In der Alten Synagoge in Essen wurde über Antisemitismus diskutiert

Was sie letzten Sommer getan haben

Ein Kongress in Essen bemühte sich am Wochenende um die Aufarbeitung der antisemitischen Ausschreitungen des Sommers.

Kaum war die Veranstaltung des Jugendverbands der Linkspartei, Solid, gegen Israel am 18. Juli auf dem Weberplatz in Essen beendet, da machten sich Hunderte Teilnehmer auf den Weg, um die Alte Synagoge zu stürmen. Mit Rufen wie »Kindermörder Israel« und »Allahu Akbar« liefen sie durch die Innenstadt, durchbrachen Polizeiketten und konnten nur mit Mühe davon abgehalten werden, die Alte Synagoge, heute das »Haus der Jüdischen Kultur«, anzugreifen. Später zogen sie weiter zum Hauptbahnhof, wo sie eine pro­israelische Demonstration mit Flaschen und Steinen bewarfen. Es gab also gute Gründe, den Kongress » … was Du letzten Sommer getan hast«, der im Rahmen der »Woche gegen Antisemitismus« stattfand, in der Alten Synagoge in Essen abzuhalten.

Nordrhein-Westfalen und dort vor allem das Ruhrgebiet war ein Zentrum der antisemitischen Aktionen des Sommers. Hier gingen Mitglieder der Linkspartei, Islamisten und Neonazis gegen Israel auf die Straße. In Dortmund, nur zwei Tage nach den Krawallen in Essen, sogar gemeinsam. Ein Zentrum der Debatten über Ursachen und Auswirkungen des Antisemitismus ist die Region allerdings nicht. Umso notwendiger war es, den Kongress dort stattfinden zu lassen. Es kamen mehr Besucher, als es Sitzplätze gab. In Essen sprachen Konstantin Bethscheider, Floris Biskamp, Stephan Grigat, Olaf Kistenmacher, Katharina König, Bassam Tibi, Ahmad Mansour, Lars Rensmann, Jan Riebe und Tilman Tarach.
Zwei Themen standen im Mittelpunkt: Die Ursachen des Antisemitismus bei deutschen Muslimen und, durch das »Toiletten-Gate« wieder aktuell, der Antisemitismus in Teilen der Linkspartei. Darüber, wie stark der Antisemitismus im Islam verankert ist, waren die Referenten unterschiedlicher Ansicht. Für den Politikwissenschaftler Tibi ist der Antisemitismus im Islam ein Import aus Europa, der im vorigen Jahrhundert vor allem im arabischen Raum auf fruchtbaren Boden fiel. Andere verwiesen auf eine lange antisemitische Geschichte im Islam, die sich unabhängig von europäischen Vorbildern entwickelt hat. Einig waren sich alle darüber, dass Antisemitismus derzeit tief im Denken vieler Muslime verankert ist und ihr politisches Handeln bestimmt. Die Frage, wie die islamische Welt sich wandeln, säkularisieren und so anschlussfähig für demokratisches und emanzipatorisches Denken werden könnte, wurde erwartungsgemäß nicht beantwortet. Tibi pries sein schon in den neun­ziger Jahren vorgestelltes Konzept eines liberalen und aufgeklärten Euro-Islams. Allerdings musste er einräumen, dass der Euro-Islam außerhalb akademischer Diskurse keinerlei Wirkung entfaltete. Er konnte nicht eine »euro-islamische« Gemeinde in Deutschland nennen.

Schon vor den Ausschreitungen in Essen hatte sich die Thüringer Landtagsabgeordnete der Linkspartei, Katharina König, mit einem offenen Brief von den Organisatoren der antiisraelischen Demonstration in ihrer eigenen Partei distanziert. Auf dem Kongress betonte König, es sei falsch, die Antisemiten in der Linkspartei als Angehörige des linken Flügels zu bezeichnen: »Die sind für mich keine Linken.« Links sei es, für Emanzipation einzutreten und nicht Forderungen zu vertreten, die anschlussfähig für Neonazis seien. Auf die Frage, wann für sie das Maß voll, wann der Moment gekommen sei, aus der Linkspartei auszutreten, sagte sie: »Das Maß ist zu 90 Prozent voll. Es fehlen noch zehn Prozent.« Der Antisemitismus in der Linkspartei sei vor allem ein Problem der westlichen Landesverbände und dort am stärksten in Nordrhein-Westfalen ausgeprägt. In der PDS habe es eine kritische Aufbereitung der Geschichte der SED gegeben, die palästinensische Terroristen unterstützte. Im Westen sei Vergleichbares nie geschehen. Dass sich über 1 000 Mitglieder der Partei nach dem »Toiletten-Gate« dem Aufruf gegen die Bundestagsabgeordneten Inge Höger, Annette Groth und Heike Hänsel angeschlossen hätten, sei ein gutes Zeichen. König war sich allerdings sicher, dass Höger schon bald wieder mit einer Aktion gegen Israel an die Öffentlichkeit drängen werde.

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