Kein Herz für Israel

Gemeinhin sind die Briten nicht für schlechte Umgangsformen bekannt. Wenn man sich die Wortwahl in der derzeitigen Debatte der Labour-Partei ansieht, könnte man jedoch fast den Eindruck ­gewinnen, sie hätten jede höfliche Zurückhaltung verloren. Seit immer wahrscheinlicher wird, dass der Hoffnungsträger des linken Flügels, Jeremy Corbyn, die Nachfolge von Ed Miliband als Parteivorsitzender antreten könnte, laufen seine parteiinternen Kritiker Sturm. Der frühere Berater Tony Blairs, John McTernan, bezeichnete jene 53 Prozent der Parteimitglieder, die neuesten Umfragen zufolge für Corbyn stimmen würden, als »Schwachköpfe«. Auch Blair meldete sich zu Wort und zeigte sich besorgt um sein politisches Vermächtnis. Labour steuere auf den Abgrund zu. Er legte jenen, deren Herz für Corbyn schlägt, wörtlich eine Herztransplantation nahe. Mit dieser Warnung dürfte der ehemalige Premierminister, der sich derzeit nicht gerade großer Popularität erfreut, Corbyn jedoch eher eine unfreiwillige Wahlempfehlung ausgestellt haben. Dieser bezeichnete Blairs Angriffe sogleich als »albern«.
Weniger albern dürfte er hingegen Vorwürfe bezüglich seiner Kontakte zu Islamisten finden. Sogar der nicht gerade für Sympathie für Israel bekannte Guardian veröffentlichte vor kurzem einen Ar­tikel, in dem Corbyns gute Beziehungen zu islamistischen Antisemiten kritisiert wurden. So bezeichnete es Corbyn 2009 als eine »Ehre«, seine »Freunde« von Hamas und Hizbollah ins britische Parlament einladen zu dürfen. Eine Aussage, von der er sich bis heute nur halbherzig distanziert hat. Er hält es nach wie vor für unumgänglich, die beiden Organisationen in den Friedensprozess im Nahen Osten einzubinden, und zieht Vergleiche zwischen diesen und der israelischen Rechten. In der innerparteilichen Debatte wird Corbyns Antizionismus zwar thematisiert, bleibt jedoch ein untergeordnetes Thema. Das bestimmende Argument seiner Gegner, das sowohl bei Labour-Politikern als auch in britischen Medien immer wieder auftaucht, ist, dass der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär mit einem traditionell linken Programm antritt, das von der Lebensrealität der Bevölkerung zu weit entfernt sei, um damit die nächsten Wahlen zu gewinnen. Tatsächlich kann Corbyn als klassischer britischer Sozialist bezeichnet werden, mit allem, was dazugehört: Er ist gegen Neoliberalismus, Fuchsjagd, die EU und Israel.