Eine Ausstellung über die Arbeiten von Harun Farocki in Berlin

Die Arbeit hat die Fabrik verlassen

Eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt über die Arbeiten von Harun Farocki thematisiert den Wandel der Arbeit und zeigt die globale Kluft zwischen den Arbeitsverhältnissen.

Wenn hierzulande über Arbeit gesprochen wird, dann geht es meist um Erwerbsarbeit. Genauer noch, um abhängige Beschäftigung im sogenannten Normalarbeitsverhältnis – im besseren Fall tariflich anständig entlohnt und abgesichert, im schlechteren Fall als prekarisierter Einzelunternehmer, ohne soziale Sicherheit und Perspektiven. Und doch ist Arbeit weit mehr als Broterwerb: Sie stiftet Sinn, gesellschaftliche Teilhabe und ist zugleich Maloche, Hamsterrad, und immer noch das Einzige, das die Menge der Mittellosen zu Markte tragen kann. Arbeit ist paradox, denn sie gilt einerseits als tragende Säule der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung und ist zugleich im Verschwinden begriffen, sowohl räumlich durch die Globalisierung als auch durch technischen Fortschritt. Einerseits gibt es also immer weniger Arbeit im herkömmlichen Sinn, andererseits findet eine »Entgrenzung der Arbeit« statt, eine Veränderung der Formen und des Begriffs von Arbeit.
Das alles und noch viel mehr zeigt das Projekt »Eine Einstellung zur Arbeit« des im Juli vergangenen Jahres verstorbenen Filmemachers Harun Farocki und seiner Frau Antje Ehmann, das derzeit im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu sehen ist. »Eine Einstellung zur Arbeit« setzt an einem der ältesten Filmdokumente überhaupt an: »Arbeiter verlassen die Lumière-Werke« aus dem Jahr 1895, ein kurzer Film, der Arbeiterinnen und Arbeiter zeigt, die durch die Werkstore eben jener Fabrik der Gebrüder Lumière strömen. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. Denn immerhin war die Fabrik das Kraftzentrum der Industriemoderne – und Farocki fragte sich zeitlebens, warum sie dies niemals für den Film wurde. Für den 1944 geborenen Filmemacher war Arbeit ein zentrales Motiv, das für ihn »direkt in den Kern des Sozialen« führte und zum Ausgangspunkt vieler seiner Arbeiten wurde.
»Eine Einstellung zur Arbeit« ist so zu einer Art Abschluss seines Lebenswerks geworden. Das Projekt ist über mehrere Jahre in Zusammenarbeit mit Filmemachern und Filmstudenten in 15 Städten weltweit entstanden und besteht aus 400 kurzen Filmen zum Thema Arbeit, alle in einer Einstellung gedreht, ohne Schnitte und nie länger als zwei Minuten, genau wie der kurze Streifen der Lumière-Brüder vor 120 Jahren. Ein kleiner Teil der Filme variiert direkt das Motiv »Arbeiter verlassen die Fabrik«, der größte Teil zeigt ein globales Panorama menschlicher Tätigkeit, das aus politischer, künstlerischer wie auch aus wissenschaftlicher Perspektive gleichermaßen interessant ist. Vom Schuhmacher in Hanoi über schwerbewaffnete Polizeieinheiten während einer Demonstration in Moskau bis zum Fahrradkurier in Berlin verdeutlicht es nicht nur die ungeheure Vielfalt von Arbeit, es macht auch unmissverständlich klar, dass das eingangs genannte Normalarbeitsverhältnis nicht nur in den reichen Gesellschaften des Westens auf dem Rückzug ist. Die Arbeitswelten etwa des Rikschafahrers in Buenos Aires oder des Abrissarbeiters in Kairo erinnern eher an die Frühzeit der Industrialisierung und führen die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich drastisch vor Augen, in der die überwältigende Mehrheit vom Normalarbeitsverhältnis nur träumen kann.
Die zweitägige Konferenz, die die Eröffnung am 26. Februar begleitete, lieferte die theoretische Unterfütterung zum zuweilen als sperrig beschriebenen Œuvre Farockis. Ausgehend vom Motiv »Die Arbeiter verlassen die Fabrik« zog sich durch die Veranstaltung etwa das Verschwinden der sichtbaren Arbeit, der Umstand, dass heute »niemand mehr – wie noch in den fünfziger Jahren VW oder Siemens – in einem Imagefilm Massen von Arbeitern zeigen« würde, wie Farocki es formulierte. Thomas Elsaesser, Professor für Film- und Fernsehwissenschaften in Amsterdam, betonte in seinem Eröffnungsvortrag darüber hinaus die Verflüssigung und sogenannte Entgrenzung der Arbeit, die sich im Zuge spätkapitalistischer Ausdehnung immer weiter ins Private erstrecke. Man denke nur an die Medien- und Kreativwirtschaft, in der auch einfache Bürojobs als vermeintliche Chance zur individuellen Selbstverwirklichung gepriesen werden und die alles vermeidet, was an den klassischen nine to five-Job erinnern könnte. So sei es symptomatisch, dass es heute kaum mehr an der Kleidung erkennbar sei, ob Menschen von der Arbeit kämen oder auf dem Weg ins Kino seien, so Elsaesser. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, Arbeit wird immer öfter unsichtbar.
Dass dies keineswegs zur Folge hat, dass entgrenzte, individualisierte Arbeit im digitalen Kapitalismus weniger entfremdet sei, das machte Rahel Jaeggi deutlich. Die Berliner Philosophin diagnostizierte sowohl eine »Ent-Dignifizierung der Arbeit« als auch eine »Entrechtlichung« derselben und machte sich dafür stark, »Arbeit als Anteilnahme am gesellschaftlichen Vermögen« insgesamt zu begreifen. Auch die politische Philosophin Isabell Lorey ging auf den Wandel der Arbeit und den globalen Superkapitalismus unserer Tage ein und betonte die Funktion immaterieller, kreativer, affektiver und kommunikativer Tätigkeiten, die heute entscheidend zur Produktion von Mehrwert beitrügen. Der Einzelne werde »zum Produkt und zum Rohstoff dieser neuen Ökonomie«, die damit so umfassend wie niemals zuvor auf den Menschen zugreife. In Anlehnung an Zygmunt Baumans »flüssige Moderne« kann am Ende wohl von einer Verflüssigung oder eben einem Verschwinden der Arbeit gesprochen werden – sowohl in ästhetischer als auch in physischer Hinsicht. Die Arbeiter, die die Fabrik verlassen, werden so zur Metapher für die rasende Ausdehnung und Entwicklung des Kapitalismus, das Verschwinden der Arbeit spiegelt die Verlagerung der Macht von einer äußeren zu einer inneren Instanz, wie sie auch von Philosophen wie Michel Foucault oder Gilles Deleuze beschrieben wurde.
»Eine Einstellung zur Arbeit« zeigt all das, ohne dabei jemals politisch explizit oder gar agitierend zu werden, der genaue filmische Blick Farockis braucht weder inszenatorische noch ideologische Verstärker, er lässt die Verhältnisse vielmehr für sich sprechen. Das Resultat mögen die einen als anstrengend empfinden, andere betonen gerade die so erzeugte Reduktion und Konzentration als die größte Stärke der Filme. Freilich zeigt die Ausstellung nicht alle 400 Filme, sondern eine Auswahl von 90 Arbeiten, die im Ausstellungsraum des HKW thematisch angeordnet sind. Im Foyer werden außerdem zwölf Variationen des Motivs »Arbeiter verlassen die Fabrik« aus über 100 Jahren gezeigt. In der Tat verlangt all das dem Betrachter ab, sich darauf einzulassen – leichte Konsumierbarkeit ist nicht die Stärke des Projektes. Doch die Mühe wird belohnt, denn die Ausstellung verdeutlicht nicht nur den Wandel der Arbeit, sie zeigt die Erfolge, die Gewerkschaften und soziale Befreiungsbewegungen in den vergangenen 100 Jahren errungen haben, und verdeutlicht, dass diese Kämpfe keinesfalls abgeschlossen sind, nicht in Europa und schon gar nicht in den armen Ländern der Erde.
Die begleitende »Ausstellungszeitung« vertieft die Auseinandersetzung mit Arbeit im globalen Kontext, indem sie zu den 15 Städten, in denen das Projekt entstand, grundlegende statistische Daten nennt: Durchschnittseinkommen, Arbeitslosenquote, gewerkschaftlicher Organisierungsgrad oder Anzahl der Streiks werden um ortsspezifische Angaben über Deindustrialisierung in Berlin, besetzte Fabriken in Buenos Aires, Sonderwirtschaftszonen in Polen oder die durchschnittliche Verschuldung von Studenten in Boston ergänzt.
»Eine Einstellung zur Arbeit« ist noch bis zum 6. April in Berlin und ab Mai auf der Biennale in Venedig zu sehen. Die Termine für die begleitenden Veranstaltungen sind auf der Internetseite des HKW zu finden. Alle 400 Filme des Projektes finden sich auf der Portalseite des Projektes.

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