Der jüdische Autor Max Brym darf in einer bayerischen Stadt nicht vorlesen

Kein Platz für Nestbeschmutzer

Der Autor Max Brym darf in Waldkraiburgs städtischem Kulturhaus nicht aus seinem neuen Buch vorlesen. In diesem beschreibt er seine Jugend als linker Jude in der oberbayerischen »Vertriebenenstadt«.

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Der »rote Max« ist sauer. »Ich fordere Sie hiermit auf, per Stadtratsbeschluss den grundgesetzwidrigen Beschluss von Mitgliedern des Kulturausschusses der Stadt Waldkraiburg in der nächsten Stadtratssitzung sofort aufzuheben«, schreibt Max Brym, ein Veteran der bayerischen Linken und Autor unter anderem für das jüdische Online-Magazin Hagalil, in einem offenen Brief an Bürgermeister und Stadtrat. Der 57jährige bewirbt derzeit seinen autobiographischen Roman »Es begann in Altötting«, in dem auch die 70 Kilometer östlich von München liegende Stadt Waldkraiburg zur Sprache kommt, in der Brym aufgewachsen ist.

Er habe mit städtischen Angestellten einen Termin für eine Lesung im »Haus des Buches« im März 2015 vereinbart, sagt der Autor der Jungle World. Der Termin sei fix, habe es seitens der Stadt geheißen. Einen Tag später sei dann jedoch die Absage gekommen. Nach Bryms Aussage meldete sich zudem ein anonymer Anrufer, der sich als Stadtrat vorstellte. Diesem zufolge hatten Mitglieder des Kulturausschusses entschieden, dass die Veranstaltung auf keinen Fall stattfinden dürfe und man ein Verbot ausspreche. Der Jungle World liegt ein Dokument der Stadt Waldkraiburg vor, das diese Darstellung stützt. »Das war ein Hauruckbeschluss über Nacht. Man hat wohl Angst, ich würde einige Geheimnisse Waldkraiburgs lüften«, sagt Brym.
Die Stadtgeschichte ist eng mit dem Nationalsozialismus verbunden. Größtenteils Zwangsarbeiter produzierten im »Werk Kraiburg« in dem Waldgebiet im Alpenvorland für das Rüstungsunternehmen »Deutsche Sprengchemie« Schießpulver. Auf dem ehemaligen Betriebsgelände siedelten sich nach 1946 Sudetendeutsche an. 1950 entstand die selbständige Gemeinde Waldkraiburg, eine von fünf bayerischen »Vertriebenenstädten«. Direktor der Mittelschule war von 1956 bis 1964 Theo Keil, ehemaliger SA-Standartenführer, Leiter des Gauamts für Erziehung in Reichenberg, dem tschechischen Liberec, und Oberregierungsrat im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. In der Bundesrepublik gab Keil dann den revisionistischen Sudetendeutschen Erzieherbrief heraus. »Dessen Anschrift war das Rathaus Waldkraiburg«, berichtet Brym, der damals eine Kampagne gegen Keils Umtriebe führte.
Brym erzählt in seinem Buch weitere Geschichten, wie sie sich so wohl nur in einer konservativen Provinzstadt ereignen konnten. So berichtet der kommunistische Bürgerschreck von einer Affäre mit einer hohen CSU-Funktionärin. Auch mit männlichen CSU-Mitgliedern machte er seine Erfahrungen: »Man hat mir sogar Geld gegeben als Rückversicherung bei einem eventuell bevorstehenden russischen Einmarsch.« Doch die amüsanten Episoden verblassen angesichts der Hölle der postnazistischen Gesellschaft. »Die Juden sind doch nicht so gescheit«, habe ein Lehrer zu ihm gesagt, als er im Unterricht eine Rechenaufgabe nicht lösen konnte. Ein Streit zwischen seinem Vater, der Auschwitz überlebt hatte, und einem Lehrer eskalierte gar zu einer Prügelei. Wie sich später herausstellte, war der Lehrer Mitglied der SS gewesen.
»All dies scheinen die derzeitigen politischen Verantwortlichen in Waldkraiburg unterdrücken zu wollen. Sie sollten damit leben können, dass auch in Waldkraiburg nicht alles Friede, Freude und Eierkuchen war«, findet Brym. Die Pressestelle der Stadt widerspricht Bryms Vorwurf der Zensur. »Bei der Anfrage Herrn Bryms handelte es sich nur um eine Vorbesprechung, es wurde kein Termin ausgemacht. Bei Veranstaltungen politischer Färbung tritt die Stadt Waldkraiburg nicht als Veranstalter auf. Da ist es egal, ob Herr Brym oder Angela Merkel kommt. Es ist Herrn Brym aber jederzeit möglich, die Räume zu mieten«, sagt die Sprecherin Katharina Angne auf Anfrage. Nach einer Besprechung habe man sich entschieden, die Lesung nicht zu veranstalten.
Deutlicher wurde Bürgermeister Robert Pötzsch (Unabhängige Wählergemeinschaft): »Wir wollen nicht, dass in städtischen Räumen Stimmung gemacht wird und alte Gräben aufgerissen werden«, sagte er den Waldkraiburger Nachrichten. Brym, der seit 1991 in München lebt, will nun an einem anderen Ort lesen. Seine Herkunftsstadt sieht er trotz der Schwierigkeiten auf einem guten Weg: »Es entsteht auch in Waldkraiburg eine junge Antifastruktur, die versucht zu lesen und sich zu informieren, und die auch solche Veranstaltungen haben will.«

Eine Antifa gab es zu Bryms Jugendzeiten noch nicht. Seine politische Vita ist ein Paradebeispiel für die autoritäre Wendung so mancher Achtundsechziger: DKP-Mitgliedschaft inklusive Schulung in der DDR, danach eine maoistische Phase beim »Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD« und Herausgabe des Propagandaorgans Der rote Landbote. Ungewöhnlich ist der Wechsel Bryms zum Trotzkismus: Zuletzt war er in der »Sozialistischen Alternative« organisiert, die er jedoch mit der gesamten Münchener Ortsgruppe nach Zerwürfnissen mit dem Bundesvorstand verlassen hat. Zurzeit ist er Mitglied der Partei »Die Linke«. Trotz seiner Mitgliedschaft in diversen antiimperialistischen Vereinigungen hat Brym regelmäßig auf den linken Antisemitismus aufmerksam gemacht. Dafür erhält er eindeutige Zuschriften. So schrieb ihm eine »Antizionistische Front« einmal: »Brym, wir kriegen dich.«