Die Anthroposophie und die Wirtschaft

Geld und Geistesmenschen

Aus den wirren Ideen rund um Geistesmenschen, Astralleiber und Chroniken, die niemand je gelesen hat, ist ein beeindruckender Wirtschaftszweig erwachsen.

An der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert wurden die Menschen in Mitteleuropa Zeugen eines noch nie dagewesenen und alle Aspekte des Lebens betreffenden Umbruchs. Überschaubare Städtchen wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte zu unübersichtlichen Metropolen heran, statt mit Pferd und Wagen reiste man mit der Eisenbahn in bislang nicht vorstellbarer Geschwindigkeit. Das Auto, das Telefon und das Flugzeug wurden erfunden. Gleichzeitig löste sich die Ständegesellschaft auf, wurden Bürgertum und Arbeiterklasse zu den bestimmenden Klassen und der Adel verlor an Einfluss. Religiöse Vorstellungen und das Selbstbild der Menschen gerieten durch die Erkenntnisse Darwins und Freuds ins Wanken. Der Mensch war nun ein Tier unter anderen Tieren, in seinem Werden den Gesetzen der Evolution unterworfen, und nicht einmal mehr der Herr in seinem eigenen Kopf. Dort lauerte verschlagen das Unbewusste. Es waren gute Zeiten für Wirrköpfe und Verbrecher. Der moderne Antisemitismus entstand als eine Art perverser Bastard der Evolutionstheorie. Obskure Ideen hatten Hochkonjunktur. Eine deutsch-russische Esoterikerin, Helena Petrovna Blavatsky, entwarf eine dubiose Lehre namens Theosophie, deren wichtigste Bestandteile Wurzelrassen, Okkultismus und Antisemitismus waren und die von Rudolf Steiner, einem ehemaligen Anhänger Blavatskys, zur Anthroposophie umgemodelt wurde. In dieser von Steiner als Wissenschaft bezeichneten Ansammlung wirrer Gedanken wimmelte es von Astralleibern und Geistesmenschen. Sein Wissen bezog Steiner zu einem guten Teil aus den »Akasha-Chroniken«, in denen »Das geistige Weltengedächtnis« enthalten sei (Anthrowiki.at), deren Existenz sich jedoch praktischerweise nicht überprüfen lässt. Aus dieser grandiosen Ansammlung von Dummheit ist ein ganzer Wirtschaftszweig gewachsen. Weltweit gibt es heute über 10 000 anthroposophische oder von der Anthroposophie beeinflusste Unternehmen. In einigen Wirtschaftszweigen gehören die führenden Unternehmen Esoterikern. Die von dem Anthroposophen Götz Werner 1973 gegründete Drogeriemarktkette DM ist mit einem Umsatz von über acht Milliarden Euro, weit über 3 000 Filialen und mehr als 50 000 Mitarbeitern der größte Drogeriekonzern Europas. Die 232 deutschen Waldorfschulen liegen auf dem lukrativen Markt der Privatschulen auf Platz drei hinter der katholischen und evangelischen Kirche. Weltweit gibt es 1 039 Waldorfschulen – auf dem boomenden Bildungsmarkt sind die Anthroposophen gut vertreten. Und auch wer die Waldorfschule hinter sich gelassen hat, kann in der Szene bleiben. Die 1982 mit Geld der Bertelsmann-Stiftung, der Deutschen Bank und der Krupp-Stiftung gegründete Universität Witten/Herdecke war die erste private Universität Deutschlands. Es gibt sechs anthroposophische Krankenhäuser und den nach der blinden germanischen Seherin Veleda benannten Schweizer Medizin-, Diätetika- und Naturkosmetik-Konzern Weleda, an dem die anthroposophische Gesellschaft mit einem Drittel beteiligt ist. Die Supermarktkette Alnatura hat ebenso einen anthroposophischen Hintergrund wie Demeter und Teegut. Der Zeitgeist meint es gut mit den Anthroposophen. Seit Jahrzehnten boomt der Esoterikmarkt. Ohne jede wissenschaftliche Grundlage erscheint vielen Menschen die »Komplementärmedizin« als Alternative zur vermeintlich kalten und apparategetriebenen Schulmedizin. Ein Milliardengeschäft mit dem Glauben. Dass die Nazis ähnlich argumentierten und eine »germanische Medizin« der »jüdischen Schulmedizin« vorzogen, stört kaum jemanden, im Gegenteil. Die Grünen haben sich der Förderung der »Komplementärmedizin« verschrieben, die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens wünscht sich, dass auch entsprechende Medikamente künftig verstärkt von den Krankenkassen bezahlt werden. Bislang geschieht das nur in Ausnahmefällen, denn bei Medikamenten muss die Wirksamkeit nachgewiesen werden. Wer wie Weleda darauf setzt, Metalle lebendig zu machen, hat es da schon schwer: »Das Vegetabilisieren ist ein weiterer Weg, Metalle für unsere Arzneimittel nutzbar zu machen. Dazu ziehen wir Heilpflanzen in mit Metallzubereitungen gedüngter Erde heran. Die Pflanzen verbinden sich so mit der Metallqualität. Das Metall wiederum erfährt durch die Lebensprozesse der Pflanze eine Verlebendigung, die Vegetabilisierung.« Auch vom Biotrend profitieren die Anthroposophen. Ihre Supermärkte und Lebensmittelhersteller boomen. Wenn auch nicht alle. Alnatura, die 1984 von Götz Eduard Rehn gegründete Bio-Kette, hat mittlerweile ein Problem. DM, der größte Abnehmer, listet Alnatura-Produkte langsam, aber sicher aus und ersetzt sie durch Eigenmarken und Waren des Konkurrenten Veganz. Alnatura ist zwar bio, allerdings nicht immer vegan. Veganz, die von dem ehemaligen Daimler-Manager Jan Bredack gegründete vegane Supermarktkette, ist zwar vegan, aber nicht immer nachweislich bio, was den Lifestyle-Essern nach Jahren der Biohysterie nicht mehr so wichtig ist. Im Gegensatz zu Rehn hat Bredack keinen anthroposphischen Hintergrund. In der DDR geboren, ging der gelernte KfZ-Mechaniker später zu Daimler und machte Karriere. Einen Astralleib hat er nicht zu bieten, dafür eine nahezu apostelhafte Erweckungsgeschichte. Nach einem Burn-Out wandelte sich der Manager-Saulus, unterstützt von den zarten Händen einer ihn liebenden Frau, zu einem Vegan-Paulus, allerdings verlor er nicht seinen Geschäftssinn. Bredack will weltweit die größte Veganer-Marke aufbauen und hat, wie er der Zeit sagte, elf Investoren an Bord. Das hilft, wenn man wie er zwar Visionen hat, aber noch keine Gewinne macht. Gewinne, das ist für Waldorf-Wirtschaftler ein böses Wort. Wie DM-Gründer Götz Werner spricht auch der heutige Geschäftsführer Erich Harsch lieber von »systematischer Gewinnminimierung«. DM-Pressemitteilungen über die Bilanz gehen nicht auf den Gewinn des Unternehmens ein, sondern preisen den Erfolg beim Kunden, die Investitionen in die Läden und das soziale Engagement des Konzerns. Wachstum ist in Ordnung, Profit offenbar nicht. Das Manager Magazin schätzte 2013 Götz Werners Vermögen auf 1,1 Milliarden Euro. Das ist viel Geld, allerdings deutlich weniger als Hauptkonkurrent Dirk Rossmann sein Eigen nennt: Forbes schätzt dessen Vermögen derzeit auf 2,9 Milliarden Euro. Dennoch übt Werner Bescheidenheit auf einem so hohen Niveau, dass man sich fragt, was die öffentliche Verachtung von Gewinn mehr sein soll als gute PR. Die zur Schau gestellte Verachtung von Gewinn gehört auch bei der GLS-Bank zum guten Ton. Unweit des Bochumer Firmensitzes prangt an einer Hauswand auf einem Großplakat der Spruch »Geld ist ein Mittel für eine menschlichere Zukunft«. Der Böse will Geld, um Spaß zu haben, mehr davon zu bekommen und es ordentlich krachen zu lassen, der Gute ist Kunde bei der GLS-Bank. Die GLS-Bank ist so etwas wie die Lieblingsbank deutscher Journalisten. Wenn Vorstandssprecher Thomas Jorberg zur Jahreshauptversammlung lädt, hängen die meisten von ihnen begeistert an seinen Lippen. Jorberg verkündet, dass die Zukunft der menschlichen Ernährung nur durch Bio-Bauern gesichert werden könne, was zwar angesichts wachsender Bevölkerungszahlen menschenverachtender Unfug ist, dafür aber gut klingt. Für die FAZ ist er »der gute Banker von Bochum«, der sich kaum vor Kunden retten kann, das Handelsblatt bescheinigt der Bank, sie hätte sich auf »soziale und ökologische Angebote spezialisiert«. Sicher, die Wachstumszahlen der von Anthroposophen gegründeten GLS-Bank sind mit bis zu 20 Prozent im Jahr beeindruckend, allerdings ist das kein Grund, Jorberg ernst zu nehmen, wenn er schwadroniert, in zehn Jahren werde es die Banken, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Mit ihrer Bilanzsumme von gerade einmal 3,638 Milliarden Euro liegt die GLS-Bank zwischen der Sparkasse Fulda und der Kreissparkasse Saarlouis. Auch vom Mythos der sozialen Bank bleibt bei näherem Hinsehen nicht viel übrig. Die GLS-Bank finanziert unter anderem Privatschulen wie die Waldorfschulen und unterstützt mit hochsubventionierten Projekten aus dem Bereich der erneuerbaren Energien die sogenannte Energiewende, die wohl unverschämteste Umverteilung von unten nach oben seit dem Ende der Leibeigenschaft. Obwohl entstanden aus dem Denken eines wirren Geistes, sind viele Unternehmen mit anthroposophischen Wurzeln erfolgreich. Sie geben die Antikapitalisten, sind allerdings keine Postwachstumsökonomen wie Niko Paech, denn sie wissen, dass sie Geld verdienen müssen und dass dies nur durch Wachstum geht. So gesehen, stehen sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden und irrlichtern nicht nur durch Vortragssäle voller vom Gedanken der Betroffenheitswirtschaft beseelten Hippies. Sie erinnern eher an die »neopuritanische Bourgeoisie« (Jungle World 21/2005). »Der Kapitalismus war zwar nie eine ›Spaßgesellschaft‹, in früheren Zeiten gab es jedoch zumindest ein Versprechen des Kapitalismus: Werde reich, dann kannst du jede Menge Spaß haben. Im 21. Jahrhundert dagegen kehrt der Kapitalismus zu seinen puritanischen Wurzeln zurück.« Nur dass die Anthroposophen als Fraktion der »neopuritanischen Bourgeoisie« sich nicht wie ihre Vorgänger dem Calvinismus verpflichtet fühlen. Die Neopuritaner sind grün und ökologisch, aber nicht weniger autoritär. Sie träumen nicht davon, sich die Erde untertan zu machen. Die Menschheit und ein paar Astralleiber reichen ihr.

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