So gehn die Deutschen, Teil 1: An China haben sie viel zu meckern

So gehn die Deutschen: Wenn der Nörgler sich zeigt

Große ­Sommerserie über Deutsche ­im Ausland 1. Folge: China Die Deutschen kommen in China gut an. Aber China nicht bei den Deutschen.

Man kann sich über das Benehmen der Deutschen in China nicht beklagen. Das allerdings liegt wohl weniger an den Deutschen selbst, sondern an den Umständen, die sie hier vorfinden. Die Deutschen sind nämlich in China sehr beliebt, und das in nahezu jeder Beziehung. Steigt man in Peking in ein Taxi und erfährt der Fahrer durch geschickte Fragetechnik (»Aus welchem Land kommst Du?«), dass man Deutscher ist, kann man sicher sein, dass er beginnt, alle ihm bekannten deutschen Automarken aufzuzählen und über den grünen Klee zu loben. Er wird eventuell sogar auf Deutsch »das Auto« sagen können, denn mit diesem Slogan wird auch in China der Dazhong qiche, das »Massenfahrzeug« a.k.a. Volkswagen beworben. Ähnliche Erfahrungen wird man machen, wenn es um den deutschen Fußball geht. Noch im letzten Dorf der chinesischen Provinz kennt der Durchschnittsmann mindestens fünf deutsche Fußballspieler mit ihrem (chinesischen) Namen, und schwärmt einem – wenn man nicht aufpasst – stundenlang etwas von Keluoze (Klose) vor oder von Xiao Zhu, dem »kleinen Schwein«, wie Schweinsteiger auf Chinesisch heißt.
Während der Fußballweltmeisterschaft war die Begeisterung der Chinesen für Deutschland und die Deutschen ganz besonders offensichtlich. Von den 1 600 Menschen, die beim Endspiel auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Peking der deutschen Nationalmannschaft auf einer Großbildleinwand zujubelten – von drei bis fünf Uhr in der Nacht –, waren etwa ein gutes Viertel Chinesen. Und sogar derzeit noch tragen etliche Pekinger deutsche Nationalmannschaftstrikots durch die Stadt spazieren.
In der Begeisterung für deutschen Fußball und deutsche Produkte kommt aber auch eine grundsätzliche Sympathie der Chinesen für alles Deutsche zum Ausdruck. Man schätzt »deutsche Tugenden« wie Fleiß und Gründlichkeit, weshalb das Land auf Chinesisch auch »De Guo« getauft wurde – »Tugendland«. Selbst die Nazivergangenheit kann dem chinesischen Enthusiasmus für Deutschland nichts anhaben. Im Gegenteil. In der Provinz trifft man immer wieder auf schlichtere Gemüter, die einen Deutschen quietschvergnügt mit »Cheil Xitele« begrüßen, und die einem versuchen zu erklären, was für ein toller Typ der Führer doch war. Und selbst an einem der Pekinger Busbahnhöfe sah ich neulich einen Provinzler, der sein Unterhemd der Volksbefreiungsarmee mit reichsdeutschen Adlern, die Hakenkreuze in den Fängen hielten, aufgepimpt hatte.
Unter chinesischen Intellektuellen findet man solche Vorlieben für Hitler und Nazi-Symbolik selbstverständlich nicht. In diesen Kreisen preist man Deutschland dafür, dass und wie es seine Nazivergangenheit gründlich aufge­arbeitet habe, und hält dies als leuchtendes Vorbild den Japanern entgegen: »Seht her, die Deutschen haben alles richtig gemacht, und sich für ihre Untaten entschuldigt. Ihr nicht.«
Was auch immer die Deutschen anstellen: Den Chinesen scheint es zu gefallen. Das geht den Deutschen in China natürlich runter wie Putin der morgendliche Smoothie. Kein Wunder, dass man sich in einem Land, in dem einem so viel Gutes widerfährt, auch gut benimmt. Zumindest gibt es über das Auftreten von Deutschen in der chinesischen Öffent­lichkeit keine Klagen.
Nur wenn die Deutschen unter sich sind, dann geht das Gemecker über China und die Chinesen los. Erst neulich beschwerte sich eine Bekannte im kleinen Kreis angeekelt darüber, dass eine chinesische Mutter ihr Kleinkind mitten auf den Bürgersteig habe, äh, defäkieren lassen. Das passiert nun tatsächlich ge­legentlich – ich habe so etwas in meinen zehn Jahren hier in China vielleicht drei bis vier Mal beobachtet –, doch die Frau tat so, als sei es gang und gäbe: »Warum machen die das?« war der Satz, den sie immer wiederholte. »Die«, das war das gesamte Kollektiv der Chinesen.
So geht es nicht selten zu, wenn Deutsche unter sich sind und sich keinen Zwang antun müssen. Da wird bemängelt, dass Chinesen nicht wirklich gründlich putzen können, es wird erklärt, dass es lebensgefährlich sei, chinesische Lebensmittel zu essen – eigentlich ist alles vergiftet –, da wird über das chinesische Bier hergezogen – praktisch nur Wasser – oder über das Schulsystem – produziert nur Untertanen und unselbständige Roboter.
Natürlich macht in den Augen der Deutschen auch die chinesische Regierung nichts richtig. Sie ist schuld an der Luftverschmutzung in Peking – auch wenn der Deutsche, der über sie schimpft, nicht daran denkt, selbst auf seinen Audi- oder BMW-Panzer zu verzichten –, ihre Wirtschaftspolitik führt demnächst direkt in eine Katastrophe und die Immobilienblase platzt seit geschätzten acht Jahren ganz sicher jetzt im nächsten Jahr. Okay, die letzten beiden Prophezeiungen haben in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, dass ich in den ersten Monaten nach meiner Ankunft in China bei Diskussionen mit anderen Deutschen oft für mich dachte: Wäre ich die chinesische Regierung, ich würde euch alle rausschmeißen. Sofort.
Inzwischen nehme ich allerdings das Gemecker kaum noch wahr. Und nur ab und zu noch schwinge ich mich in Diskussionen zur Verteidigung von chinesischen Gewohnheiten auf, oder versuche zu erklären, was an der Politik der chinesischen Regierung vernünftig ist und was nicht. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich im Laufe der vergangenen Jahre auf einen Burschen gestoßen bin, der mich sehr viel mehr beunruhigt als das Verhalten meiner Landsleute. Dieser Typ – ein wirklich unangenehmer Geselle – ist der Deutsche, der in mir steckt.
Anfangs benahm er sich noch relativ harmlos. Er ärgerte sich zum Beispiel nur gelegentlich, wenn sich ein Müllsammler mit seinem Lastwagen direkt neben einer Nobelwohnanlage aufgebaut hatte und mit seinen Papierballen, Plastikflaschentonnen und seinem Elektronikschrott die Optik störte. Vor allem aber behielt er damals noch seine Meinung für sich.
Mittlerweile aber fängt er an, sich einzumischen. Dabei tut er sich gerne als Pädagoge hervor, worin die Deutschen ja besonders gut sind. Als er neulich einen extrem blasierten Vater samt Frau und Kind im Pekinger Hauptbahnhof dabei beobachtete, wie er sich in einer Schlange vordrängelte, fragte ihn mein innerer Deutscher forsch: »Können Sie sich nicht anstellen, so wie ich auch?« Weil der Vater darauf antwortete: »Was geht denn Sie das an?«, begann der Deutsche zu toben. Er erklärte meiner chinesischen Frau lang und breit, solch ein Verhalten sei wieder mal typisch für die chinesische Gesellschaft, die zusehends verarschloche.
Seit einem halben Jahr wird der Deutsche in mir sogar richtig gefährlich. Weil chinesische Autofahrer Fußgänger auf Zebrastreifen grundsätzlich ignorieren, hat er beschlossen, einfach trotzdem über die Straße zu gehen, wenn sich ein Auto dem Streifen nähert. So stoppt der Irre entweder die Autos mit seinem Körper, oder er springt im letzten Moment zurück und beschimpft das weiterfahrende Auto lautstark vom Straßenrand.
Wahrscheinlich wird mich dieser deutsche pädagogische Radikalismus eines Tages noch das Leben kosten. Dann hat der Deutsche in mir endlich genau das geschafft, was Deutsche ja auch mal ganz gut konnten: Er hat einen umgebracht. Na, wenigstens wird das Opfer dann ein Deutscher sein.

Christian Y. Schmidt schildert in seiner Reiseerzählung »Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai nach Kathmandu« auch einige Begegnungen mit deutschbegeisterten Chinesen. Das Buch erscheint am 2. September in neuer Ausstattung im Dresdner Kahl-Verlag.

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