Der Dokumentarfilm »Willkommen auf Deutsch«

Gewisse männliche Bedürfnisse

Der Dokumentarfilm »Willkommen auf Deutsch« zeigt, wie die Menschen in zwei Dörfern Niedersachsens auf die Ankunft von Asylbewerbern reagieren.

Besonders groß ist die Vorfreude auf die neuen Mitglieder der Dorfgemeinschaft in der Nähe Hamburgs nicht: »53 Asylanten sind zu viel für Appel!« steht in großen Lettern auf zahlreichen Schildern, und bei der Versammlung in der Gaststätte »Deutsches Haus« gibt es Bier und Volkszorn in rauen Mengen. »Nimm doch deine Neger mit«, muss sich Reiner Kaminski zum Beispiel anhören. Kaminski ist als Leiter des Fachbereichs Soziales im niedersächsischen Landkreis Harburg für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig und hat die undankbare Aufgabe, bei den Bürgern der Gemeinde Appel für die Umwandlung eines leerstehenden Altenheims in eine Flüchtlingsunterkunft zu werben.
Der Streit um dieses Vorhaben ist einer von zwei Schwerpunkten des sehenswerten Dokumentarfilms »Willkommen auf Deutsch«, den die Hamburger Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler von Oktober 2013 bis Mai 2014 gedreht haben. Seit Jahren beschäftigen sich die beiden mit dem Thema Flucht und Migration und legten 2011 mit der Dokumentation »Wadim« ein beklemmendes Meisterwerk vor. In »Wadim« erzählen sie vom Selbstmord eines Jugendlichen, der mit 18 Jahren von der Hamburger Ausländerbehörde aus seiner Familie gerissen, allein nach Lettland abgeschoben wird und daran zerbricht.
»Damals waren die Zuschauer in den Kinos oft bedrückt und empört«, sagt Wendler in seinem Büro im Hamburger Stadtteil St. Pauli. »Aber unser Eindruck war, dass diese Stimmung auch schnell wieder verpufft ist und dass die breite Masse sich letztlich wenig zu dem Thema einbringt. Diesmal wollten wir deshalb viel direkter thematisieren, wie wir alle in diesem Land mit Asylbewerbern um­gehen. Dabei haben uns nicht Aktionen von irgendwelchen Nazis interessiert, uns geht es vor allem um die Reaktionen der bürgerlichen Mitte auf die Anwesenheit von Flüchtlingen. Wir haben deshalb in zwei Dörfern der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft gedreht.«
Neben Appel wurde in Tespe gefilmt, einem ebenfalls im Landkreis Harburg gelegenen Ort. Dort zeigt sich, dass es auch anders geht. Denn statt viel Energie zu investieren, um jämmerliche Plakate aufzustellen und Protestveranstaltungen zu organisieren, nutzt man hier die Gelegenheit, mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. So wie die 80jährige Rentnerin Ingeborg Neupert. Sie unterstützt die 21jährige Larisa aus Tschetschenien, die sich allein um ihre vier jüngeren Geschwister kümmert, weil ihre Mutter für Monate im Krankenhaus bleiben muss. Ingeborg Neupert paukt mit Larisa und den Kindern Vokabeln, hilft beim Kochen, ist für alle da. Die Anteilnahme der alten Dame berührt zutiefst, »Willkommen auf Deutsch« zeigt somit auch positive Beispiele des Umgangs mit Asylbewerbern, von denen es eben auch bei allem dokumentierten Hass eine ganze Menge gibt. »Ich glaube, es wird oft unterschätzt, wie viele Menschen bereit sind, sich ein bisschen zu engagieren«, sagt Wendler. »Manchmal müssen sie erstmal den Elan und den Mut finden, aus der Masse herauszutreten. Aber mein Eindruck ist, dass es heute mehr Engagement von bürgerlicher Seite gibt als in den neunziger Jahren.« Und während Frau Neupert fast so etwas wie eine neue Familie in ihrem Leben gewonnen hat, steht der Begründer der Appeler Bürgerinitiative allein in seinem Wohnzimmer und beschwört die gute alte Zeit, als man noch so schön unter sich gewesen ist.
Obwohl das Verhalten der Deutschen im Mittelpunkt des Films steht, kommen neben der jungen Larisa auch andere Asylbewerber ausführlich zu Wort, beispielsweise ein Paar aus Pakistan sowie einige junge Albaner. Sie berichten über ihre Fluchtgründe und Hoffnungen sowie ihre ersten Begegnungen mit den Einheimischen. Von Nachbarn, die gleich die Polizei rufen, weil ein kleines Kind schreit. Aber auch von Menschen, die sie zu Kaffee und Kuchen einladen. Und sie erzählen von der permanenten Unsicherheit: »Wir haben immer Angst, abgeschoben zu werden«, sagt Larisa in einer Interview-Passage. »Wenn ein Auto vorbeifährt oder ein Brief ankommt, haben wir jedes Mal Herzklopfen. Es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst.«
Abgesehen von einigen aufwühlenden Szenen wie dieser bleibt die Stimmung des 90minütigen Films unaufgeregt. Es dominieren ruhige Bilder, das Tempo ist langsam, auf einen Kommentar wurde verzichtet. »Bei der Verwendung eines Kommentartextes läuft man oft Gefahr, dem Zuschauer aufzudrängen, was er denken, worüber er sich Gedanken machen soll«, sagt Wendler. »Wir wollen niemandem eine Meinung aufzwingen, die Zuschauer sollen selber nachdenken. Sie müssen ja nicht da landen, wo wir stehen, aber sie sollen zu Meinungen kommen, die reflektiert sind.« Der Film nimmt sich Zeit, Grauzonen auszuloten, die Menschen aller Seiten zu Wort kommen zu lassen. Die meisten der porträtierten Gegner des Asylbewerberheims würden wohl (noch) nicht mit Fackeln durch die Straßen ziehen, sie gehen einen rechtlich korrekten Weg und sie wollen die Asylunterkunft verhindern, ohne als Ausländerfeinde zu gelten. Und dann sitzen sie irgendwann beim Bürgermeister und erzählen ihm, dass sie ihre Töchter bald nicht mehr auf die Straße lassen werden – denn die männlichen Asylbewerber könnten »letztendlich ja auch gewisse männliche Bedürfnisse haben«. Bei aller Maskerade zeigt sich dann doch der gleiche Rassismus wie überall. Andere Mitglieder aus dem Kreis der Gegner wiederum sind weniger verhärtet und geben sich vermittelnd.
Mit »Willkommen auf Deutsch« wollen Hauke Wendler und Carsten Rau in die gesellschaftliche Debatte über Asyl- und Flüchtlingspolitik sowie den Umgang mit Flüchtlingen eingreifen – und sie auch dort lostreten, wo sie bislang nicht stattgefunden hat. »Es wird von Seiten der Politiker seit Jahren so getan, als könnten wir uns abschotten und hätten mit den weltweiten Flüchtlingsbewegungen nichts zu tun«, sagt Wendler. »Diese Scheuklappenmentalität hat dazu beigetragen, dass die jetzt geführte Diskussion von Ängsten und Vorurteilen geprägt ist. Wir möchten unseren Teil dazu ­beitragen, dass sachlich und offen miteinander gesprochen wird und so im Idealfall eine ­positive Willkommenskultur entsteht, auf der Grundlage einer besseren, zukunftsweisenden Gesetzeslage.«
Um das zu erreichen, machen Rau und Wendler Gruppen, die zu den Themen Flucht, Asyl und Migration arbeiten, ein Angebot: Wer auf lokaler Ebene eine Diskussionsveranstaltung oder einen Vortrag anbieten und einleitend den Film zeigen möchte, kann sich über ihre Web­site an sie wenden. Der Verleih stellt dann den Film bereit, kümmert sich um ein passendes Kino und macht die Veranstaltung publik. Schon jetzt arbeiten die beiden Filmemacher mit mehr als 20 bundesweit organisierten Verbänden, Stiftungen und weiteren Gruppen zusammen. Ab Herbst können Or­ganisatoren von Veranstaltungen »Willkommen auf Deutsch« über die Website auch als DVD bestellen.

www.willkommen-auf-deutsch.de
»Willkommen auf Deutsch« (D 2014). Regie: Carsten Rau, Hauke Wendler. Start: 12. März

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