Der Film »Freistatt« von Marc Brummund

Waterboarding im Gemüsegarten

Die Fürsorgeerziehung steckte aufmüpfige Kinder und Jugendliche in geschlossene Heime. Der Film »Freistatt« zeigt, wie ein System aus Zwangsarbeit, Strafe und Gebet gezielt eingesetzt wurde, um den Willen der Zöglinge zu brechen.
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Gespannt beobachten die Zöglinge die Geschehnisse aus dem Waschraum heraus. Wird Wolfgang es schaffen, etwas Essbares aus dem privaten Gemüsegarten des Oberbruders Brockmann zu klauen? Er wird erwischt. Brockmann steckt den schmäch tigen 14jährigen mit dem Kopf in ein Wasserfass, bis er fast ertrinkt. Nach Luft ringend, kriecht Wolfgang erneut zu den Tomatensträuchern und pflückt weiter. Bruder Wilde zieht seine Reitgerte, droht Wolfgang. Der lässt nicht von den Tomaten ab, Wilde tritt ihm auf die Hand, schlägt zu. Wolfgang kriecht trotzdem zurück zu den Tomaten. Wilde peitscht ihn aus. Aber es gelingt Wolfgang, eine Tomate zu retten. Und sich damit gegen die stumpfsinnige Hackordnung innerhalb der Gruppe zu behaupten. Denn die Wette mit Bernd, dem Anführer der Zöglinge, hat er gewonnen. Dieses Mal würde sich die Gruppe nicht brutal an ihm abreagieren.
Angefangen hatte alles damit, dass der Gruppe das Abendbrot gestrichen worden war. Wolfgang hatte sich verbotenerweise mit Angelika unterhalten, der etwa gleichaltrigen Tochter des Oberbruders. Es war immer das Gleiche: Wenn einer der Jungen die Regeln nicht befolgte oder das Arbeitssoll beim Torfstechen im nahegelegenen Moor nicht erfüllen konnte, wurde die ganze Gruppe bestraft. Den Rest erledigten die Jungs unter sich und zogen den Verursacher ihrer Strafe zur Rechenschaft. Und die Aufsichtspersonen schauten weg. Seit Wolfgang im Sommer 1968 von seiner Mutter und seinem Stiefvater in die Anstalt abgeschoben worden war, hatte er die ganze Palette schwarzer Pädagogik kennengelernt. Zwänge, Strafen, Prügel, Psychoterror – nichts war ihm seitdem erspart geblieben.
Der evangelische Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der seit Ende des 19. Jahrhunderts die Betheler Anstalten in Bielefeld leitete, gründete nach seinem Motto »Arbeit statt Almosen« auch Arbeiterkolonien. Dazu zählte seit 1899 die Anstalt Freistatt im Wietingsmoor, eine »weitere ›Arbeiterkolonie‹ für arbeits- und heimatlos umherziehende Männer«, wie es die Gemeinde Freistatt heute auf ihrer Website formuliert. Schnell seien »Heime für schwer erziehbare Jungen« hinzugekommen und binnen weniger Jahre sei ein »neues Gemeinwesen« entstanden, das Bodelschwingh als Freistatt bezeichnete. »In Anlehnung an die biblische Darstellung. Freistätten waren Orte, in denen Verfolgte Zuflucht finden konnten.«
Heute werden dort Möbel verkauft, die zuvor in einer Diakonie-Einrichtung der Stiftung Bethel im Norden aufgearbeitet werden. Für die Dreharbeiten von »Freistatt« wurde der Betrieb ausgelagert, so dass in einem Originalgebäude gefilmt werden konnte. »Das war damals eine völlig andere Welt«, sagte Christoph Nolting, der Geschäftsführer von Bethel im Norden, während der Dreharbeiten 2013. »Das Filmprojekt finden wir gut. Wir unterstützen das.«
Punktuelle Zugeständnisse gegenüber der Kritik an den repressiven Zuständen in den frühen Heimen zu machen und doch einer schonungslosen Aufarbeitung des Heimsystems auszuweichen, wie es auch die Selbstdarstellung der Gemeinde kennzeichnet, ist typisch für viele Verantwortliche. Hier liegt die Ursache dafür, dass die Opfer bis heute nicht angemessen entschädigt wurden. Bethel im Norden gab zwar eine Studie über die eigene Geschichte in Auftrag, die unter dem Titel »Endstation Freistatt« 2009 auch als Buch erschienen ist. Aber die Studie wurde nicht von unabhängigen Historikern, sondern von Beschäftigten der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel erstellt. Schilderungen von ehemaligen Heimkindern gibt die Studie nur gefiltert wieder. Und auf der Website von Bethel im Norden heißt es: »Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln.« Anstelle kritischer Worte über die Geschichte der Anstalt Freistatt finden sich hier nur blumige Formulierungen von »gleichen Rechten und Chancen in der Gesellschaft« für alle.
Der Spielfilm »Freistatt« macht deutlich, dass drakonische Bestrafung und Ausbeutung durch Zwangsarbeit keine Ausnahmen waren, keine einzelnen Willkürakte, sondern die Grundlage des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen. In dem Heim gab es keinerlei schulische Bildungsangebote und keine Entlohnung. Dabei handelte es sich bei der Einrichtung um einen von Diakonen der evangelischen Kirche geführten Wirtschaftsbetrieb. Wer hier eingesperrt war, musste unentgeltlich arbeiten, für die Jungen kassierte die Anstalt von den Jugendämtern zusätzlich noch das staatliche Pflegegeld.
»Freistatt« zeigt, wie die Jungen zu jeder Jahreszeit, bei jeder Witterung zum Torfstechen ins umliegende Moor geschickt werden. Als die Diakonen sie anhalten, beim Marschieren zur Arbeit zu singen, stimmen sie »Die Moorsoldaten« an. Auf diese Weise thematisiert der Film, dass die schwarze Pädagogik der Diakone an die Ideologie des Nationalsozialismus anknüpfte. Denn das Moorsoldatenlied wurde 1933 von kommunistischen Häftlingen im nahegelegenen KZ Börgermoor geschrieben.
In der Anstalt Freistatt wurden zwischen 1933 und 1945 auch Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter beim Torfstechen eingesetzt, und Diakone aus zahlreichen Heimen meldeten sich freiwillig als Aufseher in Konzentrationslagern, um nach dem Krieg wieder in den Heimen tätig zu werden. »Natürlich gab es einen Überfluss solcher Menschenschinder, und viele von ihnen bekamen auch sofort einen Persilschein ausgestellt«, schreibt Martin Mitchell, der selbst 1963/64 in der Anstalt Freistatt eingesperrt war. Die Täter »durften an gleicher oder anderer Stelle – mit kaum sich ändernden Methoden – weiteragieren«.
Mitchell erinnert auch an Pastor Paul Braune, der damals in der Bodelschwinghschen Stiftung einflussreich gewesen sei. Braune habe bereits 1933 die Meinung vertreten, »dass sich die Arbeiterkolonien durchaus zur Verfügung stellen sollten für die Aufnahme verhafteter Asozialer«. Professor Villinger, damals Chefarzt und leitender Psychiater in der Bodelschwinghschen Stiftung, habe in der Zeitschrift für Kinderforschung 1935 einen Aufsatz veröffentlicht, demzufolge insgesamt »30 Prozent der Fürsorge-Zöglinge schwachsinnig (und damit zu sterilisieren) seien; für Freistatt und Eckardtsheim« habe er gar 50 Prozent geschätzt, so Mitchell.
Marc Brummund, der Regisseur von »Freistatt«, berichtete im Rahmen des Max-Ophüls-Filmfestivals in Saarbrücken, dass der Leiter der Anstalt Freistatt während des Nationalsozialismus bei der Gestapo war und sich seinen Angestellten später häufiger in Uniform zeigte. Eine Tatsache, die Brummund in seinem Film nicht berücksichtigt hat. Es hätte übertrieben wirken können, sagte er, wenn der sadistische Oberbruder in Gestapo-Uniform aufgetreten wäre.
Die Schinderei im Moor wird in »Freistatt« bedrückend klar dargestellt. Die Kamerafrau Judith Kaufmann zeigt die Weite des Moores, seine Gefährlichkeit ebenso wie die harte Monotonie des Torfstechens mit einfachsten Mitteln: Spaten, Schaufeln, bloßen Händen. Wolfgang muss in Holzbotten arbeiten. Er scheuert seine Füße wund, sie bluten gleich am ersten Tag. Als ein anderer Junge ihm sagt, es werde noch Monate dauern, bis er wie die anderen Gummistiefel bekomme, rastet er aus. »Ich will sofort Gummistiefel!« schreit er. Bruder Wilde schlägt ihm daraufhin mit einer Schaufel ins Gesicht und drückt Wolfgangs Kopf in den Torfboden.
Konfliktszenen hat Kaufmann häufig halbnah gedreht, die Geschehnisse rücken dicht an den Zuschauer heran. Ein klarer Blick auf die brutalen Geschehnisse ist trotzdem unmöglich. Die Handlung ist von Musiksauce überzogen, ein orchestraler Klangteppich breitet sich fast über den ganzen Film aus. Gerade so, als ob Brummund seinem Thema nicht zugetraut hätte, auf Spielfilmlänge zu tragen. Es liegt nahe, Brummunds Ausbildung dafür verantwortlich zu machen. »Freistatt« ist sein Debütspielfilm, er hat zuvor die Regieklasse der kommerziell ausgerichteten Hamburg Media School besucht und Werbespots erstellt. Mit den Mechanismen einer Inszenierung, die effektvoll die Emotionen der Zuschauer leitet, dürfte er also vertraut sein.
Die Handlung ist schematisch konstruiert und arbeitet mit allzu eindeutigen Gegensätzlichkeiten. Wo das System Freistatt als geschlossenes Heim auf die Gleichförmigkeit und die Brechung des Willens angelegt ist, wird Wolfgang zum rebellischen Helden. Immer wieder wehrt er sich, lehnt sich als einziger gegen Willkür, Strafen und die gegenseitige Züchtigung der Jungen auf. Wo die anderen gehorsam abstumpfen, wächst seine Rebellion; wo er einem Zurichtungssystem unterworfen ist, das auf monotonen Tagesabläufen, Kontrolle und Bestrafung basiert, wachsen sein Widerstand und seine Kreativität – ein ebenso statisches wie unglaubwürdiges Szenario.
Auch das einzige kollektive Aufbegehren der Jungen wird von Wolfgang eingeleitet, dem das Drehbuch eine Rolle als Rebell zuschreibt, die von der Vorlage abweicht. Denn »Freistatt« basiert weitestgehend auf den Erinnerungen Wolfgang Rosenkötters, der 1963/64 für 14 Monate in der »Endstation Freistatt« – so wurde die Anstalt von den Angestellten der anderen zugehörigen Heime genannt – eingesperrt war.
Rebelliert habe er damals nicht, erklärt Rosenkötter. Er habe vielmehr versucht, ein ums andere Mal zu fliehen. Dabei habe er auch die Bauern der Umgebung gegen sich gehabt, die Flüchtige nicht unterstützt, sondern wieder ins Heim gebracht hätten. In ihren Augen waren die Eingesperrten Kriminelle. Fast zehn Jahre nach Rosenkötters Anstaltszeit kommt es 1973 zu einem einschneidenden Ereignis: Zwei Zöglinge zünden die anstaltseigene Moorkirche an, deren sonntäglicher Besuch obligatorisch war. Dieses Fanal der Rebellion hätte sich im Film gut gemacht.

Freistatt (D 2015). Regie: Marc Brummund. Darsteller: Max Riemelt, Stephan Grossmann, Alexander Held, Langston Uibel, Louis Hoffmann, Enno Trebs, Anna Bullard. Kinostart: 25. Juni