Sonja Eismann hat Finnland bereist

Was ist ein Café, was ein Club?

Finnland für Anfänger. Sonja Eismann hat an einer Journalistenreise nach Helsinki teilgenommen.

Als ich an einem Augusttag nach Mitternacht in Helsinki lande, könnte es genauso gut Winter sein. Gedämpft und dunkel hängt die Nacht über dem sauber strahlenden, jetzt fast leeren Flughafen. Mit den Gedanken noch woanders, hoffe ich, mit dem vom Literaturbüro bestellten Fahrer keine Konversation machen zu müssen. Aber da kommt es schon, obwohl ich es auf dieser Reise so gerne umgehen wollte: das Finnland-Klischee. Der junge Chauffeur ist blass und blond und trägt einen kleinen, ebenso blonden Kinnbart. Als ich mit einem grimassierenden Lächeln auf ihn zu gehe und dabei auf das Schild mit meinem Namen in seinen Händen zeige, verzieht er keine Miene und bedeutet mir mit melancholischem Blick und seltsam eckigen Bewegungen, ihm zum Auto zu folgen. Auf der einsamen Autobahn, den wie ausgestorbenen Straßen Helsinkis wechseln wir kein Wort, und ich staune darüber, wie wenig es mir gelingt, die Ikonographie der Stadt zu entziffern. Was ist ein Café, was ein Club, was ein Geschäft, wo ist überhaupt die Werbung? Die Vorstellung davon, im Zeitalter einer globalisierten Warenkultur alles überall sofort wiederzuerkennen, wird hier angesichts einer verwirrend kleinteiligen, gleichermaßen elegant zurückhaltenden wie auch depressiv postsowjetischen Beschriftung und Gestaltung irritiert.
Was wissen wir, was weiß ich über Finnland? Außer dem alle Vorstellungen überlagernden Aki Kaurismäki (siehe der junge Flughafenchauffeur) fallen mir absurd zufällige Versatzstücke ein: das international gelobte frühkindliche Erziehungssystem. Finnisches Design von Alvar Aalto bis Marimekko und einer der ersten Street-Style-Blogs überhaupt, »Hel Looks«. Die finnische Musikszene vom etwas in Vergessenheit geratenen Techno-Heroen Vladislav Delay bis zur schwarzen Bluessängerin Mirel Wagner. Die Mumins natürlich, putzig tiefgründiges Nationalheiligtum, deren Schöpferin, Tove Jansson, zum 100. Geburtstag in Helsinki gerade eine große Ausstellung gewidmet ist. Und Sofi Oksanen, die paradiesvogelartige, finnisch-estnische Erfolgsautorin, die in ihrem Bestseller »Fegefeuer« mit einem estnischen Blick auf die freundliche Wehrmacht und die verrohten Sowjets nicht nur mich nachhaltig verstört hat.
Einige Tage später wird mir ein offizieller Kulturvertreter halb flüsternd anvertrauen, dass in der Tat in Finnland das »russische Trauma« nach wie vor so groß sei, dass die Deutschen retrospektiv von so manchen als das geringere Übel wahrgenommen würden – hätten doch in Finnland sogar Teile der jüdischen Bevölkerung auf Seiten der deutschen Wehrmacht gegen die Russen gekämpft.
Auch beim ersten Termin dieser randvoll gepackten »Begegnungsreise«, die vom rührigen, rein weiblichen Organisationsbüro Finnish Literature Exchange, kurz FILI, in Themen wie »Humor«, »Comics« und »Lyrik« eingeteilt wurde, geht es um den im finnischen Bewusstsein immer noch äußerst präsenten »Winterkrieg«. So heißt auch der erste Roman des smarten Journalisten Philip Teir, der im Ambiente einer hellholzigen, dezent prachtvollen Jugendstilvilla, dem Literaturhaus Villa Kivi direkt an der im Herzen der Stadt gelegenen Töölö-Bucht, von einem Moderator zu seinem süffisanten, flott geschriebenen Gesellschaftsroman rund um eine bourgeoise Familie zwischen Eheproblemen und »Occupy« befragt wird. Teir, wie sein Protagonist Teil der Schwedisch sprechenden, meist wohlsituierten Minderheit der Finnlandschweden, weist ironisch darauf hin, dass die Familie in seinem Roman ja nur ein Sommerhaus verloren habe, während Finnland im »Winterkrieg« ganz Kareliens verlustig ging. Und damit hat es sich dann auch mit politisch eindeutigen Angriffen. Während Teir, der große Teile seines Lesepublikums in Schweden findet – die schwedischsprachige Minderheit in Finnland besteht nur aus rund 290 000 Menschen –, London als Schauplatz wählt, widmet sich die heute ebenfalls anwesende junge Autorin Riikka Pulkkinen in ihrem nun auf Deutsch erscheinenden Erstling Themen, die die finnische Gesellschaft bewegen. Ihre Beschäftigung mit Sterbehilfe, Sex und pubertärem Ritzen soll bei Erscheinen des Buches in Finnland 2006 große Diskussionen ausgelöst haben. Wie auch die Tatsache, dass sie sich als eine Art finnisches »Fräuleinwunder« in Interviews mit Frauenzeitschriften gerne zu Heidegger, Hegel und Antigone äußere, während die Magazine immer nur über ihr Liebesleben Bescheid wissen wollten. Groß war dann mein Erstaunen bei der späteren Lektüre des Romans »Die Ruhelose«, einen von pathetischen Symbolismen durchzogenen Gefühlsaufwallungsroman über die heimliche Affäre zwischen einem verheirateten Lehrer und einer supersensiblen Schülerin in den Händen zu halten.
Wilde, gar politische Auseinandersetzungen, so zeigt auch das Treffen mit den Humoristen Tuomas Kyrö und Roope Lipasti am nächsten Tag im liebevoll überdekorierten Café Villipuutarha (wie im Prenzlauer Berg, nur viel netter), sind in Finnland nicht sehr beliebt. Die letzte größere öffentliche Debatte, erinnert man sich sarkastisch, kreiste um Farbe und Länge der Hose des Ministerpräsidenten (zu rot und zu kurz). In der Diskussion mit dem Moderator Roman Schatz, einem seit fast 30 Jahren in Finnland lebenden deutschen Journalisten, der als skurriler Humorimport ein Star ist, wird das nächste Klischee geliefert: Auch im betrunkenen Zustand komme es nicht zu hitzigen Wortgefechten – da prügele man sich lieber wortlos.
Die nach offizieller Darstellung umtriebige junge Lyrikszene wurde uns Journalisten und Journalistinnen am Nachmittag zuvor in Gestalt von Henriikka Tavi, Matilda Södergran und Jouni Inkala im modernistisch gammligen Setting des »Dubrovnik« – einer Kellerbar im Besitz von Kaurismäki, die früher mal ein Kino war – präsentiert. Das Vokabular entstammt häufig der Botanik und der Medizin, die Gedichte sind aber wenig werthaltig. Was sind denn jetzt die brennenden Anliegen der finnischen Literatur? Und wie kommt es eigentlich, dass uns in der sorgfältig kuratierten Auswahl nur autochthon finnische oder schwedische Namen begegnen, Menschen mit blassen Gesichtern und Haaren? Auf dem von mir verpassten Einführungsabend, klären meine netten Kollegen und Kolleginnen mich auf, sei neben der Erwähnung der eher mündlichen Erzählkultur der Samen und Saminnen durchaus zur Sprache gekommen, dass Finnland durch die strengen Einwanderungsgesetze eine nicht eben gerade, hm, ethnisch vielfältigen Gesellschaft sei. Im stilvoll eingerichteten Museum für zeitgenössische Kunst im Zentrum Helsinkis ist zur gleichen Zeit eine Ausstellung des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar zu sehen, der in einer Installation eine Million leere finnische Pässe auf- und nebeneinander gestapelt hat, um auf die restriktive Migrationspolitik hinzuweisen. Als ich am letzten, dem einzigen »freien« Tag an der Hietaniemenlahti-Bucht spazieren gehe, atme ich auf, als mir mehrere fröhliche Mädchen mit Kopftuch entgegenkommen.
Die Stimmung bei unserem letzten Termin, im Comic-Zentrum gegenüber der Kunsthochschule, das mit einer großen Auswahl an heimischen und internationalen Graphic Novels und Zines aufwartet, ist freundlich gedämpft. Die beiden geladenen Gäste, Amanda Vähämäki und Marko Turunen, zwei Vertreter der überaus produktiven Comic-Gemeinde, antworten eher ratlos auf die Fragen der Journalisten und Journalistinnen. Vähämäki macht klar, dass sie lieber ihr Werk – dichte Bleistiftzeichnungen des Familienalltags, in den auch gerne ein sprechender Hund oder Bär platzen kann – für sich sprechen lässt. Die unaufgeregte Langmut, mit der die beiden die Fragestunde über sich ergehen lassen, erinnert mich an die literarische Stadtführung am Tag zuvor, bei der der sonnenbebrillte Guide geduldig gegen das einsetzende tosende Gewitter anredete, während die Zuhörer und Zuhörerinnen ihm ergeben durch den Regen wie aus einer Waschanlage nachtrotteten – obwohl der versprochene »Star« der Führung gar nicht aufgetaucht war.
Wahrscheinlich ist es diese Atmosphäre von freundlicher Gelassenheit, die Helsinki und Finnland so angenehm macht. Nichts ist hier aufdringlich – nicht das erstaunlich uneinheitliche, unprotzige Stadtbild, durchzogen von kleinen Granitfelsen, nicht das funktionalistische finnische Design, dem ein ganzes Viertel neben der Innenstadt als offizieller Design Shopping District gewidmet wurde, nicht die Kultur, die in diesem kleinen Wohlfahrtsstaat mit immer noch recht üppigen Förderungen produziert wird, und natürlich schon gar nicht die Menschen. Aber natürlich, auch das will das Klischee, geht es auch ausgelassener: nicht nur beim Getränk, sondern auch in der Sauna. Zum Abschluss der Pressereise wird unsere Gruppe auf ein Saunaschiff geladen, das bei herbstlichen Temperaturen mit uns in die Baltische See sticht und inmitten von Schäreninseln ankert. Das strenge deutsche Saunareglement (»Kein Schweiß aufs Holz!« und »Pssst!«) erweist sich in der kleinen Sauna backbord als gänzlich unfinnisch – in Badekleidung fläzen wir uns im Vollkontakt auf dem Holz, trinken Bier und reden und lachen vor allem sehr laut. Als ich von einem Abkühlungssprung in die eiskalte Nordsee (13,5 Grad) in die Saunakabine zurückkehre, peitscht gerade ein Nachwuchsjournalist den Rücken des dynamischen Goethe-Institut-Chefs mit Birkenreisig, während dieser begeistert »Fester!« ruft. Alles für die Durchblutung. Kein Wunder also, dass mich kurz nach der Rückkehr nach Berlin die Nostalgie packt – und ich zu einem Brunch in die finnische Botschaft strebe, bei der Noah Kin, ein finnisch-nigerianischer Rapper auftritt.

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