Der Tuareg-Rockstar Mdou Moctar

Prince aus der Wüste

Die Musikbibliotheken zahlreicher Mobiltelefone führten dazu, dass der aus dem Niger stammende Gitarrist Mdou Moctar entdeckt wurde. Heute geht er auch in Europa auf Tour und wird schon als das nächste Gesicht des Tuareg-Rock gefeiert.

Das Gelb der Stadtbahn dringt nur noch diffus durch die beschlagenen Scheiben. Auf der kleinen Bühne dreht sich der Gitarrist Mdou Moctar aus Agadez zu seinen zwei Mitstreitern um. Schweiß hat den violetten Umhang dunkel gefärbt, seinen Turban musste er bereits neu richten. Draußen ist es November, drinnen berät sich das Trio lächelnd über das Finale seines Konzerts. Der Auftritt im Berliner »Monarch« ist Teil der bereits zweiten Europa-Tour der Band. Beim Vorläuferkonzert im Sommer hatten die Transpiration und die Euphorie bereits ebenso den ganzen Raum erfüllt.
Mdou Moctar ist das nächste Gesicht des Tuareg-Rock, des Assouf, das nun auch in Europa bekannt wird. Der ebenfalls aus dem Niger stammende Omara Moctar alias Bombino und die Band Tamikrest aus Mali wurden in den vergangenen Jahren schon zu einschlägigen Namen. Und allen voran Tinariwen, die Begründer des Tuareg-Rock, die bereits mit einem Grammy in der tollblöden Kategorie »Best World Music Album« ausgezeichnet wurden.
Mdou hat sich in dem Genre zuletzt als Innovator hervorgetan und gerade an einer Zäsur für die Kultur der Tuareg, dem vor allem im Sahel und in der Sahara lebenden Nomadenvolk, mitgewirkt: Er spielt die Hauptrolle in »Akounak Tedalat Taha Tazoughai«, (zu Deutsch: »Lasst die Farbe Blau mit etwas Rot darin regnen«), dem ersten Film, der in Gänze in der Sprache der Tuareg gedreht wurde und auch Moctars eigene, gebrochene Biographie aufgreift.
Aufgewachsen ist Mdou Moctar in einem Dorf am Rande der Sandwüste Ténéré im Norden Nigers. Seine Eltern sind, wie viele Tuareg in dieser Gegend, konservative Muslime, die von der Musik nicht viel halten. Mdou begeisterte sich trotzdem für Tinariwen und den Gitarristen Abdallah ag Oumbadougou, seine erste Gitarre baute er sich selbst. Mit 18 ging er nach Libyen, um dort Geld für seine Familie zu verdienen, arbeitete in diversen Jobs und diente wie so viele Tuareg-Männer vor ihm eine Zeitlang in der Armee von Muammar al-Gaddafi.
»Ich bedauere es sehr, dorthin gegangen zu sein«, sagt er im Interview in Berlin. Er spricht ruhig, führt die Hände immer wieder zur Brust. Seine Gitarre hatte er damals im Niger zurückgelassen. Drei Jahre verbrachte der junge Mann ohne sein Instrument, bis ihn der Besuch eines Konzerts endgültig bestärkte, ein Leben als Musiker zu führen. Mdou verließ Libyen, reiste umher, vor zwei Jahren ließ er sich schließlich in Agadez, im Norden Nigers, nieder.
»Die Stadt ist sehr wichtig für mich, denn Musik hat hier einen hohen Stellenwert.« Agadez ist liberaler als der restliche Nordniger. Jedoch: »Der Wettbewerb dort ist sehr hart und das Leben recht teuer, weshalb man unbedingt Erfolg haben muss«, erklärt der Zugezogene, der mit seinem 2008 in Nigeria aufgenommenen Debütalbum »Anar« die Szene schockte. Als Erster im Assouf hatte er seine Stimme mit Auto-Tune (ein Computerprogramm zur Tonhöhenmanipulation – Anm. d. Red.) modifiziert.
Ein Jahr später begab sich der US-Amerikaner Christopher Kirkley erstmals nach Westafrika, um improvisierte Liveaufnahmen traditioneller Gitarrenmusik zu machen. Schon bald richtete Kirkley seinen Blick aber auch auf die SD-Karten der Mobiltelefone, auf denen die Leute vor Ort ihre Musikbibliotheken sicherten und mittels Bluetoothverbindung weiterreichten. Kirkley begann, die sich so verbreitenden Songs zu sammeln. Immer wieder stieß er dabei zwischen Mali und Mauretanien auf den Song »Tahoultine«, in dem ein namenloser Künstler mit offensichtlich engelhaft verfremdeter Stimme über einen scheppernden Beat und eine wippende Gitarre singt. Tuareg erkannten schließlich den Dialekt und über Facebook und diverse Telefonate spürte Kirkley Mdou Moctar auf.
2011 erschien auf Kirkleys Plattenfirma Sahel Sounds die Kompilation »Music from Saharan Cellphones« samt »Tahoultine«. Der Kurator hatte alle neun vertretenen Acts zuvor ausfindig gemacht und gibt 60 Prozent der Einnahmen direkt an sie weiter. Es folgten ein zweiter Teil der Sahara-Kompilation, eine Single von Mdou und 2013 dann sein zweites Album »Afelan« – aufgenommen im nigerischen Tchin-Tabaradene; auf Auto-Tune wurde verzichtet. Die mitreißende Energie seines Mitklatsch-Bluesrocks, auf unzähligen Hochzeiten antrainiert, steht hier neben meditativen Betrachtungen über die Liebe und den Islam.
Mdou erreicht so zwei Generationen: »Die Älteren, Gläubigen hören sich nur die Songs an, in denen ich über die Religion singe, davon, dass alles zwei Seiten des Lebens in sich trägt, dass man konsequent und sensibel sein muss, und dass es Grenzen gibt: Jemand der Kinder oder Leute wegen ihrer Andersgläubigkeit tötet, wie Boko Haram oder al-Qaida, der kann kein Moslem sein.«
»Aber meine Musik ist vor allem für die Jugend von Agadez. Ich nehme sie als Einziger mit auf Tour, gebe außerdem Unterricht in meinem Haus.« In Berlin begleiten ihn Schlagzeuger Mahmoud Ajakarkar und Gitarrist Madassane Ahmoudou. Und wie er sind sie am Vorabend ihres Konzerts in die erste Reihe gestürmt und haben die Smartphones gezückt, um den Auftritt ihrer Ikonen Tinariwen im Postbahnhof zu filmen. Auch sonst hängt man oft an den Geräten, sofern es WLAN gibt. Mdou, selbst ein hagerer Endzwanziger mit einer frühweisen Ausstrahlung: »Facebook ist meine einzige Verbindung nach Hause und zu der dort ansässigen Jugend. Manchmal muss ich weinen, wenn ich ihre Nachrichten lese. Wenn man sie hinter sich weiß, dann ist einem der Erfolg sicher. Auch den Film habe ich für ihre Generation gemacht.«
»Akounak Tedalat Taha Tazoughai«, der Spielfilm, ist halb Mdous Biopic, halb verlegt er die Handlung des Musikfilms »Purple Rain«, in dem sich Prince 1984 als The Kid auf einem violetten Motorrad quasi selbst spielte, in den Sahel. Die Idee dazu hatte Christopher Kirkley, der auch die Regie übernahm und den Franzosen Jérome Fino als Kameramann mitbrachte. Finanziert wurde das Projekt mit fast 18 000 Dollar aus einer Crowdfounding-Kampagne.
Entstanden ist ein Porträt der Tuareg-Musikszene abseits kolonialer Klischeebilder oder der ansonsten oft bemühten Rebellionsästhetik. Zwar kannte Mdou »Purple Rain« zunächst gar nicht, bestätigt aber, dass »die Geschichte des Films mit meiner nahezu identisch« ist. Kirkley zieht via Skype weitere Parallelen: »Sowohl bei Prince als auch in der Musik des Niger hat die Gitarre eine Anmutung von Party-Rock.« Ein Motorrad gibt es ebenfalls, auch wenn das Team eine Maschine extra mit lila gefärbtem Klebeband umwickeln musste. Schwieriger gestalteten sich die Diskussionen um realistische Schauplätze: Sollte eine Szene nun auf dem Straßenmarkt stattfinden, auf dem Mdou Stammkunde ist, oder in einem teuren Geschäft?
Es wurde sehr nah am eigenen Leben gedreht, so Kirkley: »Mdous Gegner im Film ist auch sein Widersacher im echten Leben: Abdoul Kader-Tanout, ein alteingesessener Gitarrist aus Agadez. Deshalb haben wir uns hinter der Kamera bei manchen Dialogen auch sehr unwohl gefühlt.« Sowohl Mdou als auch Kader, der bereits in Nollywood, der boomenden Filmindustrie Nigerias, erste Schauspielerfahrungen gesammelt hatte, bestanden aber darauf, am Set miteinander konfrontiert zu werden.
Mittlerweile gab es bereits ein vom immer wieder aufbrausenden Jubel begleitetes, erstes Screening des fertigen Werks in Agadez. Kirkley arbeitet derzeit an einer Festivaltour und der weiteren Distribution: »Wir wollen in Nigeria mehrere tausend DVDs des Films billig produzieren, die wir dann über die ganze Tuareg-Diaspora in Algerien, Niger, Libyen und so weiter verteilen. Die Bootleg-Industrie wird den Rest übernehmen.«
Mdou Moctar will im Sommer erneut auf Europa-Tour gehen, voraussichtlich mit dem Film im Gepäck, dessen Soundtrack Sahel Sounds in diesem Jahr ebenso veröffentlichen wird wie ein neues Album, das Mdou während seines dreitägigen Aufenthalts in Berlin mit dem niederländischen Musiker und Produzenten Thomas Azier aufgenommen hat. »Meine Musik ist für die Welt«, sagt er zum Abschied.

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