Der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Gershom Scholem

Ein deutsch-jüdisches Gespräch

Die Korrespondenz zwischen Theodor W. Adorno und Gershom Scholem zeigt den Austausch zweier sehr verschiedener Denker.
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Wie kein anderer trieb Gershom Scholem im 20. Jahrhundert die historische Erforschung der sogenannten jüdischen Mystik, der Kabbala, voran. Während er auf diesem Gebiet um philologische Nüchternheit bemüht war, fielen die Kommentare über seine Zeitgenossen bevorzugt ironisch aus. Nicht zuletzt verspottete Scholem jede Spielart des Materialismus. Dass sein Freund Walter Benjamin sich in den zwanziger Jahren Adorno und Brecht zuwandte, hat er nie verstanden. Noch 1973 echauffierte er sich über die »Fetischisierung des Zauberworts Gesellschaft« bei Adorno und Benjamin, die den »Irrgarten« als »Ausweg« anpreise. Es war der Freitod des gemeinsamen Freundes Benjamin 1940, der den Jerusalemer Religionshistoriker letztlich mit dem Frankfurter Gesellschaftskritiker zusammenbrachte. Beide gaben in den fünfziger und sechziger Jahren Schriften und Briefe Benjamins heraus. Darum kreist auch der größte Teil ihres Briefwechsels, der 1939 beginnt und sich in den Fünfzigern intensiviert. Die letzten Briefe behandeln einen geplanten Besuch Adornos in Israel, dem aber sein Tod zuvorkam.
Die Lebenswege der beiden Intellektuellen, die 1938 auf Benjamins Drängen im Hause des Theologen Paul Tillich in New York zusammentrafen, hätten sich wohl kaum zufällig überschnitten: Gerhard Scholem, der den deutschen Vornamen später ablegte, wandte sich in seiner Jugend als mystischer Anarchist und Zionist gegen sein liberal-jüdisches Elternhaus und ging 1923 nach Palästina. Während Adorno aus dem Exil bewusst ins Land der Täter zurückkehrte, besuchte Scholem Deutschland erst 1957 wieder – Adorno hatte ihn zu einem Vortrag bei den »Loeb Lectures«, Vorlesungen über »Geschichte, Philosophie und Religion des Judentums«, die Horkheimer initiiert hatte, eingeladen.
So sehr sich also offensichtlich Adornos und Scholems Haltung zu Deutschland unterscheiden, so sehr stimmten sie doch in ihrem Urteil über die deutsche Nachkriegsgesellschaft überein. 1962 protestierte Scholem in einem berühmt gewordenen offenen Brief gegen den »Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch«: »Jüdische Produktivität« werde erst »jetzt von den Deutschen wahrgenommen, wo alles vorbei ist«. Adorno pflichtete ihm brieflich bei: »Schon wenn man ein Wort wie deutsch-jüdisches Gespräch hört nach dem Geschehenen, kann es einem übel werden, und es ist die einfache Wahrheit, daß es ein solches Gespräch nie gegeben hat.«
Asaf Angermann, Herausgeber des Briefwechsels, beschreibt den Austausch im Nachwort auch als »›Aufarbeitung der Vergangenheit‹ aus der Sicht der Exilanten«. Dokumentiert werde darin Adornos »bisher nicht in vollem Umfang bekannte Fremdheit im eigenen Land«. Im Briefwechsel erfährt man etwa von einer antisemitischen Morddrohung, die er Ende der sechziger Jahre erhielt. Schließlich brachte Adorno wiederholt seine Sorge um den Staat Israel zum Ausdruck, etwa anlässlich des Sechstagekrieges. Im Dezember 1967 erschien ein Geburtstagsgruß Adornos für den 70jährigen Scholem in der NZZ. Auch hier erinnerte er daran, dass »nach wie vor die Juden, unter schmählichsten Vorwänden, mit Vernichtung bedroht werden«. Scholems Zionismus erschien hier als profane Anverwandlung der jüdischen Tradition – deren eigene Unkenntnis Adorno selbst am lautesten betonte.
Hauptgegenstand des NZZ-Artikels ist die Behauptung, die jüdische Mystik habe eine häretische Affinität zur Aufklärung. Sie durchlaufe einen inneren Säkularisierungsprozess und komme erst in äußerster Ursprungsferne zu sich selbst. Hier denkt Adorno auch an den Sabbatianismus, benannt nach dem abgefallenen Messias Sabbatai Zwi. Der wurde 1666 vor die Wahl zwischen Apostasie und Martyrium gestellt – und zog eine Konversion zum Islam vor. Seine Anhänger deuteten das als notwendige Selbstpreisgabe des Erlösers an das Böse. »Erlösung durch Sünde« nennt Scholem das Motto des Sabbatianismus: »Die Aufhebung der Tora als deren wahre Erfüllung.« Das Licht der erlösten Welt zeigt sich der unerlösten nur als ihre Negation. Die radikalen Sabbatianer kehrten in diesem Sinne die jüdischen Religionsgesetze bewusst um: Kolportiert wird allerhand bis hin zu wüsten Sexorgien, jedenfalls galt die Bewegung schnell als Erzhäresie.
In seinem Beitrag für Adornos Festschrift zum 60. Geburtstag beschrieb Scholem die Ausläufer des Sabbatianismus als messianisch-universalistischen Ausbruchsversuch aus dem Ghetto. Er sah hierin eine indirekte Vorbereitung der jüdischen Reform und Assimilationsbewegung. Heißt auch: Für den Zionisten war der Sabbatianismus ein zweischneidiges Phänomen, das die Einheit des Judentums bedrohte. Dieser »mystische Nihilismus« erschien hingegen Adorno als innerreligiöser Nachweis von gelingender Säkularisierung, als ein Übergang der Kabbala zu materialistischen Motiven. Das impliziert die Aufhebung der Religion – und trennt Adorno unversöhnlich von Scholem, der das moderne »Nichts Gottes« nur als geschichtstheologisches Durchgangsstadium betrachtete. Als keusche »Verteidigung der Metaphysik« würdigte Scholem 1967 die »Negative Dialektik«, deren Bezug auf Marx ihm jedoch unverständlich blieb. Dagegen verteidigte Adorno den Begriff des Klassenkampfes, der keine »Vulgärmetaphysik des Proletariats« darstelle, sondern sich gegen die Konvergenz von Herrschaft und Identitätsprinzip richte. Gerade der materialistische »Vorrang des Objekts« verbürge die von Scholem erkannte »Affinität zur Metaphysik, beinahe hätte ich gesagt, zur Theologie«.
Scholem und Adorno verbindet die Ablehnung der Idee einer jenseitigen Erlösung, wie sie das Christentum predigt. Nach einer chassidischen Metapher werden in einem versöhnten Zustand »Menschen und Dinge an ihren rechten Ort« gestellt, und diese Formulierung taucht bei beiden ebenso auf wie bei Bloch und Buber – die Scholem und Adorno im Briefwechsel meist polemisch kritisieren. Erlösung gilt ihrem Messianismus als innerweltlich, Transzendenz als erfüllte Immanenz. Dieses Primat des Innerweltlichen für jede Vorstellung von Transzendenz nennt Adorno einen der »mystischen Impulse, die in der Dialektik sich säkularisierten«. Seine negative Metaphysik richtet ihren Blick nicht auf ontologische Hinterwelten, sondern zielt darauf, dem Seufzer der bedrängten Kreatur zum Ausdruck zu verhelfen. In den Brüchen der gesellschaftlichen Totalität wäre nach den transzendierenden Spuren des Anderen zu suchen, die an der ahistorischen Vernunft klassischer Metaphysik abprallten.
Adorno würdigt die jüdische Mystik als Ort der Erfahrung von Nichtidentität – des »unauflöslich Individuierten«, das die vom Äquivalententausch regierte, tautologische Immanenz des Bestehenden Lügen straft: »Das Totum ist das Totem.« – Diesen Satz der »Negativen Dialektik« wollte Scholem laut einem Brief zur »Negativen Dialektik« als »Motto künftiger mystischer Vorträge von mir« verwenden. Als Titel des Briefwechsels wurde so mit Recht ein Zitat von Aby Warburg ausgewählt, das Scholem und Adorno diskutierten: »Der liebe Gott wohnt im Detail.« Nach Adorno könnte das als Motto für Benjamins Philosophie dienen.
Im Nachwort zu Scholems Aufsatzsammlung »Walter Benjamin und sein Engel« erinnerte sich Rolf Tiedemann daran, wie Adorno ihm freudig von Scholems Lob des Satzes über das Totum erzählte. Nach Tiedemann besaß Scholem am Frankfurter Institut für Sozialforschung den Ruf »uneingeschränkter Autorität«: »Vor allem Adorno war unermüdlich darin, dem Ruhm Scholems den Weg zu ebnen. Er hätte von Scholem wohl sagen können, was dieser von den Kabbalisten zu sagen pflegte: Er weiß etwas, das wir nicht wissen.« In Scholems Autobiographie »Von Berlin nach Jerusalem« kommt Adorno dagegen nicht vor. Erwähnt wird das Institut für Sozialforschung – als eine der »bemerkenswertesten ›Jüdischen Sekten‹«, die das deutsche Judentum hervorgebracht habe.

Theodor W. Adorno und Gershom Scholem: »Der liebe Gott wohnt im Detail«. Briefwechsel 1939–1969. Hrsg. v. Asaf Angermann. Suhrkamp, Berlin 2015, 535 Seiten, 39,95 Euro