
»Wir wollen mitentscheiden, wenn es um uns und unsere Arbeit geht«, sagt Gerald, der bereits im Fernsehen in einer Talkshow aufgetreten ist und zu den wortgewandten Kinderarbeitern der nationalen Dachorganisation der arbeitenden Kinder, der »Unión de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores de Bolivia« (Unatsbo), gehört, einer regelrechten Kindergewerkschaft.
Die erste Organisation von Kinderarbeitern in Bolivien entstand Mitte der neunziger Jahre in der Bergbaustadt Potosí. Dort wird seit Jahrhunderten das Silber des »Cerro Rico«, des »reichen Berges«, gefördert und Kinderarbeit ist in Bolivien auch im Bergbau sehr verbreitet. Schätzungen des Arbeitsministeriums zufolge arbeiten rund 850 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren regelmäßig. Jedes vierte Kind ist folglich auf einen Job angewiesen, weil das Geld zu Hause nicht ausreicht, um alle nötigen Ausgaben zu bestreiten. »Das ist die Realität in Bolivien«, sagt Eli­zabeth Patiño Durán, Kinderrechtsexpertin der Menschenrechtsorganisation »Terre des Hommes« im Regionalbüro Cochabamba. Die ehemalige stellvertretende Ministerin für Jugendschutz hält wenig von den restriktiven internationalen Vorgaben: »Vor den nationalen Verhältnissen können wir nicht die Augen verschließen und es sind die arbeitenden Kinder und Jugendlichen, die mehrfach für eine Anpassung der Gesetze auf die Straße gegangen sind.«
Die letzte von mehreren Demonstrationen fand am 18. Dezember 2013 in La Paz statt, dabei haben die arbeitenden Kinder landesweit auf sich und ihre Forderungen aufmerksam gemacht. Warum protestieren sie? »Weil die Parlamentarier immer wieder über unsere Köpfe hinweg entscheiden«, sagt Deivid Pacosillo Mamani. Der junge Mann aus El Alto, einer über La Paz auf einer Hochebene liegenden Zuwandererstadt, gehört zur ersten Generation der politisch aktiven Kinderarbeiter. 2005 hat er die Organisation der Kinderarbeiter von El Alto, Connatsdea, mitgegründet, 2007 den ersten Marsch der Kinderarbeiter von Bolivien als deren Sprecher mitorganisiert und derzeit berät der nunmehr 26jährige seine Nachfolger an der Führung der Unatsbo. Pacosillo arbeitet für die Nichtregierungsorganisation »Wiphala«, die sich in den Schluchten der Backsteinbauten von El Alto um minderjährige Kinderarbeiter kümmert, die nach familiären Konflikten auf der Straße leben.

Beim Dachverband der Organisationen der Kinderarbeiter in La Paz laufen die zähen Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern, Parlamentariern, internationalen Experten und den Betroffenen seit mehr als einem halben Jahr. Erklärtes Ziel ist es, das Kinder- und Jugendgesetz des Landes an die 2008 verabschiedeten Verfassung anzupassen. Diese verbietet die Ausbeutung der Kinder, nicht aber deren Arbeit. Nun soll das nationale Gesetz diesen Vorgaben entsprechend angepasst werden, und dafür haben die Betroffenen zahlreiche Vorschläge gemacht:
»Wir wehren uns gegen ein pauschales Verbot der Kinderarbeit unter 14 Jahren, wie es derzeit laut den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation existiert. Wir wollen, dass bei Kindern unter zwölf Jahren genau geprüft wird, ob die Arbeit nicht vertretbar ist«, erklärt Pacosillo, der Sozialpädagogik an der Universität von El Alto studiert. Er hat an der Abfassung der Forderungen der Unatsbo mitgearbeitet und auch bei den Treffen mit den Parlamentariern und mit Präsident Evo Morales war er immer dabei. Erfolgreiche Treffen, denn die Kinderarbeiter haben es geschafft, die Abgeordneten zu sensibilisieren. »Sie haben die Senatoren und Abgeordneten einfach gefragt, wie es in ihrer Jugend war? Ob sie als Kinder nie arbeiten mussten, ob sie immer alles Nötige gehabt hätten? Die Senatoren haben geantwortet: Puh, das stimmt.« Das war der Durchbruch und schließlich wurde eine Delegation der Kinderarbeiter, unter ihnen war auch Gerald aus Cochabamba, von Präsident Morales empfangen. Dieser hat selbst als Kind Zuckerrohr geschlagen und Kokablätter geerntet.

Für Boliviens Präsidenten ist die Forderung der minderjährigen Arbeiter nach einem Ende der pauschalen Verurteilung der Kinderarbeit nachvollziehbar. Kinderarbeit sei Teil der nationalen Kultur und trage dazu bei, dass die Kinder ein soziales Bewusstsein entwickeln, so Morales. Er muss vermitteln, denn auch beim letzten Treffen zwischen den Vertretern der Kinderarbeiter und den Verhandlungsführern aus Parlament, Senat und Ministerien Anfang Juni blieben einige Punkte offen. Besonders strittig ist, ob es ein generelles Verbot von Kinderarbeit unter zwölf Jahren in Bolivien geben soll. Nur die abhängige Beschäftigung von Kindern unter diesem Alter soll untersagt werden, während die selbständige Arbeit von Kindern unter zehn Jahren nicht erlaubt, aber toleriert wird – solange die Familien wirtschaftlich darauf angewiesen sind. Das trifft für viele Familien in Bolivien zu. Geralds Mutter ist alleinerziehend und ihr kleiner Markstand wirft oft nicht genug ab, um alle nötigen Dinge zu finanzieren, erzählt Gerald. Der redegewandte Junge mit den munter blitzenden dunklen Augen hat vor gut zwei Jahren angefangen, mit der Sackkarre über den Markt zu laufen, um den Käufern und Händlern seine Dienste anzubieten. Er war damit erfolgreich, aber seine Tätigkeit war mit dem alten Kinder- und Jugendgesetz eben nicht vereinbar. Dieses verbietet Arbeit von Kindern unter 14 Jahren und hält sich damit an die Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und deren Konventionen 138 und 182 zum Schutz der Kinderrechte. Die hat Bolivien unterzeichnet und folgerichtig muss sich das zweitärmste Land der Region auch an sie halten.
»Mit der Realität in Cochabamba, Potosí und El Alto hat die Konvention aber nichts zu tun«, erklärt Pacosillo. Familiäre Gewalt, Ausbeutung der Kinder und Jugendlichen und Perspektivlosigkeit sind typische Probleme, die der angehende Sozialarbeiter zumindest teilweise aus eigener Anschauung kennt. »Von klein auf habe ich für und mit meiner Familie gearbeitet. Das war vollkommen normal und nötig, um gemeinsam über die Runden zu kommen«. Als vocero, als Ausrufer der Haltestellen und Kassierer in Minibussen hat er gearbeitet. Die verbinden El Alto mit dem tiefer liegenden La Paz. Ein Verkehrsknotenpunkt ist die Plaza Ballivián, von der man einen prächtigen Blick über das sich in einen engen Talkessel zwängende La Paz hat. Hier fahren im Minutentakt Kleinbusse in alle Stadtteile des weitläufigen El Alto und hinunter nach La Paz. Eine Gruppe von Minderjährigen hält sich immer rund um die Bushaltestelle auf, die sich im hinteren Teil des ovalen Platzes befindet, der von der Statue der cholita dominiert wird. Die Statue steht für das erwachende Selbstbewusstsein der indigenen Bevölkerung und natürlich schwenkt die traditionell mit Rock, Umhängetuch und dem typischen Borsalino-Hut gekleidete Frau die wiphala, die Fahne der indigenen Bewegung, während sich ein kleiner Junge an ihrem Rockzipfel festhält.
Deivid Pacosillos Familie stammt aus einfachen Verhältnissen vom Land, aus der rund drei Stunden von El Alto entfernten Region von Sorata. Heute betreibt die Familie eine kleine Schuhproduktion. Lange musste Deivid kämpfen, bis die Eltern akzeptierten, dass ihr Ältester einen anderen Weg einschlug: nicht Handwerk, sondern Sozialarbeit. Die Idee entstand auf der Straße, als Deivid als Halbwüchsiger wieder mal von einem der Busfahrer um einen Teil des Lohnes für den Tag geprellt worden war. Da kam ihm gemeinsam mit anderen voceros die Idee, eine Organisation zu gründen, um gemeinsam für die Verteidigung der eigenen Rechte einzutreten. Das Beispiel war erfolgreich und heute vertritt Connatsdea rund 30 000 Kinderarbeiter in El Alto. »Wir treten gemeinsam auf, wenn Löhne nicht gezahlt werden, Mitglieder von Arbeitgebern schlecht behandelt werden«, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Die Gewerkschaft der Kinderarbeiter hat es, anders als in Nachbarländern wie Peru oder Venezuela, geschafft, auf sich aufmerksam zu machen, sich zu organisieren, weshalb im Frühjahr mehrere Delegationen aus anderen Ländern nach La Paz kamen, um die minderjährigen Genossen zu unterstützen, aber auch um von ihnen zu lernen, wie man sich besser organisieren kann. »Der Marsch der Kinderarbeiter war etwas Außergewöhnliches. So etwas hat es noch nicht gegeben und so werden wir national und international sichtbar«, sagt Pacosillo, der gelernt hat, mit den Medien umzugehen, und immer wieder in der nationalen Presse auftaucht.

Bei der ILO ist das nicht unbedingt gern gesehen. Die UN-Organisation mit Sitz in Genf besteht auf der Einhaltung der internationalen Konventionen, die Bolivien schließlich unterzeichnet hat, sagt Guillermo Dema. »Wir glauben, dass die Kinderarbeit Ausgrenzung und Armut festschreibt«, fährt der Kinderrechtsexperte der ILO fort. Er hat sein Büro in Lima und die ILO finanziert auch die eine oder andere Stelle im Arbeitsministerium in La Paz. Das sorgt für Einfluss und erklärt auch, warum sich die staatlichen Stellen so schwer tun, die mit den Kindern ausgehandelten Kompromisse in das neue Kinder- und Jugendgesetz zu übertragen. Das wäre nämlich nicht kompatibel mit den ILO-Konventionen 138 und 182, sagt »Terre des Hommes«-Expertin Elizabeth Patiño. Sie plädiert für mehr Flexibilität, »weil Verbote die Kinderarbeit in den Untergrund verbannen, wo die Ausbeutung der Kinder sehr viel einfacher ist«. Zudem verweist sie auf die Tatsache, dass Kinderarbeit auch in Europa vor nicht allzu langer Zeit noch Gang und Gäbe war. Kinder, die wie in Bolivien, Indien oder Nigeria ihren Eltern in der Landwirtschaft helfen, hat es hier vor ein paar Dekaden noch gegeben. Wichtiger seien effektive Kontrollen, um die Ausbeutung und die Arbeit von Kindern in Bergwerken, Steinbrüchen oder bei der Zuckerrohrernte zu unterbinden. Derartige Arbeiten sind für Kinder laut der neuen Verfassung von 2008 verboten. Ein Schutz- und Begleitprogramm für arbeitende Kinder, das vom UN-Kinderhilfswerk Unicef und dem bolivianischen Staat finanziert wird, soll die Kontrolle verbessern und ist im neuen Gesetz enthalten. Wann es allerdings der Öffentlichkeit vorgestellt wird und ob es wirklich mit den ILO-Vorgaben bricht, muss sich noch zeigen.
Nach neuen Schätzungen von Unicef arbeitet fast jedes sechste Kind zwischen fünf und 14 Jahren, weltweit sind das mindestens 150 Millionen Kinder. Für magere Löhne, die oft unter dem jeweiligen Mindestlohn liegen, schuften sie in der Landwirtschaft, als Straßenverkäufer oder Dienstboten – und oft unter Bedingungen, die ihrer Gesundheit und Entwicklung schaden. Besonders weit verbreitet ist die Kinderarbeit in Afrika südlich der Sahara, wo laut Unicef rund 69 Millionen Mädchen und Jungen regelmäßig arbeiten müssen. In Süd- und Ostasien arbeiten rund 66 Millionen Kinder und in Lateinamerika und der Karibik etwa zwölf Millionen. Kinderarbeit ist längst nicht immer sichtbar, denn Kinder tauchen oft in keiner Statistik auf, obwohl sie in Haushalten, auf Müllkippen, beim Recycling oder als Schuhputzer schuften. Dabei werden sie längst nicht immer bezahlt, denn minderjährige Haushaltshilfen sind oft nur für Kost und Logis im Einsatz, das aber bis zu 16 Stunden lang. Die wirksamste Vorbeugung gegen diese millionenfache Ausbeutung von Kindern besteht in sozialer Absicherung der Familien gegen Armut und Krankheit sowie in Bildungsangeboten, argumentieren Experten wie Danuta Sacher, Vorstandsvorsitzende von »Terre des Hommes«. Doch da hapert es nicht nur in Ländern wie Indien, sondern auch in Bolivien und Peru.

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