Zwei Geschichten aus dem Knast

Drinnen läuft wieder mal die Glotze

Zwei Geschichten aus dem Knast.

Anzeige

Heinrich

Beim Abwärtssteigen der Wendeltreppe, deren Eichenstufen jahrhundertetiefe Trittspuren ausgeschliffen haben, bekommen meine Schritte eine eigentümliche Schwingung. Während der rechte Fuß stockt, bekommt das linke Bein einen Freilauf, als wollte ich mich selbst überholen. Mich selbst überholen gehört zu meiner Natur. Der prächtige Glockenturm ist das Wahrzeichen der Anstalt. Wie der Zustand der anderen Gebäude zeigt auch er, dass zwei Weltkriege die Renovierung dieses Zuchthauses verhinderten. Jahrzehntelange Planwirtschaft hat das Übel vollendet. Auf die von Hand behauenen Natursandsteine wurde sozialistischer Rauputz geklatscht, der sich in großen Placken vom Mauerwerk löst. Der ganze Bau löst sich auf.
Ein Blick aus dem schießschartenkleinen Fenster zeigt mir den vorm Zellenbau auf mich wartenden Wächter Lehmann. Margarete hatte mich wieder einmal besucht. Sie kommt seit vielen Jahren zu mir, mindestens einmal im Monat. Sie hält mich am Leben, weil sie vom Leben erzählt und Leben zu mir trägt. Margaretes Lieblingskatze, Punk Andersson, ist verschwunden, und ich kann Margarete nicht trösten. Trost ist ja auch immer ein Verräter, der die Hoffnung frisst. Statt einer Trostspende leide ich mit Margarete, und während ich an sie und Punk Andersson denke, sehe ich, am Fuß der Treppe angelangt, unmittelbar hinter einer sperrangelweit offenen Flügeltür, die in einen ehemaligen Schlafsaal führt, auf dem blanken Beton drei Kätzchen liegen. Die tief stehende Sonne sendet einen Lichtstrahl, der wie ein Finger auf die Kätzchen weist.
Ich muss zweimal schauen. Drei Kätzchen, nicht größer als ein großer Daumen. Sie leben und sie sind noch blind. In diesem leeren, bis auf die Ziegelwände entkernten Saal, in dem zu Ostzeiten 90 Gefangene hausten, wo sie aßen und schliefen, furzten und rauchten, wo im Waschraum zehn Toilettenschüsseln ohne Schamwand nebeneinander montiert waren und wo immer ein Schwanzlutscher gegen geringen Lohn seine Dienste anbot; in diesem Gespenster-Gehege liegen drei Kätzchen. Reglos, blind und stumm.
Als folgte mein Körper einem Reflex, bücke ich mich, gehe in die Knie und nehme das mittlere, ein schwarzes Kätzchen, an mich, bette es in die rechte Handgrube und lege darüber wie ein Dach Margaretes Besuchsgeschenke: Schokolade und eine Schachtel Kippen.
Der Schritt aus dem Turm in den Hof. Tief Luft holen. Die Sonne blendet.
Das Kätzchen macht keinen Mucks. Über die Länge des Fußballfeldes gehen wir auf der Betonstraße zum Zellenbau. Lehmann hat sich in die Tür gestellt. Jetzt drückt er sie auf mit dem breiten Gesäß. Sein übergroßer, akkurat bis auf den Mönchskranz enthaarter Schädel hat ihm den Spitznamen Badekappe eingebracht. Das weiß er, und es ist deshalb nicht ratsam, über Wassersport mit ihm zu reden.
Er öffnet die Zelle, fragt: »Alles o. k.?« Während ich über die steinerne Schwelle steige, nicke ich gleichmütig: »Aber ja.« Badekappe schließt ab. Wir sind allein.
Ich habe das Kätzchen Heinrich genannt. Nach zehn Tagen öffnete es die Augen und schaute mich an. Was er wohl sah? Einen einsamen bärtigen Mann. Ich schämte mich, denn ein Gefängnis, das niemals gut für Menschen sein kann, ist erst recht nicht gut für ein Tier wie Heinrich. Und ich hatte einer Katze das Kind geraubt. Aber dagegen gab es kein Gesetz.
Wer kann den unterschiedlichen Status von Mensch und Tier begründen? Frei von Willkür wird niemand sagen können, warum Heinrich einen anderen Status haben sollte als zum Beispiel der Bundespräsident. Sind es die gleichen Leute, die den Unterschied zwischen Mensch und Tier kennen, die, es ist gar nicht so lange her, wussten, wer der Mensch und wer der Untermensch war? Ich hingegen bin nicht sicher, ob nicht wir Menschen die mindere Spezies sind.
Im Hof gab es Dutzende Katzen. Sie legten sich an warmen Abenden, alle Viere von sich gestreckt, gemeinsam vor den Zellenbau auf den Asphalt und warteten, bis etwas aus einem Fenster fiel. Dann bemühte sich, nach einer Schamfrist, dieses oder jenes Tier zu der erwiesenen Gefälligkeit, und manchmal geruhte jemand, das Gefallene zu verzehren. Die Katzen hatten sich eingerichtet auf dem Gelände, und obwohl es nicht so aussah, gab es sicherlich Schlupflöcher für sie. Aber warum sollten sie gehen?
Heinrich auszusetzen, das kam nicht infrage. Würde er seine Mutter finden? Im Grunde habe ich nicht an Heinrich gedacht, sondern an mich. Er schlief in meinen Achselhöhlen. Nachts bettete ich ihn, wenn ich mich wendete, von links nach rechts, von rechts nach links. Eigentlich schlief ich nicht in jener Zeit, sondern dämmerte bloß vor mich hin auf eine wundersam achtsame Art. Weil ich auf Heinrich Obacht geben musste, achtete ich auch besser auf mich. Eine Pipette zu besorgen und Milch – später auch Sand und eine Obstkiste –, das war kein Problem.
Es war kurz nach dem Mauerfall. Die alten Gesetze galten nicht mehr uneingeschränkt. Die neuen Gesetze waren unbekannt. In diesem famosen Vakuum, in diesem rechtsfreien Raum, arrangierten sich pfiffige Häftlinge und kluge Wächter. Die Gefangenen vergaßen, was ihnen von den Wächtern in der alten Zeit angetan worden war, die Wächter hingegen entschieden sich dafür, so wenig wie möglich zu sehen. Plötzlich war nahezu alles möglich.
Aus den Betrieben hatten die Gefangenen herangeschleppt, was irgendwie brauchbar schien. Möbel entstanden. Überall wurde gesägt, genagelt und lackiert. Und weil, woher auch immer, in Unmengen schwarze Farbe zur Verfügung stand, dominierten schwarze Schränke, Tische, Stühle in schwarzen Zellen das Bild.
Verschiedene Lebens- und Wohngemeinschaften bildeten sich, auch solche feudaler Natur. In der Gemeinschaftszelle neben mir wurde der Kommunekoch, weil er zuviel nebenbei gefressen hatte, mit der Zunge an den Tisch genagelt. Dort verblieb er zur Strafe eine Stunde, bekam aber, weil er nicht gejammert hatte, ein silbernes Piercing für die ohnehin lädierte Zunge. In allen Zellen war das uralte Parkett aufgebrochen worden. Den Zwischenboden, feiner Sand, hatte man herausgehoben, um Platz für die mit Obstsaft und Hefe gefüllten Mullsäcke zu schaffen. Unter dem wieder gut verschlossenen Fischgrätenparkett reifte das alkoholische Getränk. An den Wochenenden wurde gebrannt.
Es wurde gesoffen, bis der Notarzt kam, und das war sehr häufig der Fall. Als die Anstaltsleitung dem Missbrauch begegnen wollte und den Zuckereinkauf monatlich auf zwei Kilo beschränkte, verweigerte das ganze Haus die Arbeit, bis die Verordnung nach drei Tagen wieder aufgehoben war. Bekannte und Verwandte brachten von außerhalb Stereoanlagen, Fernseher und Kochplatten. Das war damals. Heute ist der Knast bundesrepublikanisch humanisiert, sterilisiert und modern zubetoniert. Der Ostmensch wurde gezähmt.
Ich hatte mir einen Zoo eingerichtet. Heinrich war nicht mein erstes Tier. Ihn aber hatte ich mir angeeignet. Die anderen sind ohne mein Zutun gekommen.
Bei mir lebte Franz, die Feldmaus, benannt nach einem Gedicht von Villon. Jemand hatte ihn mir im Herbst aus dem Garten mitgebracht, wo seine Sippschaft auf dem Kompost siedelte. Franz war anspruchslos und hatte sich schnell an mich gewöhnt. Mal legte ich Erbsen an den Tellerrand, mal bekam er Brot oder Käse. Er achtete von selbst auf ausgewogene Ernährung. Er war Vegetarier wie ich, anders als ich aber sozusagen – notgedrungen. Nachts nagte er sich unterm Bett durch die Strafakten des Oberlandesgerichts und viele staatsanwaltliche Schreiben, die ein halbes Dutzend Leitz-Ordner füllten. Das kluge Tier bildete inmitten form- und fristgerecht geübter Gerechtigkeit seine Nistquartiere. Tagsüber krabbelte er unter meinem Hemd, turnte auf meinem Kopf und vermied dabei, mich anzuscheißen. In vielerlei Hinsicht war er mir lieber als mancher Mensch.
Auch ein Mauersegler lebte bei mir. Ein deutscher Russe aus Kasachstan, ein mehrfach verwurzelter Mensch, hatte mir den Vogel gebracht. Der war bei Reparaturarbeiten aus dem Nest gefallen und wäre andernfalls im Magen einer Katze gelandet. Ich hatte ihn mit hartgekochten Eiern aufgepäppelt. Nun flog er schon die Strecke von Zellenwand zu Zellenwand. Ich bewohnte eine große Zelle. In der alten Zeit hatte sie acht Gefangene beherbergt. Zufällig war sie frei gewesen, als ich danach fragte. Ich hatte im Verwaltungstrakt erbeutete Gardinen aufgehängt, in deren Maschen Herr Mauersegler sich festkrallen konnte. Wenn er sich verhakte, flatterte er sich frei und kräftigte so seine Schwingen, seine Schlagfittiche. Landete er auf dem Boden, hatte ich ihn alsbald am Schlafittchen und hob ihn wieder in die Gardine an der Hand. Bald war er so weit, dass ich ihn fliegen lassen musste. Wiewohl er auch Mücken und Fliegen nicht verschmähte, die meine Nachbarn und Kollegen sammelten, waren ihm noch die harten Eier lieber. Als hätte ich nicht genug Leben in Gewahrsam, kamen auch Wespen zu mir.
Ein Nachbar hatte mir flüssiges Valium gebracht. Am Anfang gefiel mir das Zeug. Ich lächelte viel und schritt durch Raum und Zeit, als wäre ich nicht von dieser Welt. Die Gegenwart wurde elastisch und zäh wie Gebärden unter Wasser. Ich schlief zuviel. Jemand sagte mir, die Stones hätten einen Song über die Medizin geschrieben: »Mothers Little Helpers«, eine embryonalzustandsförderliche Droge, für deren Entdeckung der Nobelpreis vergeben wurde.
Ich schraubte den Deckel von einem Marmeladenglas und goss ein wenig Valiumsaft darauf, der langsam einsickerte, und stellte es neben ein unbesaftetes Glas auf die Fensterbank. Die Wespen kamen schnell.
Am Saftglas entstand alsbald ein großer Tumult, ein Gedränge, während das andere Glas kaum angeflogen wurde. Die Tierchen gruben Tunnel, um an den Saft zu kommen und lagen in der Zelle auf dem Tisch. Ich konnte sie in die Hand wischen. Sie stachen nicht mehr. Waren sie im Insektenglück? Auch als ich die Substanz der Marmelade nicht mehr beigab, waren immer ein paar Wespen in meiner Zelle. Sie störten mich nicht. Heinrich war längst an seine Sandkiste gewöhnt, und obwohl er leicht vom Bett dorthin springen konnte, benutzte er noch immer die Treppe, die ich ihm aus Büchern gebaut hatte.
Längst hatte ich Heinrich hinausgeben müssen. Margarete war indessen schon zweimal zu Besuch gekommen. Ich redete mir ein, Heinrich ginge es gut. Ich behielt ihn bei mir. Er war allseits beliebt, bekam Besuch und absolvierte seinerseits Besuche. Endlich aber, Margarete sollte am Nachmittag kommen, richtete ich für ihn einen großen Karton her, in den ich Gucklöcher stieß und eine meiner Jacken hineinlegte. Dann gab ich ihn fort. Ein Wächter trug ihn zur Torwache, wo Margarete ihn nach dem Besuch abholen konnte.
Noch wenige Wochen zuvor hatten wir über den Anstaltsleiter obsiegt. Er war gegen uns angerückt mit fünf Beamten, stand in der offenen Tür und sagte, er habe eine Katzenallergie. Die Katze müsste raus! Wenn er das wolle, sagte ich, müsste er sie holen. Der Anstaltsleiter, ein korpulenter, mittelgroßer Mann, blickte sich um und schaute auf seine Beamten. Die aber hatten oft für Heinrich Milch und Futter gebracht. Nun legten sie die Hände auf den Rücken, blickten sich an oder schauten beiseite, als hätten sie nichts gehört oder als wären bloß die Kollegen angesprochen.
Heinrich war vom Bett gesprungen und hatte sich neben mich gesetzt. Der Tumult vor der Zelle war ihm egal. Er begann, ausgiebig seinen Bauch zu lecken. Stille. Alle starrten auf Heinrich hinab. Dann – ein Laut, als schnappte ein großer Fisch nach Luft – machte der Anstaltsleiter kehrt und stapfte, spürbar unter Dampf, davon. Wohin auch immer. Die Uniformierten folgten ihm. Einer verschloss die Zelle, ohne im mindesten gelächelt zu haben.
Als Heinrich noch bei mir war, hatte Margarete geschrieben: »Die Katze duldet den Menschen. Die Katze ist großmütig und sanft. Sie glaubt, sie sei klüger als ein Mensch, bloß weil sie besser sieht und hört. Was immer auch geschieht, eine Katze hat unendliche Geduld und erwartet alles und nichts. Und«, so schrieb Margarete, »sind wir nicht alle hilflos, weil hilflos durchs Leben polternd, in Versuchung, einer des anderen Katz zu sein?«
Später dann bekam ich einen Brief, in dem sie schrieb, Heinrich habe auf der Heimfahrt den Wagen vollgeschissen. Dann schrieb sie, Heinrich sei von den alteingesessenen Katzen angefaucht worden und habe sich deshalb mit einem Zwergkaninchen verbündet, das als heimatloses Tier wie Heinrich auch bei Margarete Unterschlupf gefunden hatte. Zuletzt schrieb sie, Heinrich sei gestorben. Sie pflanzte einen Buchsbaum auf sein Grab, für den sie an heißen Sommertagen viel Wasser getragen hat. Ich glaube, Heinrich ist an der ihm unbekannten Freiheit gestorben. Es kann gar nicht anders sein.

Fernsehen

Um halb sechs am Morgen startet das Fernsehprogramm. Die Fernbedienung wandert reihum, die Daumen lassen die plappernden Programme springen. Sie sollen helfen, die vom Gericht zudiktierte Zeit, die als brütende Langeweile in den Köpfen sitzt, zu verbüßen. Zu diesem Zweck ist ein 22-Zoll-Flachbildschirm in Überkopfhöhe montiert. Wir sind zu viert in dem sonst unbewohnten Untergeschoss dieses Waschbetonblocks, in einem Raum, in dem zuvor die Bibliothek untergebracht war.
Infolge chronischer Überbelegung des Hauses, das zum Ensemble der baden-württembergischen Strafanstalten gehört, wurde die Bibliothek – die bloß ein Buchlager war, bei dem Bücher umständlich über Katalog und Handzettel bestellt wurden – ausgelagert. Der Raum wurde mit zwei Stockbetten, einem Tisch, vier Stühlen und vier kleinen Schränken möbliert und zum »Haftraum« umgewidmet. Die Betten sind braun gestrichene Eisengestelle mit Pressspanplatten und Schaumstoffmatratze. Ebenso der Tisch. Eisengestell, Pressspanplatte. Vier rote Plastikstühle aus der Gartenabteilung des Baumarkts. An den Schränken erprobten viele Gefangene ihre Schnitzkunst. 1963 entstand das erste Werk: Ein Huhn mit bewimperten Augen und Zähnen. Zum Duschen werden wir in die höhergelegene Abteilung geführt. Die jungen Wächter laufen mit dem Schlüssel und schließen ohne Unterlass. Die alten Wächter sitzen im Büro. Dieser verglaste Kasten wird auch »Aquarium« genannt. In völliger Lautlosigkeit telefoniert der große blaue Fisch.
Vor die Gitter der zwei Fenster in unserer Zelle wurden massive Lochbleche geschweißt. Die kleinen Bohrungen machen das Blech zu einem Sieb. Es hemmt die Luftzufuhr und verändert den Blick.
Ich sehe die von Natodrahtrollen bekrönte Mauer wie mit den Facettenaugen eines Insekts. Ich bin umstellt von blankem Beton. Doch auf dem Anstaltsrasen ein gelbschnäbliger, schwarzer Vogel. Er hüpft wie ein kleiner Ball und wendet die Blätter des hereingewehten vorjährigen Eschenlaubs auf der Suche nach Fressbarem. Wir bekommen kein Frühstück. Sechs Scheiben Brot, die am Abend ausgeteilt wurden, müssen reichen. Alle zwei Wochen gibt’s zudem ein paar Löffel Marmelade und 25 Zehngrammportionen Mischstreichfett 80 v. Hundert. Um Irritationen zu vermeiden, ist das fingerhutkleine Becherchen, das nur noch zehn Tage garantiert genießbar ist, viersprachig bedruckt. Meine Kollegen sind auf das Fernsehprogramm fixiert, das Ablenkung nicht duldet. Sie wenden sich ab vom Monitor nur zum Schlafen oder wenn sie zur Toilette huschen. Der Fernseher ist ihres Lebens Mittelpunkt.
»Es gibt ja sonst nichts«, sagen sie. Aber auch im Fernseher »kommt meist nichts«. Aber sie sind verdammt, zu schauen, weil »vielleicht doch was« kommen könnte. 17 bis 18 Stunden läuft die Glotze an jedem Tag. Das ist von keinem mit Verstand zu bewältigen. Die Konzentration lässt nach mit der Zeit.
Man weiß nicht, wohin mit sich selbst. Man ist nirgendwo, wenn man das Hiersein nicht akzeptiert. Nach der Phase kritischer Erkenntnis drohen Unsicherheit und Angst. So müssen die Vorfahren sich gefühlt haben, wenn Wolf oder Bär vor der Höhle standen, und nichts zur Hand war, sich des Schrecklichen zu erwehren. Hier bedeutet der Schrecken, ins Unbekannte, ins Imaginäre verortet zu sein. Nun mag keiner mehr die Fernbedienung halten.
Durch den langen Tag flackerte es in der Zelle, als wären Blitzlichtfotografen am Werk. Ein Programm bleibt stehen. Langsam verebben die Flimmerreflexe. In der Glotze wird regelmäßig gelacht.
Uli schreibt einen Brief. Nach ein paar aus dem Stift gelutschten Worten schaut er zum Fernseher. Das eingeblendete Gelächter hat ihn abgelenkt. Warum gelacht wurde, erfährt er nicht. Er sieht nichts, das er nicht vorher schon sah. Menschen auf einem Sofa. Unsichtbare Menschen lachen, wenn die auf dem Sofa sitzenden Menschen sprechen, die bunt gekleidet sind.
Uli schreibt wieder zwei Worte. Dann schaut er zum Fernseher und wartet auf Gelächter, das zum Mitlachen reizt. Uli schaut hin und her. Hinauf zum Fernseher und auf den Briefbogen hinab. Er kann sich nicht entscheiden. Das eine wie das andere macht ihm zu schaffen. Zwei Bögen hat er zerknüllt. Innerhalb einer Stunde füllt er mit großen Buchstaben ein drittes Blatt.
Das Essen kommt. Ein Stück warmes weißes Brot und ein Klecks Pudding. Dazu eine braune Brühe, in der graue Bröckchen schwimmen. Wie immer klappern die Löffel in den gebuchteten Metalltellern. Das Essen wird unerblickt eingeschaufelt, während die Augen bei der Glotze sind, die immer noch Menschen auf einem Sofa sitzend zeigt. Uli erzählt. Unlängst habe er einen Schlaganfall erlitten. Zudem einen Unfall mit dem Auto. Er hatte es von der Autovermietung geliehen, aber nicht zurückgebracht. Nun wurde er deshalb wohl verhaftet, obwohl er erfolgreich eine vom Jobcenter mit 8 000 Euro finanzierte Ausbildung zum Lagerarbeiter absolvierte. Uli schaut wie ein zu Unrecht geohrfeigter Knabe.
Am Unfall trüge er keine Schuld. Die Blutprobe mit dem unfassbar hohen Alkoholgehalt wurde vertauscht. Das könne er beweisen.
Uli wiegt 130 Kilogramm. Aber, sagt er, die Anstaltswaage funktioniere »nicht ganz richtig«. In Wahrheit wöge er nur 127. Und kein Gramm mehr. Uli schläft über mir. Steigt er am Morgen die Leiter herab, sehe ich, wenn er sich bückt, nach den Pantoffeln angelnd, sein von einer knappen Unterhose überspanntes Gesäß aufragen, auf Armlänge entfernt. Uli furzt nur nachts, im Bett, wenn er nichts dafür kann. Er sagt: »Anstand muss sein.« Schon am Morgen fragt er nach dem Mittagessen. Der Wächter weiß wieder mal nichts.
Hat Uli zu Mittag gegessen, fragt er, was es am Abend gibt. Es gibt Wurst. Am Freitag Quark oder Käse oder Fisch. Ich bin Vegetarier und kriege Käse, der auf dem Speisenplan manchmal »Schnittkäse« heißt, obwohl er immer geschnitten wird. Vier dünne Scheiben.
Uli hat Mitleid mit mir und erzählt, wieviel Fleisch er draußen zu verspeisen vermag. Was er hier bekomme, das sei »für den hohlen Zahn«. Er fragt, worüber ich schreibe. Ich sage: »Was in unserer Zelle passiert.« Uli sagt: »Für den Knast interessiert sich doch kein Depp.« Er rät mir zu einem »Äktschn-Roman!« – mit »Zombies«.
Seit seinem Unfall, aber eigentlich schon seit dem Schlaganfall, vermutet Uli, und in dieser Sache verstehe er »keinen Spaß«, sei sein Gehirn »teilweise zerstört«. Kopfschmerzen bekomme er beim Lesen und Schreiben. Müsste er so viel schreiben wie ich, wäre er »mit Sicherheit tot«. Er wartet auf Arbeit, die man ihm versprochen hat. Er fragt täglich den Wächter, der täglich nichts weiß.
Weil Uli oft »den Zusammenhang« in der Glotze verpasst, lässt er sich die Filme von Peter und Alexander erklären, die ihm helfen, obwohl sie die deutsche Sprache kaum verstehen. Sie kommen aus Ungarn und Rumänien und sprechen Unglisch und Rumänglisch miteinander. In ihren Ländern werden Filme selten synchronisiert, und so tauschen sie Floskeln aus. Was in der Glotze kommt, haben sie schon zum Abwinken oft gesehen. Sie wirken wie von Gleichmut versteinert. Uli hingegen ist nervös. Er hat sich am helllichten Tag aufs Bett gelegt und trommelt mit den Fingern auf das Geländer unseres gemeinsamen Bettgestells, das aus verschweißten Rohren besteht und zum Resonanzkörper wird. Manchmal trommelt Uli auch auf dem Tisch. Oder er pfeift. Ausdrucksstark und im Viervierteltakt. Uli marschiert als Trommler in einem Fanfarenzug. Genauer gesagt ist er Paukenschläger. Die kleinen Stöcke, sagt er, seien ihm nicht sympathisch. Seine Musikgemeinschaft ist einmal sogar im Kölner Karnevalszug marschiert.
Uli wird traurig, denkt er an die schöne Zeit. Er stöhnt zum Herzerweichen und seufzt mit blubbernden Lippen wie ein Esel nach vollbrachtem Geschrei. Uli transzendiert mit unfreiwilliger Komik die Spannung in der Zelle. Die Atmosphäre wird geladen von der elektrischen Realität, die sich reibt an der unliebsamen Wirklichkeit. Keiner ringt sich durch zu der Erkenntnis, dass ihn die Glotze malträtiert. Aber wenn nicht die Glotze, was dann?
Ich habe meine Gehörgänge mit Wachs verschlossen. Weil es nun so aussieht, als hätte ich keine Nerven, sind die anderen genervt.
Sie sind gequält von Tatenlosigkeit, in ihnen bohrt das sensationsgewohnte, jetzt unbeschäftigte Gemüt. Allein das unstete Fernsehgeflacker ist geeignet, ihr beschädigtes Lebensboot vor dem Untergang zu bewahren. Sie würden ersaufen in der Leere, die sich unvermittelt aufgetan hat in ihnen. Ohne Tingeltangel können sie nicht sein. Sie wollen getäuscht sein. Die Glotze bedient sie mit dem Anblick des unsäglichen Krams, den sie für den Sinn des Lebens halten. Ohnehin ist alles scheißegal. Der Völkermord erscheint in gleichem Rahmen wie ein Pickel am Kinn. Alles ist überall. Warum also nicht der Knast im Knast, den der Knastfilm zeigt. Alles ist immer Ankunft und Flucht. Auch jetzt, während ich darüber schreibe. Uli wird, weil er Arbeit bekommen hat, in eine andere Zelle verlegt. Statt seiner kommt Roberto, der einen Fernseher mitbringt. Uli hat seine Glotze mitgenommen.
Wäre Roberto nicht gekommen, hätte uns wohl, wie in Michael Endes endloser Geschichte, das Nichts verschlungen. Die Glotze muss gemietet werden und ist nicht billig. 25 Euro monatlich.
Inklusive Strom. Tischlampe. Radio, Schreibmaschine oder Wasserkocher kosten extra zwei Euro monatlich pro Gerät. Die Grünen regieren und haben den Behörden des Landes Energiesparen verordnet. Den altgedienten Beamten des Ministeriums fiel nichts Besseres ein, als die Gefangenen zu schröpfen.
Um an heiße Getränke zu kommen, die von der Anstaltsküche schon lange nicht mehr geliefert werden, müssen die Gefangenen nun zahlen. Und keinem kam der Gedanke, dass die Tischleuchten weniger Strom verbrauchen als die Neonröhren des Zellenflutlichts?
Mit dem Taschengeld, das als eine Art Sozialhilfe den Kranken und Arbeitslosen gezahlt wird, sind die Kosten für die Glotze und den Strom knapp gedeckt. Es heißt, es seien Gebühren für Müll und Wasser geplant.
Peter ist eine Nervensäge. Er kommt aus der Toilette mit angeritztem Unterarm und vertröpfelt Blut, als er zur Tür geht und grinsend das Notsignal drückt. Dabei schwenkt er den Arm. »Schwein!« schreit Alexander.
Der Sanitäter kommt. Im Fernsehen wird gelacht. Peter wird abgeführt, kehrt aber bald wieder zurück, mit einem großen weißen Verband, der in einer schwarzen, um den Hals gelegten Schlinge liegt. »In Bulgarien hätten sie dir dafür den Arsch aufgerissen«, sagt Roberto. Er ist Italiener, lebt aber in Norddeutschland. Er ist hier, weil er von mutmaßlichen Mittätern getrennt sein soll. Er hat gehört, dass man vom fünften Stock den Bodensee sehen kann. »Weiter weg von Hamburg«, sagt er, »geht gar nicht«.
Der Sanitäter wischt mit einem feuchten Lappen über den Boden. Peter schaut zu und lächelt. Er spielt den Idioten, erkennt aber nicht, was jeder sieht: einen Idioten, der den Idioten spielt.
Und er benimmt sich wie ein Schwein. Teebeutel wirft er vom Bett in Richtung Mülleimer, verfehlt aber das Ziel. Sie bleiben liegen und sickern aus in einer Pfütze gelbem Saft. Als wir die Zelle putzen, erklärt er, dass in seinem Land die Frauen dafür zuständig seien. Weil er kein Deutsch versteht, kann er nicht begreifen, was wir von ihm wollen. Roberto ist nervlich beansprucht. Auch er klebt an der Glotze und kann alles andere – aber was wäre das schon? – nur nebenbei verrichten. Den ganzen Tag ist er in Bewegung. Kennt keine Pause. Springt vom Bett zum Schrank, vom Schrank zum Tisch.
Dort steht seine Tasse. Er trinkt einen Schluck, bevor er weiter zur Toilette eilt. Dann wieder zum Schrank. Angespannt späht Roberto hinein, weiß nicht, was er mögen will. Nun läuft er zur Toilette, weil er vergaß, sich die Hände zu trocknen. Weil sie von allein trockneten, wäscht sie Roberto erneut, um sie korrekt mit dem Handtuch zu trocknen. Dann geht er zu seinem Bett, wo die Fernbedienung liegt und sucht ein anderes Programm. Wo gelacht wird, bleibt das Bild starr stehen. Wieder wird gelacht. Alexander am Tisch lacht ebenfalls. Wie Uli, der nun woanders ist, trommelt er mit den Fingern und pfeift dazu.
Roberto glaubt, seine Nase sei verstopft. Was einst die Nasenschleimhaut weitete, das hat er hier nicht. Er trötet den ganzen Tag in höchsten Tönen, in Trauer um die gute alte Zeit. Es hört sich an, als werde ein Elefantenbaby geschlachtet. Roberto braucht für seine Trockenübungen – er bläst tatsächlich nur heiße Luft aus dem Kopf – eine Rolle Klopapier am Tag. Die zerknüllten Fetzen füllen einen Eimer. Und obwohl Roberto oft mit Schrank- und Toilettentür knallt und klappert, bleibt die Nase das bevorzugte Ventil. Er posauniert, er fleht in höchster Bedrängnis.
Doch es gibt keine Instanz. Niemand außer uns kann hören, wie er mit final anmutenden Schmerzstößen sein im Unglück komprimiertes Dasein intoniert.
Das Dominanzgebaren von Männern, die auf engstem Raum miteinander auskommen müssen, wurde hinreichend erforscht. Die Erfahrung einer solchen Situation, ohne Hoffnung auf Selbstreflexion der Kollegen, ist etwas anderes als nur das Wissen darum. Für den, der sich unablässig seines Mannestums – warum wohl? – versichern muss, sollte jede Bewegung eine männliche sein.
Ein Exemplum der Männlichkeit selbst ist der rumänische Autodieb Alexander. Als einziger in der Zelle hat er Arbeit bekommen. In der Küche. Dort darf er so viel essen, wie er mag. Doch das ist ihm bei weitem nicht genug. Zum Verzehr nach Feierabend kauft Alexander zwei Dutzend Dosen Thunfisch, ebensoviele Quarkbecher sowie diverse Büchsen Wurst – und Fleichkonserven. Auch gewaltige Mengen Haferflocken und Müsli. Offenbar hat er Hunger gelitten als Kind. Auf die massive Zufuhr von Proteinen – er isst sechsmal täglich – reagiert er mit Hautjucken und rotfleckigem Gesicht, in das er Cortisonsalbe schmiert. Es scheint, als versuchte er, sich auszudehnen in der Welt. Das Bodybuilding hat er entdeckt für sich und betreibt den Körperkult mit fanatischer Gründlichkeit. Sogar in der Küche turnt er und hebt Gewichte.
Er soll Luxusautos nach Rumänien entführt haben. Freilich liebt er schöne Autos, aber mehr noch liebt er sich selbst. Penibel achtet er auf Ordnung und Sauberkeit. Stets sind seine Schlafdecken akkurat gefaltet. Nach dem Duschen cremt er sich ein und stellt den Körper zur Schau. Man könnte Kanonenkugeln aus ihm gießen. Gern bewegt er sich in engen Boxer­shorts in der Zelle, auf denen »Calvin Klein« oder »Homeboy« zu lesen steht.
Er geht nicht, er schreitet zur Toilette, dreht den Kopf zum Bild und präsentiert den Oberkörper. Seit er gegen eine offene Schranktür lief beim Exhibieren, passt er auf. Er zeigt das Vollbild einer narzisstischen Erkrankung. Es macht ihm nichts, die Hosen zu wechseln und sich mit nacktem Arsch an den Tisch zu stellen, wo wir essen. Es widerstrebt ihm auch, den Mülleimer zu leeren. Peter und er, sie haben die Hierarchien osteuropäischer Knäste verinnerlicht. Alexander gibt sich betont schwulenfeindlich. »Warum, bist du schwul?« fragt er Peter, den Idioten, den er zuweilen auch Nigger nennt. »Inglisch speaking«; Peter versteht kein deutsches Wort, wenn er nicht will. Nicht mal »schwul«.
Nun sprechen sie miteinander Englisch und debattieren, wer schwul sein könnte und warum.
Peter versuchte, mit zwei Brüdern in einen Supermarkt einzubrechen. Eigens dafür waren sie aus Ungarn angereist. Weil sie zum Öffnen des ausgespähten Tresors Werkzeug brauchten, brachen sie zuvor in einer Werkstatt ein und erbeuteten einen Trennschleifer.
Der Tresor war gesichert. Sie lösten Alarm aus im Supermarkt und ließen auf der Flucht ihr Auto stehen. Ohne Auto konnten sie sich in Ungarn nicht sehen lassen. Sie hatten es ausgeliehen.
Also ging Peter zur Polizei und erzählte dort, ihm sei der Wagen gestohlen worden. Als er verhaftet wurde, bot er an, »alles« zu gestehen, wenn man ihn nur laufen ließe. Peter, der Idiot. Nachts steht er auf und stiehlt, wenn alle schlafen, Kaffee aus den Schränken, die nicht abschließbar sind.
Ich brauche nur einmal wöchentlich neue Ohrstöpsel. An den Druck in den Gehörgängen habe ich mich gewöhnt. Und gegen das Flackern des Bildschirms in der Nacht, das reflektiert wird von den mit Ölfarbe bepinselten Kalksteinen, hilft, ein Handtuch um den Kopf zu schlingen. Weil ich bei mir bin, ist es gleich, wo ich mich befinde.
»Wird durch vorsätzliches Handeln Unwohlsein erzeugt, ist der Straftatbestand einer Körperverletzung erfüllt.« So sieht es ein deutsches Oberlandesgericht. Die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart hingegen hat meinen Strafanzeigen wegen Zusammensperrens mit Rauchern und zehnwöchiger Zwangsbeschallung »keine Folge« gegeben und das Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche in der JVA eingestellt.
Als ich vor kurzem eine Einzelzelle bekam – dem Himmel sei Dank: ohne Glotze – schrieb mir ein alter Bekannter, der Fernseher werde zum Folterinstrument erst dann, wenn der Intelligenzquotient pro Person über 70 liegt. Da habe ich noch einmal Glück gehabt.
Warum ich hier bin? Ganz im Ernst? Hausfriedensbruch in einem Obdachlosenheim.