Der FC Bayern trainiert in Katar. Das gefällt einigen Fans nicht

Mia san mia

Seit 2010 absolviert der FC Bayern München seine Wintertrainingslager in Katar – einem Land, das den islamistischen Terror maßgeblich fördert. Diesmal hat der Club außerdem noch ein Testspiel in Saudi-Arabien ausgetragen. Nun wird erstmals deutlichere Kritik laut, auch von Fans.

Am Tag nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Redakteure und Mitarbeiter von Charlie Hebdo in Paris verschickte der deutsche Fußball-Rekordmeister FC Bayern München über seinen offiziellen Twitter-Account eine Solidarisierung mit den Opfern. »#JeSuisCharlie« hieß es in einem Tweet, zu dem auch ein Foto gehörte, das elf Bayern-Spieler Arm in Arm zeigt, ein Bild, das bei einer Gedenkminute aus anderem Anlass aufgenommen worden war. Eine noble Geste, zweifellos, und dass außerdem zusätzlich der Spruch »#MiaSanMia« getwittert wurde – jener Leitsatz, mit der der Club seit Jahren sein Selbstverständnis (und -bewusstsein) auf den Punkt gebracht sieht –, sollte das Bekenntnis, Charlie zu sein, vermutlich noch unterstreichen. Nach dem Motto: Ist doch Ehrensache, dass wir unsere Empathie mit den Angegriffenen zeigen.
Am selben Tag bestiegen die Bayern ein Flugzeug, um zu ihrem zehntägigen Wintertrainingslager zu jetten – nach Katar. In jenes Emirat also, dessen Regime wie kaum ein zweites politisch, finanziell und logistisch den islamistischen Terror fördert. Beziehungen pflegt es unter anderem mit der palästinensischen Hamas, den afghanischen Taliban und dem »Islamischen Staat« sowie mit der ägyptischen Muslimbruderschaft und salafistischen Organisationen. Frauen werden in Katar, wo die Sharia gilt, in extremer Weise benachteiligt und unterdrückt, Homosexualität gilt als »Sodomie« und wird mit Gefängnisstrafen und Folter geahndet, auch für Blasphemie kommt man für mehrere Jahre in den Knast. Israelis dürfen grundsätzlich nicht nach Katar einreisen – aus dem einzigen Grund, dass sie Israelis sind. Und wenn sich dieses Verbot mal nicht durchsetzen lässt, wie beispielsweise beim Schwimm-Weltcup im Oktober 2013, dann unternimmt man alles, um ihre Anwesenheit unsichtbar zu machen – beispielsweise, indem man die israelische Fahne als einzige nicht zeigt.
All dies hat den FC Bayern bereits in den vergangenen fünf Jahren nicht davon abgehalten, in der Winterpause in die katarische Hauptstadt Doha zu fliegen. Auch die zunehmende Kritik am Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2022, unter anderem wegen der sklavenähnlichen Behandlung der Bauarbeiter und den zahlreichen Todesfällen auf den WM-Baustellen, haben den Münchner Club nicht zu einem Umdenken bewegen können. Werden die FCB-Funktionäre auf die Verhältnisse in dem Land am Persischen Golf angesprochen, dann wird es schnell peinlich. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge etwa weist jegliche Kritik mit dem bemerkenswert schlichten Argument zurück, »nicht verantwortlich für Katar« zu sein: »Natürlich lesen wir auch, dass dort gewisse Dinge passieren, die uns hier in Deutschland allen nicht gefallen. Aber ich glaube, das ist eine Aufgabe der Politik und nicht die des Sports.« Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer bestreitet gar allen Ernstes, was schlechterdings nicht zu bestreiten ist: »Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen da alle frei rum und sind weder in Ketten gefesselt, noch haben sie irgendwelche Büßerkappen auf dem Kopf. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen. Ich war schon oft in Katar und habe deshalb ein anderes Bild, das, glaube ich, realistischer ist.«
Rummenigge macht außerdem Prioritäten geltend, die für ihn wichtiger sind als die menschenrechtliche Situation in Katar: »Die sportliche Führung hat sich extrem dafür ausgesprochen, dort noch mal hinzugehen, weil es die besten Voraussetzungen gibt. Die Plätze sind wunderbar, das Klima ist perfekt.« Außerdem sei man »auch ein bisschen abergläubisch«, denn: »Wir haben nach den ganzen Trainingslagern jeweils große, wichtige Titel gewonnen. Das ist für uns auch ein wichtiger Faktor.« In Wahrheit spielen allerdings ganz andere Gründe die Hauptrolle: Das Emirat ist Großaktionär beim Autohersteller VW/Audi, der Anteile an der FC Bayern München AG hält. Bayern-Partner Lufthansa übernahm die Flugkosten für den Club, und Katar selbst entlohnte den Aufenthalt des Rekordmeisters mit einer Million Euro. Darüber hinaus ist der gesamte arabische Raum ein lukrativer Markt, auf dem sich bereits andere große internationale Vereine tummeln. Hinzu kommt noch, dass Bayerns Trainer Josep Guardiola eine Art Image-Botschafter für Katar ist – eine Tätigkeit, für die er sich fürstlich entlohnen lässt.
War die Wahl des Ortes für das Trainingslager also schon überaus kritikwürdig, so setzten die Münchner zum Abschluss ihrer Reise sogar noch einen drauf: Sie flogen weiter nach Saudi-Arabien, um dort ein Testspiel zu bestreiten – ebenfalls gegen eine großzügige Gage, zwei Millionen Euro waren es dem Bezahlsender Sky zufolge. Das war der Tropfen, der das Fass für den Twitterer »Agitpopblog« – selbst Bayern-Fan und Mitglied des Vereins – zum Überlaufen brachte. In einem offenen Brief an den Vorstand des Clubs schrieb er: »Dieses Spiel findet statt an einem Tag, an dem ein Aktivist« – gemeint ist der liberale saudische Blogger Raif Badawi – »zum zweiten Mal dafür ausgepeitscht werden sollte, dass er es gewagt hat, für religiöse Debatten und politische Freiheiten in Saudi-Arabien einzutreten, wozu er weiterhin zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Wie kann ein Verein, der sich offiziell für eine freie Gesellschaft und eine friedliche Welt einsetzt, dies ignorieren?« Darüber hinaus finde die Partie »einen Tag nach der öffentlichen Enthauptung einer Frau in Mekka statt, die während der Enthauptung nicht einmal narkotisiert wurde, damit sich die Enthauptung für sie so schmerzvoll wie möglich gestaltet«. Seit Jahresbeginn wurden in Saudi-Arabien bereits sieben Menschen hingerichtet.
Auch wenn der FC Bayern nicht die Politik Saudi-Arabiens und Katars bestimme, so Agitpopblog weiter, legitimiere er sie mit seiner Anwesenheit doch zumindest. »Eine Absage des Testspiels mit Verweis auf die politische Situation in Saudi-Arabien wäre ein starkes und wichtiges Zeichen eines Vereins gewesen, der Millionen Fans auf der ganzen Welt erreichen kann. Der Verlust von Sponsorengeldern oder eventuell sogar eine schlechtere Saisonvorbereitung sind für mich in keiner Weise gegen die Vorgänge aufzurechnen, die der FC Bayern mit seiner Anwesenheit adelt.« Wenn der Club für diese Werte, die er bei der posthumen Ernennung seines langjährigen jüdischen Vereinsvorsitzenden Kurt Landauer zum Ehrenpräsidenten hochgehalten habe, nicht eintreten könne oder wolle, »dann kann ich eine Vereinsmitgliedschaft mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Ich würde gerne eine Stellungnahme von Ihnen zu diesen Anliegen hören, die mir zeigt, dass der Verein sich seiner konkreten moralischen Verpflichtung zu diesen Themen bewusst ist und mir erklären kann, warum ich nicht fristgerecht zum 1. Juni 2015 aus dem Verein austreten sollte.«
Der offene Brief fand in den sozialen Netzwerken rasche Verbreitung und eine beachtliche Resonanz, auch einige Medien griffen ihn auf. Zeit Online veröffentlichte das Schreiben sogar ungekürzt, in den folgenden Stunden lasen es Tausende. Einige Bayernfans diskutierten derweil auf Twitter darüber, ob und wie man die Problematik auf der nächsten Jahreshauptversammlung ihres Lieblingsvereins Ende des Jahres zur Sprache bringen kann. Auch über eine Protestkundgebung vor der Veranstaltungshalle wird nachgedacht. Allerdings ist zu vermuten, dass diese engagierten Anhänger eine relativ kleine Minderheit bleiben werden, die nicht stark genug sein wird, um – auch über die Medien – so viel Druck auf den Club aufzubauen, dass dieser sich zumindest gezwungen sieht, sein Wintertrainingslager künftig andernorts aufzuschlagen. Eine Einsicht von Rummenigge & Co. dürfte ohnehin kaum zu erwarten sein. Zum Umdenken würde die Verantwortlichen wohl nur ein Imageschaden für den FC Bayern wegen der Kooperation mit Ländern wie Katar und Saudi-Arabien zwingen. Dieser Imageschaden müsste allerdings größer sein als der monetäre Gewinn, den der Club aus den Geschäftsbeziehungen zu diesen beiden Ländern zieht.

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