Zwischen Banlieue und Gated Community: die Großsiedlung Alt-Erlaa

Zwölfdreißig Wien

Eine 40 Jahre alte Großsiedlung im Süden Wiens zeigt bis heute, welches Potential moderne Hochhausarchitektur entwickeln kann.

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Sollte jemals die anonymisierte Stellenbewerbung gängige Praxis werden, müsste in Wien die Verschleierung der Wohnadresse ganz oben auf der Liste stehen. Dabei spielt weniger der Straßenname eine Rolle als die Postleitzahl, deren zweite und dritte Stelle die Nummer des Bezirks repräsentiert und die allein durch ihre Nennung die Gefahr der sozialen Stigmatisierung des Adressinhabers birgt. Liesing, der 23. Bezirk, ist so einer. Ganz im Südwesten Wiens gelegen, steht Liesing exemplarisch für eine Gegend irgendwo zwischen suburbanem Raum jenseits der Stadtgrenze mit Doppelhaushälften und Carports mit mindestens zwei Stellplätzen pro Haushalt und einem Bezirk wie Meidling, dessen Stadtbild von klassischer Blockrandbebauung geprägt ist.
Beispiellos ist in Liesing der Wohn- und Kaufpark Alt-Erlaa. Seine Daten lesen sich wie eine Aufzählung von Superlativen. Die 10 000 Bewohner leben auf einem Areal von 240 Hektar in gut 3 200 Wohnungen, die es mit 35 unterschiedlichen Grundrissen gibt. Dutzende von Hochgeschwindigkeitsaufzügen führen bis zu den Dachterassen in die 27. Etage. Eine halbe Treppe höher liegen die Freibäder mit veritablen 25-Meter-Bahnen. Diese und andere Gemeinschaftseinrichtungen, wie die kleineren Hallenbäder in den unteren Etagen, sind intergraler Bestandteil der Mietsache, nur für wenige Ausnahmen wie die Indoor-Tennisplätze und die Wellnessanlage mit 21 Saunen fallen geringe Extrakosten an. Nach vorheriger unkomplizierter Anmeldung stehen die Saunen dann fertig angeheizt zur Verfügung. Kinderspielplätze gibt es nicht nur im Freien, im Falle schlechten Wetters stehen große Gemeinschaftsräume mit vielen unterschiedlichen Spielgeräten zur Verfügung. Zwischen zwei Blöcken sorgt eine Kirche für das Seelenheil.
Die Anlage wurde in drei Bauabschnitten von 1973 bis 1985 von der Gemeinnützigen Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft entwickelt, die sich fast vollständig im Besitz der Stadt Wien befindet, und ist damit kein Teil des legendären Wiener Gemeindebaus im engeren Sinne (siehe Seiten 8 und 9). Kritisiert wurde das Vorhaben von Roland Rainer, einem Architekten und ehemaligen NSDAP-Mitglied, der der nationalsozialistischen Programmatik auch nach 1945 treu blieb und der das Einfamilienhaus als einzig angemessene Wohnform postulierte. Dabei hatten die Architekten von Alt-Erlaa unter Leitung von Harry Glück ebenfalls das Konzept von Einfamilienhäusern verfolgt, nur eben von solchen in gestapelter Form.
Den drei Blöcken liegt ein Einkaufszentrum zu Füßen, das den Anspruch des Ensembles auf Au­tarkie vervollständigt. Es gibt ein Ärztehaus, drei Kindertagesstätten, zehn gastronomische Einrichtungen und das Sendezentrum des eigenen Wohnpark-TV, das das örtliche Geschehen fest im Blick hat. Der 1995 fertiggestellte U-Bahnhof stellt die Verbindung ins Zentrum Wiens in weniger als einer halben Stunde sicher.
Die Logistik macht die Anlage möglich. 42 Techniker und Verwaltungsangestellte sorgen dafür, dass die Aufzüge und die elektronische Schließanlage funktionieren und die Müllabsaugung nicht zu viel Spitzenlast erzeugt, die die günstig ausgehandelten Verträge mit dem Energieversorger in Gefahr bringt. Die Warmmiete liegt bei 7,50 Euro pro Quadratmeter, eine Staffelung nach Etagen gibt es nicht. Zur Schattenseite dieses logistischen Kraftakts gehört die allgegenwärtige Videoüberwachung der Gemeinschaftseinrichtungen und die sensorische Erfassung der Schließtätigkeiten jedes Bewohners mittels RFID-Technologie, herkömmliche Schlüssel gibt es nicht mehr. Der Begriff Facility Management wird hier seiner Bedeutung gerecht.
Die Außengestaltung des Wohnparks hat indes nichts mit der Tristesse sozialistischer Plattenbauten gemein. Bis zum zwölften Stockwerk verjüngen sich die Bauten und jede Wohnung hat eine Terrasse, darüber behalten sie ihre Breite bis zur obersten Etage bei. Die drei Blöcke stehen sich nur in ihrer Längsachse symmetrisch gegenüber, sind aber mehrfach quer unterbrochen, bilden damit verschiedene Teilblöcke und gewähren so interessante Sichtachsen. Auch die Höhe jedes Teilblocks variiert leicht um vier Etagen. Die Grünflächen zwischen den Häusern machen mehr als die Hälfte der Fläche des gesamten Areals aus und folgen bester Lennéscher Gartenbau­tradition.
Dabei bleibt Alt-Erlaa für weite Teile der Linken ein Un-Ort. Er taugt als Projektionsfäche für eine Stadt, die als lebensfeindlich, wenig urban und artifiziell wahrgenommen wird. Die Bewohner sind demnach kaum handelnde Subjekte, sondern willenlos vom Beton geprägte Opfer einer Raumplanung, die längst der Vergangenheit angehört. Und falls noch letzte Zweifel an der Satisfaktionsunfähigkeit des Ortes bestehen, wird das Ergebnis der Wiener Gemeinderatswahl im Jahr 2010 herangezogen, bei der sich im 23. Bezirk die FPÖ um zwölf auf 25 Prozent verbesserte.
Das Gegenmodell ist die klassische Blockrandbebauung als alleinseligmachender, vermeintlich organisch gewachsener, hyperurbaner Raum in zentraler Lage. Kaum eine Irrationationalität wird ausgelassen, um das eigene Quartier abzugrenzen, das sich nur in Nuancen von anderen unterscheidet. Auf der Suche nach Distinktion wird der Raum immer kleinteiliger erforscht und sich angeeignet, Blöcke von wenigen Tausend Quadratmetern bekommen phantasievolle Namen, die schnell in den Sprachgebrauch übergehen. Die Diskursmacht seiner Bewohner aus überwiegend gebildeten Schichten verstärken diesen Trend.
Alle Faktoren, die die Lebensfeindlichkeit dieses urbanen Raums bestimmen, werden geflissentlich übersehen oder ausgeblendet, etwa die Folgen des motorisierten Individualverkehrs mit seinen verheerenden Konsequenzen für die Luftqualität und seiner Lärmbelastung in einer Stadt mit wenig Straßenbäumen wie Wien, in der fünfspurige Magistralen als »Gassen« verklärt werden, die einen einzigen, schwer zu ertragenden Resonanzkörper für den Verkehrslärm bilden.
Dabei ist die Renaissance der Innenstadt als lebenswerter Ort kein halbes Jahrhundert alt und lässt die Vermutung zu, dass das, was als lebenswert und attraktiv erscheint, viel mehr dem Diktat von Mode und Herdentrieb unterliegt als belastbaren Standortfaktoren.