Barbara Vinken im Gespräch über deutsche Mütter

»Der deutsche Muttermythos hat gesiegt«

Bereits im Jahr 2001 analysierte Barbara Vinken, Professorin für Literaturwissenschaft und Romanistik an der Universität München, in ihrem Buch »Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos« die Ursprünge der Ideologie der Mütterlichkeit und deren gesellschaftliche Auswirkungen. Im Gespräch mit der Jungle World erläutert sie, warum sich nach 15 Jahren trotz einer staatsfeministischen Familienpolitik an bestimmten Frauen- und Mutterbildern kaum etwas geändert hat.

Vor fünf Jahren schrieben Sie in der Taz, in Deutschland wäre es undenkbar, dass ein Buch wie Élisabeth Badinters »Der Konflikt. Die Frau und die Mutter« geschrieben würde. Sind Sie heute noch dieser Meinung?
Ja, ich bin noch immer dieser Meinung. Während es in Frankreich normal ist, zwei Kinder und eine Karriere zu haben, gilt das in Deutschland immer noch als eine Ausnahme. Selber schuld, wenn da was schief geht. Deshalb arbeiten bei uns zwar mehr Frauen, aber sie arbeiten weniger. Die Folgen: Was weibliche Karrieren und weiblichen Verdienst angeht, bildet Deutschland im europäischen Vergleich das Schlusslicht. Das deutsche Dogma, dass der Beruf den Kindern und die Kinder dem Beruf schaden und man deshalb Prioritäten setzten muss und nicht beides haben kann, gilt nach wie vor. Das eine muss auf Kosten des anderen gehen. Gefasst wird das hierzulande unter dem Schlagwort »Vereinbarkeits­lüge«. Ein gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt wird neuerdings auch von linker Seite unter dem Stichwort »Neoliberalismus« verdammt. Tatsächlich bräuchte die Wirtschaft die Frauen, die jetzt als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden sollen. Wir haben also nach wie vor anders als Frankreich kein Leitbild, sondern einen Leitbildkonflikt, der dazu führt, dass hierzulande ­alles schief läuft: keine Kinder, keine Karrieren.
Eigentlich haben Sie mit »Die deutsche Mutter« lange vor Badinter ein Buch geschrieben, das die deutsche Mutterschaftsideologie untersucht und demontiert. Seitdem hat sich im Bereich der staatlichen Familienpolitik einiges geändert. Reformen wie das Elterngeld, garantierte Kitaplätze und Vätermonate werden von der Politik als Schlüssel für die berufliche Gleichstellung von Männern und Frauen beworben. Hat diese Entwicklung am von Ihnen beschriebenen Muttermythos gerüttelt?
Mit diesen Schritten hat man versucht, Deutschlands 40jährige Verspätung in Sachen Familienpolitik aufzuholen. Und wohl auch eine Lehre daraus zu ziehen versucht, die den Deutschen nicht in den Kopf will: dass nämlich in den Ländern mehr Kinder geboren werden, in denen die Geschlechter eher gleich sind. Ziel dieser richtigen Maßnahmen war es, gerade den gut aus­gebildeten Frauen früh, also spätestens ein Jahr nach der Geburt, den Weg zurück in den Beruf zu ebnen und damit das fatale Muster der langen Unterbrechung oder der Halbzeit für Frauen zu verändern und tatsächlich für Mütter Kinder und Karriere zu ermöglichen. Dieser Anschluss an die Familienpolitik westlicher Länder wie Frankreich oder die skandinavischen Länder ist nicht gelungen. Als Rückschlag kam gleich danach die Herdprämie. Der deutsche Muttermythos, dem wir tatsächlich in Nibelungentreue anhängen, hat gesiegt. Es ist nicht gelungen, eine Vorstellung zu vermitteln, dass frau ganz entspannt beides, Kinder und einen Beruf haben kann. Damit sind Frauen weiterhin auf die Ehe als Versorgungsinstitution angewiesen.
Was unterscheidet die deutsche Debatte über Mutterschaft und Mutterbilder von Debatten etwa in skandinavischen Ländern oder Frankreich? Anders gefragt: Was macht diese Debatte besonders deutsch?
In Deutschland steht die Familie als Raum der wahren Menschlichkeit noch immer gegen einen kalten, egoistischen Raum der Berufswelt. In die kalte Karrierewelt verirren sich nur Frauen ohne Herz. Der Raum der Familie bedarf der mütterlichen Liebe, damit Menschlichkeit gedeihen kann. An ihrem Wesen soll die Welt genesen. Die von Pestalozzi auf den Punkt gebrachte Antithese von Weltweib und Mutter ist in Deutschland noch immer akut. In Frankreich ist das Mutterbild nicht so stark sakral ideologisch aufgeladen, Mütter sind durchaus Weltweiber. Da fällt es einfach leichter, Kinder zu bekommen, weil man dann nicht alles andere opfern muss und auch nicht in eigentlich unsagbare Geschlechterverhältnisse zurückfällt, die alle unsexy finden.
Das französische Modell gilt oft als Vorbild, weil Frauen in Frankreich Kinder, Karriere und Attraktivität scheinbar mühelos vereinen. Wie fortschrittlich ist dieses Modell, das sich ja letztlich auch an der Fertilitätsrate der Frau misst?
Sagen wir mal so: Es ist deutlich erfolgreicher. Deutlich mehr Kinder, ein deutlich geringerer Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen, deutlich bessere weibliche Karrieren. Und ein charmanterer Liebeskult.
Kann man sagen, dass die familienpolitischen Reformen in Deutschland – »Staatsfeminismus« nennen es Andrea Truman und Lily Lent in ihrem jüngst erschienen Buch – einen antiemanzipatorischen Charakter haben, da sie die traditionelle Ehe und damit das Konstrukt Kleinfamilie stärken, statt die individuelle Emanzipation zu fördern?
Ja, das Ehegattensplitting, die größte deutsche Steuersubvention, ist ein gutes Beispiel dafür. Es priviligiert das Paar, in dem einer verdient und einer dazuverdient. Der Verdiener ist in der überwältigenden Zahl der Fälle immer noch der Ehemann, der so in die Lage gesetzt werden soll, seine Frau zu versorgen. Es bestraft Gleichheit zwischen den Eheleuten, zwischen Mann und Frau, ist also ein Schlag ins Gesicht der Geschlechtergleichheit. Im Gegensatz zum französischen Familiensplittung priviligiert es nicht die Kinder, sondern macht in deutsch-protestantischer Tradition die Ehe zur Staatsreligion, subventioniert so de facto die Ehefrau aus dem Arbeitsmarkt heraus und sorgt für diese ätzend öden Geschlechterverhältnisse der seriellen Monogamie.
Aber es ist nicht zu leugnen, dass mit dem Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen in den vergangenen 30 bis 40 Jahren das Postulat der Geschlechtergleichheit Teil des gesellschaftlichen und politischen Common Sense geworden ist. Wie ist diese Entwicklung mit der Koexistenz einer regressiven Mutterschaftsideologie – die ganz stark auf Biologismus basiert – zu ­erklären?
Wir befinden uns ein einer schizophrenen und unproduktiven Situation. Ein bisschen so wie der Freudsche Fetischist: Ich weiß schon, das Mütter auch Karrieren haben können, aber trotzdem finde ich, dass sie sich vor allen Dingen und am besten rund um die Uhr ausschließlich um ihre Kinder kümmern sollten.
Ist das, was bis vor einigen Jahren noch »Gebärstreik« hieß, eigentlich nicht die beste Kritik am Mutterschaftsideal?
Es gibt trotz und jenseits des Muttermythos ein unbedingtes Begehren nach Kindern. Ein Kind zu bekommen, ist doch sehnlichster Wunsch vieler, ja sogar der meisten Frauen. Kinder zu haben, ist für die meisten Geschenk einer ungeahnten Liebe, ein großes Glück und eines der schönsten Dinge auf der Welt. Darauf zu verzichten, weil man streikt, halte ich selbst jetzt für völlig unzumutbar. Und ich finde es tragisch, und ja, auch grausam, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sich Frauen immer noch vor die Wahl zwischen Kindern und einem erfüllten Berufsleben gestellt sehen. Eine Gesellschaft, in der sie absurderweise noch immer nicht ganz Frau oder nur Frau sein dürfen.