Berlin Beatet Bestes. Folge 274.

Mehr Toleranz, wenn ick bitten darf

Berlin Beatet Bestes. Folge 274. Rocky der Irokese: Schluss mit dem Stuss (1980).

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Schon der alte Fritz hat jesacht: ›Jeda soll nach seiner Fassong selig wer’n.‹ Wieso hat dit eijentlich nie funkti­oniert? In den sechziger Jahren – die langen Haare –, da ist manch einer aus der Schule oder der Lehre geflogen. Das soll ja heute angeblich nich’ mehr vorkommen, dass einer wegen seiner Einstellung keine Anstellung bekommt. Naja, die Zeiten haben sich jeändert, aber die Menschen nicht. Sogar die jungen Leute tun sich schwer, wenn’s um Toleranz geht. Des­wejen sa’ ick: Schluss mit dem Stuss. Also weg mit den Vorurteilen. Und ’n bisschen mehr Toleranz, wenn ick bitten darf.
Normal ist janz klar derjenje, der in der sojenannten heilen Welt lebt. Kann man jeden Tach im Werbe­fernseh’n beobacht’n. Mit Frau und Kind, jerejelter Arbeit, Auto vor der Tür, Giro-Konto und ’ne komplette Schrankwand mit einjebauter Wohnkultur. Die ander’n sind eben nur Nejer, jelbe Jefahr, Itaker, Kümmeltürken, Asoziale, Schwule, Wehrdienstverweigerer! Mensch, wär’ dit dufte, wenn die endlich mal nicht nur von Toleranz quatschen, sondern sich ganz einfach tolerant verhalten würden!«
Um 1980 herum war es scheinbar für kurze Zeit möglich, das so eine unmögliche, gesichts­tätowierte Rockertype wie Rocky der Irokese die Chance bekam, einen Tonträger bei einer großen Plattenfirma wie Telefunken zu machen. Heute würde sicher kein Major-Label mehr für jemanden wie Rocky Geld ausgeben. Noch dazu schrieben ihm die Produzenten mit »Schluss mit dem Stuss« eine Hymne regelrecht auf den Leib. Mit sanfter Stimme, aber vehement und absolut überzeugend, klagt Rocky kleinbürgerliche Vorurteile an und plädiert zugleich für mehr Toleranz. Dass seine Erscheinung in den siebziger Jahren noch echte Empörung und Entsetzen hervorrief, ist übrigens in einem Youtube-Video zu sehen, das auch die Reaktionen einiger junger Zuschauerinnen bei einem Auftritt in Dieter Thomas Hecks »Hitparade« zeigt. Rocky, ganz in Leder und mit silbernem Augen-Make-up, stolziert unbekümmert herum, stemmt die Hand kokettierend in die Hüfte und genießt offensichtlich die Aufmerksamkeit. Das Gesicht ließ Rocky sich übrigens 1976 von Tattoo-Theo, einem ebenfalls stark tätowierten St. Paulianer, tätowieren. Da war Rocky bereits 50 und hatte eine Outsider-Biographie hinter sich, wie sie im Buche steht. Aufgewachsen in Berlin-Wedding, wird er noch in den vierziger Jahren wegen Fluchthilfe zu lebenslanger Haft verurteilt und kommt in den Knast nach Bautzen. Erste Tätowierungen. Entlassung Ende der fünfziger Jahre.
In den sechziger Jahren kommt er in Kontakt mit der entstehenden Rocker-Szene, von der er sich erst 1974 löst. 20 Jahre lang lebt er als schwuler Rocker auf St. Pauli. In den siebziger Jahren nimmt ihn Udo Lindenberg in sein Panik-Orchester auf. Nachdem er an Krebs erkrankt, entdeckt er durch eine kleine Gemeinde den christlichen Glauben. 1987 stirbt Gerhard »Rocky« Bauer. Sein Song »Schluss mit dem Stuss« ist heute so aktuell wie nie. Also, weg mit den Vorurteilen. Und ’n bisschen mehr Toleranz, wenn ick bitten darf.
Mein Name ist Andreas Michalke. Ich zeichne den Comic »Bigbeatland« und sammle Platten aus allen Perioden der Pop- und Rockmusik. Auf meinem Blog Berlin Beatet Bestes (http://mischalke04.wordpress.com) stelle ich Platten vor, die ich billig auf Flohmärkten gekauft habe.