Deutsche Nazis werben für einen Israel-Boykott

Ehrensache Israelhass

Auch deutsche Nazis gehen zurzeit gegen Israel auf die Straße. Manchen ist das zu wenig, sie werben für den Boykott israelischer Waren.

Es wird wieder viel demonstriert dieser Tage in Deutschland, wie immer, wenn es einen Anlass gibt, Parolen gegen Israel oder auch gleich gegen »die Juden« zu rufen. Dass sich unter denen, die dort ihre vermeintliche Solidarität mit dem »palästinensischen Volk« verkünden, auch Neonazis befinden, ist wenig verwunderlich und war bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Anlässen zu beobachten. Neu hingegen ist der Eifer, mit dem die deutsche Neonaziszene sich des Themas annimmt.

So hielt am 18. Juli im rheinland-pfälzischen Trier der dortige Kreisvorsitzende der NPD, Safet Babic, einen Redebeitrag auf einer antiisraelischen Demonstration. Denn immerhin, so schrieb die Trierer NPD im Internet, sei »antiimperialistische Solidarität eine Ehrensache« für »Befreiungsnationalisten«. Außer einigen örtlichen Antifaschisten und Mitgliedern der Partei »Die Linke«, die gegen den Aufmarsch protestierten, schien sich an der Anwesenheit der dank Poloshirts mit Parteilogo gut erkennbaren Neonazis niemand zu stören. Nach Angaben der NPD beteiligten sich andere Demonstrationsteilnehmer an der Verteilung von Flugzetteln der Partei.
Unter den etwa 100 Teilnehmern der Demons­tration sollen nach Angaben der NPD auch Mitglieder der Partei »Die Rechte« aus Dortmund gewesen sein, die dieser Tage immer wieder durch öffentliche Aktionen gegen Israel auffällt. So hatten Mitglieder der Partei bereits in der Woche zuvor, am 12. Juli, an einer ähnlichen Demonstration in Dortmund teilgenommen, an der sich insgesamt etwa 2 000 Menschen beteiligt hatten. Die Dortmunder Polizei sprach in den Ruhr-Nachrichten von »drei bekannten Mitgliedern der Dortmunder Neonaziszene«. Einer Dortmunder Antifa-Gruppe zufolge waren vier Kader von »Die Rechte« auf der Demonstration. Auch hier schien sich niemand an der Anwesenheit der Neonazis zu stören.
Am selben Tag nahmen mehrere Neonazis – nach eigenen Angaben und durch Fotos, die im Internet zugänglich sind, glaubhaft belegt – auch in Frankfurt am Main an einer Demonstration gegen Israel teil. Mitglieder der Autonomen Nationalisten Groß-Gerau und der Nationalen Sozialisten Rhein-Main berichten, sie hätten dort »viel Zuspruch und Lob« erhalten, obwohl sie mit ihrer »Gesinnung nicht hinter dem Berg« gehalten hätten. Auch von ihnen angestimmte Parolen seien von anderen Demonstrierenden aufgenommen worden.
Eine Woche später, am 19. Juli, waren die Autonomen Nationalisten Groß-Gerau zusammen mit Kadern der NPD und der relativ neuen Neonazipartei »Der III. Weg« auf einer antiisraelischen Demonstration in Mannheim, verteilten Flug­zettel und hielten mitgebrachte Schilder in die Höhe, auf denen unter anderem »Israel vernichten« stand. Auch dort waren zumindest einige von ihnen anhand ihrer T-Shirts deutlich als Neonazis zu erkennen und auch dort schien sich niemand daran zu stören.

Am Freitag, dem 25. Juli, waren auf der Berliner Demonstration zum al-Quds-Tag ebenfalls einige Neonazis zugegen, unter anderem aus dem Umfeld der JN Brandenburg. Sie klatschten begeistert Beifall, als es während der Auftaktkundgebung hieß, es sollten nur deutsche Parolen gerufen werden. Zudem waren einige »Reichsbürger« sowie ein junger Mann anwesend, auf dessen T-Shirt das Motto der Wehrmacht, »Gott mit uns«, zu lesen war und der ein Schild bei sich trug, auf dem stand: »Juden trinken Blut. Tote Kinder landen bei McDonald’s«. Es wurde ihm jedoch von der Polizei noch vor Beginn des Aufmarsches abgenommen. Dass sich dann auch noch der Anmelder, der deutsche Konvertit Jürgen Grassmann, von der Bühne aus über die »verdammte arabische Mentalität« beschwerte, nachdem er sich kurz zuvor noch gegen Rassismus ausgesprochen hatte, womit aber wohl ohnehin nur wieder der vermeintliche Rassismus Israels gemeint war, fiel das auch nicht weiter auf.
Bereits drei Tage zuvor, am Dienstag, dem 22. Juli, hatten 14 Neonazis der Partei »Die Rechte« und aus deren Umfeld im Dortmunder Stadtteil Lüdgen ein Fußballspiel zwischen einer Stadtteilauswahl und der U19 des israelischen Vereins Maccabi Netanya gestört. Unter anderem zeigten sie eine Reichsflagge und riefen Parolen wie »Juden raus aus Palästina« und »Nie wieder Israel«.
Im Internet lebt die extreme Rechte in Deutschland ihren Hass auf Israel derzeit besonders deutlich aus. »Meine Solidarität gilt Palästina und dessen unterdrücktem Volk! Schluss mit dem Zionismus«, forderte zum Beispiel der Vorsitzende des Berliner Landesverbandes der NPD, Sebastian Schmidtke, auf seiner Facebook-Seite. »Hier geht es doch um die Enteignung der Palästinenser«, so Schmidtke weiter. Noch perfider äußern sich die Freien Nationalisten Saalfeld, die in einem Artikel auf ihrer Internetseite die Politik Israels mit dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen und die Sowjetunion vergleichen und dabei von einem »Volk ohne Raum« sprechen. »Das, was den Deutschen als Ostpolitik zu Zeiten Adolf Hitlers vorgeworfen wurde, findet aktuell mitten unter uns im Nahen Osten statt«, heißt es weiter. Deutlicher können Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus kaum miteinander verbunden werden.
Gleich eine eigene Internetseite hat die Kampagne »Israel mordet – und die Welt schaut zu!« ins Netz gestellt. Hier finden sich neben allerlei antisemitischer und revisionistischer Propaganda zahlreiche Fotos und Berichte verschiedener Gruppen von Demonstrationen, die sie besucht haben, und von Aktionen, für die sie verantwortlich waren. Eine »deutsche Stimme gegen Israel« wird hier gefordert und gleich mehrfach behauptet, am »palästinensischen Volk« werde ein »Genozid« verübt. Unterstützt wird die Kampagne von 14 Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um sogenannte Freie Kameradschaften. Es sind aber auch einzelne Gliederungen der JN und der Partei »Die Rechte« darunter.

Die Partei »Der III. Weg« ruft zu praktischer Solidarität auf, nämlich zum Boykott israelischer Waren. Es gelte, etwas gegen den »zionistischen Völkermord« zu tun. Israel, so heißt es in dem Aufruf, sei ein »Terrorstaat« und ein »widernatürliches Raubstaatgebilde«. Damit man auch weiß, was man zu boykottieren hat, verweist die Partei auf eine Liste vermeintlich israelischer Firmen, die das islamistische Internetportal »Muslim-Markt« veröffentlicht hat. »Kauft nicht bei Juden!« ist eben auch heutzutage noch ein beliebter Slogan – und das nicht nur bei Nazis.

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