Die Kinderbücher des Berliner Ariella-Verlags

Dem König einen Piep zeigen

Die Bücher des Berliner Ariella-Verlags laden Kinder und Erwachsene zu Ausflügen in die jüdische Kultur ein.

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Myriam Halberstam hat ihn gegründet, den ersten jüdischen Kinderbuchverlag Deutschlands seit der Shoa. Ihr Vater war drei Jahre alt, als er 1924 mit ihrem Großvater, einem Rabbiner aus Polen, in die USA einwanderte. Als US-Soldat kam er im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland, um gegen die Nazis zu kämpfen. Und er blieb. Nach dem Abitur wanderte Myriam Halberstam nach Israel aus, weil sie sich in Deutschland nicht wohlfühlte. »Mein Umfeld war antisemitisch geprägt«, berichtet die Verlegerin über diese Zeit, »und es gab kaum jüdisches Leben.« Doch Deutschland habe sich verändert, heute sei das anders, stellt sie fest.
Berlin hat sich zu einem Anziehungspunkt für junge Israelis entwickelt, mehr als 20 000 von ihnen leben mittlerweile in der Hauptstadt. Aber weil es noch immer antisemitische Anschläge auf Juden und viele Ressentiments gebe, »ist es umso wichtiger, jüdische Bildung und Kultur zu vermitteln«, so Halberstam. Als Halberstam in Berlin ihre beiden Töchter bekam, bedauerte sie es, kaum aktuelle deutschsprachige Bücher über jüdisches Leben finden zu können. Aus diesem Gefühl kulturellen Mangels, solches Wissen nicht an jüngere Generationen weitergeben zu können, gründete sie vor fünf Jahren den Ariella-Verlag. Auf die Frage, wie sie auf den Namen »Ariella« gekommen sei, erklärt Myriam Halberstam, dass Ariella soviel wie »Löwin Gottes« bedeute. »Ich wollte etwas Hebräisches, aber nicht zu Jüdisches – schwungvoll und dynamisch«.
Für jüdische Kinder und Eltern sind die künstlerisch gestalteten Bücher eine langersehnte Bereicherung, in denen die Kinder sich und ihren Alltag wiederfinden können. Und nichtjüdischen Lesern bietet die spielerische Art und Weise, wie dem deutschen Publikum israelische Kinderbuchklassiker vorgestellt werden, einen ebenso ansprechenden wie humorvollen Ausflug in die jüdische Kultur. Tatsächlich hat sich der Verlag inzwischen weit über die jüdische Leserschaft hinaus einen Namen gemacht. »Erzähl es deinen Kindern – die Thora in fünf Bänden« beispielsweise, eine Neuübersetzung der jüdischen Kinderbibel, wird besonders häufig verkauft.
Dabei schien die Tradition deutsch-jüdischer Kinder- und Schulbibeln in den sechziger Jahren abgebrochen zu sein – bis sich die Judaisten Hanna Liss und Bruno Landthaler aus Frankfurt am Main der Aufgabe angenommen und das Werk für den deutschsprachigen Raum übertragen haben. Parascha für Parascha – Leseabschnitt für Leseabschnitt – wird die Tora in kindgerechter Sprache nacherzählt. »Nicht um fromm zu werden«, schreibt Landthaler auf seiner Website, »sondern um einen wunderbaren Text zu lesen«, die Tora sei »kein Missionswerk«. Die wunderschönen Bilder des israelischen Illustrators Darius Gilmont ergänzen das Werk, für dessen ersten Band der Verlag die Auszeichnung »Buch des Monats Juli 2014« von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur erhielt.
Sehr erfolgreich ist auch das »Israel Wimmelbuch« für kleine Kinder ab anderthalb Jahren. Rachel Shalev führt in einem handlichen Format durch das Land. Überall wimmelt es von ganz verschiedenen Menschen in einem fröhlichen Durcheinander, das sich zwischen Mittelmeer, Galiläa, See Genezareth, Negev-Wüste, Tel Aviv und Jerusalem abspielt. Die Haltung des Verlags, der sich klar für eine multikulturelle tolerante Gesellschaft ausspricht, findet sich in diesem Buch wieder. Alle Religionen leben friedlich zusammen, Christen, arabische, orthodoxe und säkulare Israelis, Beduinen und Äthiopier. Auf den bunten Bildern wuseln Touristen, Rabbiner Teitelbaum und seine große Familie, die Soldatin Rotem, der Postbote Avi, der den Empfänger eines Briefs in ganz Israel sucht, tanzende Chassiden, eine Jugendfußballmannschaft, eine deutsche Nonnengruppe, ein Liebespaar, ein Kibbuznik, eine Beduinenfamilie auf ihrem Kamel, eine äthiopische Einwanderin mit ihrer Tochter – und hier und da entdeckt man historische Gestalten wie Theodor Herzl oder Ben Gurion. Mit einigen dieser Figuren reisen die Kinder durchs Land: vom modernen Tel Aviv mit Bauhaus-Architektur und Strand ins biblische Jerusalem mit Tempelberg, vom Toten Meer, in dem Menschen auf dem Rücken liegen und Zeitung lesen, bis in den grünen Norden nach Galiläa, zum Naturschutzreservat Ein Gedi. Weiter geht es zum Shulamit-Wasserfall, der sich in Nachbarschaft zur Masada-Seilbahn befindet, bis hin nach Eilat zum Baden am Roten Meer, wo die drei Nonnen komplett angekleidet tauchen gehen. Über das »Israel Wimmelbuch« schrieb die Jüdische Allgemeine: »Dass es auch auf nichtjüdische Kinder mehr als einladend wirkt, ist ein wunderbarer Nebeneffekt. Außerdem schafft das Buch eine Art Ausgleich zur morgendlichen Zeitungslektüre. Es vermittelt ein Israelbild voller Lebensfreude, Vitalität und Optimismus. Es macht gute Laune.«
Sehr ansprechend ist auch das Frühjahrsprogramm des Ein-Frau-Verlags, dem es erstmalig gelungen ist, drei neue Titel in einer Saison auf den Markt zu bringen. Marina B. Neuberts »Bella und das Mädchen aus dem Schtetl« ist ein historisch fundierter, spannender Roman für etwas ältere Kinder. Bella, ein zehnjähriges Berliner Mädchen, unternimmt eine Reise in die Vergangenheit und erkundet mit einem anderen Mädchen das Leben in einem polnischen Schtetl. Schließlich gelingt es den beiden Mädchen, einen gestohlenen, magischen Familienschatz wiederzufinden und in die Gegenwart zu retten. Hätten sie es nicht geschafft, hätte auch Bella in der Vergangenheit bleiben müssen. Aus der Feder der Verlegerin selbst stammt das schöne Bilderbuch »Im Galopp aus Ägypten«, das den Auszug der Juden aus Ägypten thematisiert. In dem großartig gestalteten Buch »Die schlaue Esther – Eine jüdische Geschichte aus dem alten Persien« erzählen Shlomit Tulgan und das Berliner Bubales-Puppentheater mit seinen originellen Figuren die Purim-Geschichte vom jüdischen Waisenmädchen Esther, das im alten Persien Königin wurde. Da stellen sich die Puppenfiguren untereinander Fragen wie: »Warum heißt Hamantaschen Hamantaschen?«, und geben die Antwort: »Das sind dreieckige Kekse, die mit Mohn oder Marmelade gefüllt sind. Ihre Form erinnert an den dreieckigen Hut von Haman.« Über König Achaschverosch erfahren wir, dass er ein schwacher König war, der hauptsächlich seinen Beamten gefallen wollte und zu großen Völlereien einlud. Als sich seine Ehefrau weigerte, vor allen einen Tanz aufzuführen (»Wie bitte? Ich bin doch keine Tanzpuppe!«), ließ sich der stets um sein Ansehen bemühte König von ihr scheiden. Waschti zeigte ihm daraufhin »einen Piep« und »war nach dieser Scheidung viel glücklicher als vorher«. So modern und lebensnah würde man sich auch manches Kinderbuch über katholische oder evangelische Erzählungen wünschen.
Arbeit im Verlag gebe es für drei, sagt Myriam Halberstam, die zierliche Frau mit den langen dunklen Locken. Sie muss fast alles selber in die Hand nehmen. Neben der Verlagsarbeit liest sie auch in Schulen, Kindergärten, Museen und Stadtbibliotheken aus den Werken des Ariella-Verlags. »Es ist ein ganz schöner Kampf«, sagt sie, »aber auch eine schöne Bestätigung, das Interesse der Kinder zu spüren.«