Rainald Goetz hat den Georg-Büchner-Preis erhalten

Mit Block und Stift bewaffnet

Zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Rainald Goetz.

Als die Winter noch lang und schneereich und die Sommer heiß und trocken waren« – ist das ein Satz der deutschen Gegenwartsliteratur? Und wenn ja, wo führt er dann hin? Es ist der erste Satz aus Rainald Goetz’ 2012 erschienenem Roman »Johann Holtrop«, der bis dato letzten größeren Veröffentlichung des diesjährigen Büchner-Preisträgers. »Abriss der Gesellschaft« heißt dieser Roman im Untertitel, und tatsächlich versteht sich der Abriss als ein doppelter. Nicht nur porträtiert der Roman mit dem fik­tiven Medien-CEO Dr. Johann Holtrop einen ebenso selbstverliebten wie destruktiven Player der Boom-Jahre um 2000, nein, er schwingt auch die Abrissbirne gegen das ganze System, den digitalen Finanzmarktkapitalismus, dessen Implosion Folgen hat nicht nur für die unten, sondern auch für die oben, die verschlungen werden von den Monstern, die sie schufen.
Mit dem Präzisionsbesteck eines Pathologen seziert Dr. med. Dr. phil. Rainald Goetz die kleinen Gesten der Macht, die wie beiläufig vorgetragenen Einschüchterungen und Drohungen, aber auch das getrieben Ekstatische der luftleeren Welt des großen Geldes: die gelangweilten Dinners, den Alkohol- und Drogenabusus, den geistesabwesenden Fick, das Imponiergehabe, die Gier, die Gier und immer wieder die Gier. Von der gebremst avantgardeinteressierten Kritikerriege der forty-somethings in den großen Feuilletons wurde Goetz’ Roman im Bücherherbst des Jahres 2012 erwartet wie das neue Evangelium. Seine Sätze aber, seine gnaden­lose ästhetische Brutalität, wollte dann doch kaum jemand aushalten: »...da leuchtete einsam, böse und rot das glutrote Firmenlogo von Arrow PC oben am Dach über dem düsteren Riesen, aus schwarzem Stahl und schwarzem Glas gemacht, die rote Schrift darüber, ein Neubau, so kaputt wie Deutschland in diesen Jahren, so hysterisch kalt und verblödet konzeptioniert, wie die Macher, die hier ihre Schreibtische hatten, sich die Welt vorstellten, weil sie selber so waren, gesteuert von Gier, der Gier, sich dauernd irgendeinen Vorteil für sich zu verschaffen, am liebsten natürlich in Form von Geld, genau darin aber, in ihrem Kalkül auf Eigennutz, umgekehrt selber kalkulierbar, ausrechenbar und ausbeutbar zuletzt, das war die Basis der abstrakten Geldmaschine, die hier residierte: das Phantasma der totalen Herrschaft des KAPITALS über den Menschen.«
Dass sich hinter Johann Holtrop die Physiognomie des mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit versunkenen ehemaligen Bertelsmann-Managers Thomas Middelhoff verbirgt, war bei Erscheinen des Buches überall zu lesen, und weder Goetz noch gar Middelhoff selbst haben sich um energische Dementis bemüht. Holtrop aber, dieser Getriebene, diese Hetzgestalt der New Economy, wird von Goetz nicht einfach mit purem Hass geschildert, wie viele Kritiker des Buchs bemäkelten: es ist ein wütender, irgendwie aber auch empathischer Hass, mit dem der Roman sich an seiner Hauptfigur – ein »Held« ist »Holtrop« kaum – abarbeitet. Die Tableaus der kapitalistischen Ödnis aber, die Goetz ausmalt, sind von derart berückender Schönheit, dass die eigentliche Handlung ­darüber beinahe nebensächlich wird. Und doch wird vielleicht eine Zeit kommen, die »Johann Holtrop« nicht nur als bloßes Zeitdokument betrachtet, sondern als Beitrag zur Typologie des neoliberalen Charakters: seiner Zwänge, seiner Gewalttätigkeit, aber auch seiner Leidenschaft, seiner Energie und seiner Faszination.
Drei Jahre sind seit dem Erscheinen von »Holtrop« vergangen, drei Jahre, in denen Goetz hier und da die eine oder andere Poetikvorlesung hielt, den einen oder anderen Preis entgegennahm. Neuen Text aber haben wir seither nur spärlich zu lesen bekommen. Wie die Entscheidung für Goetz als Büchner-Preisträger nun, eine halbe Ewigkeit später, zustande gekommen ist, bleibt das Geheimnis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die seit jeher nicht durch ein besonderes Gespür für Timing auffällt. Dass der Preis für Goetz aber »richtig« sei, »längst überfällig« und so weiter, haben im Frühjahr sämtliche Feuilletons unisono bekräftigt. Und er ist es ja auch, unbedingt und so sehr, dass man der Akademie zu ihrer späten Einsicht doch gratulieren muss.
Seit seinem Rasierklingen- und Blut-Aufritt bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur des Jahres 1983 – also immerhin vor mehr als 30 Jahren – haftet an Rainald Goetz das nichtabwaschbare Etikett des jungen Wilden, des enfant terrible des deutschen Literaturbetriebs. Goetz, geboren 1954 in München, absolvierte parallel ein Studium der Geisteswissenschaften und eines der Medizin. Er erwarb die Doktorwürde in Alter Geschichte (»Freunde und Feinde des Kaisers Domitian«) und in Medizin; im München der siebziger und achtziger Jahre war er als Nachtschwärmer und als Arzt unterwegs, als Kneipenpalaverer und als Psychiater, als Tresentrinker und Kulturschreiberling. Es waren die Jahre, als die stets etwas bräsige Minimetropole München sich noch nicht ständig messen lassen musste am überdrehten Berlin, als der milde Wahn des südlichen Lichts über der Isar München als nicht nur heimliche Kulturhauptstadt der Bundesrepublik illuminierte. Gelegentlich las man von Rainald Goetz in diesen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken, bald auch schon einiges zur sogenannten Erwachsenenliteratur, Notate aus dem Studentenleben und anderes mehr. Goetz schrieb für das Kursbuch und die Spex, den Merkur und den Spiegel.
1983 dann las er in Klagenfurt, protegiert von Marcel Reich-Ranicki, und ritzte sich in der stockbiederen Studiodekoration des fernsehübertragenen deutschen Literaturmuffs mit einer Rasierklinge die Stirn auf. Der akkurat in Szene gesetzte Partialschock entfaltet seine Nachwirkung bis heute. Den Bachmannpreis hat Rainald Goetz damals nicht bekommen. Wohl aber umgibt ihn fortan eine Aura des Dringlichen, des Willens zur ästhetischen Selbstgefährdung, der machistischen Präsenzmarkierung ebenso wie der verletztlichen Fragilität des fortlaufenden Misslingens.
»Irre« aber, Goetz’ erster Roman aus dem gleichen Jahr, ist weit mehr als eine halbgewagte angry young man-Performance: Er geht wirklich aufs Ganze. Das Buch bewegt sich in der Schattenwelt der Psychiatrie, montiert Eindrucksfetzen und Handlungsfragmente zu einem eindringlich dröhnenden Panorama der ­totalen Institution, ihrer Prozeduren, Zwänge und Opfer. Langsam bewegt sich sein Held aus der Welt des Wahnsinns in die Kunst, von den Neuropharmaka zum Werk des ästhetischen Protests gegen die Weltlosigkeit der Kulturwelt: »Es gibt also, wie ich eben dargestellt habe, eine Vielfalt pharmakotherapeutischer Interventionsmöglichkeiten bei Erregungszuständen aller Art. … Wahnsinn Wahnsinn Wahnsinn, Wahnsinn sag ich, das ist Revolte.« Mit der ihm eigenen Manifesteschreibereuphorie hat Maxim Biller das Buch später zum Beginn einer neuen literarischen Epoche erklärt. Nach »Irre« und Goetz’ zweitem Werk, dem RAF-Roman »Kontrolliert«, ist es eigentlich ein Wunder, wie es ihm passieren konnte, im Handumdrehen zum »Pop-Autor« gemacht – und beiseitegelegt werden zu können. Ja, sicher, mit Popkultur hat er sich beschäftigt, ab Ende der achtziger Jahre immer mehr, mit Techno und mit Rave. Die Entdeckung des Dancefloors als Schauplatz der deutschen Literatur ist seine Entdeckung, und zusammen mit Andreas Neumeister und Thomas Meinecke darf Goetz hier getrost als Pionier gelten. »Dann stand ich mitten in der Musik. –Schub«, heißt es in »Rave«, Goetz’ Erzählung aus der unschuldigen Bass-, Körper- und Ecstasy-Zeit der neunziger Jahre, und der Schub, den Goetz’ Nachtbeobachter erfahren, brachte ihn vorwärts bis an die Jahrtausendschwelle. Doch nicht nur um Affirmation ging es, Beobachtung war und ist die Pa­role: mit Niklas Luhmanns knochenharter Systemtheorie im Gepäck entwickelte Goetz ein neues Weltabschreiberpathos, eines, das noch die feinsten Modulationen akustischer, künstlerischer, menschlicher Differenzen in dem einen, dem gültigen Satz zu fassen suchte. Zwar hat der deutsche Literaturbetrieb mit Rainald Goetz einen seiner schärfsten Systemkritiker, und als wüster Polemiker schlug er immer wieder um sich. Doch ging und geht es Goetz um nicht weniger als die Wahrheit der Gesellschaft, um die adäquate Beschreibung auch minimaler Erfahrung, dabei stets das Bewusstsein präsent haltend, dass diese Wahrheit auch nur ein Text ist, ein System schwerer Zeichen, die denen, die sie im Munde führen und öffentlich mit ihnen herumfuchteln, mit zielsicherer Regelmäßigkeit auf die Füße knallen.
Mit dem Umfeld des deutschen Feuilletons fand Goetz in den Jahren nach der Jahrtausendwende schließlich für eine Zeit das ihm gemäße Referenzsystem: eines, dessen entscheidende Referenz die Selbstreferenz ist. Goetz’ Schilderungen des alljährlichen Kritikerempfangs der FAZ, sein Sich-Abarbeiten an der täglichen Bild-Lektüre, der Röntgenblick der Feuilleton-Metakritik sind Ausdruck des unbedingten Willens zur Gegenwart, der diesen Autor beseelt. Mit Kamera und Notizblock zog Goetz durch das Berlin der Jahrtausendwende – und traf dort auf all die Meinungsmacher, die Tonangeber, die Kultur-Glücksritter der Berliner Republik, die eigentlich in Lörrach, Kassel, München oder eher Erding angefangen hatten. In Berlin hatten sie ihr ultimatives Biotop gefunden. Goetz notierte ihre Erregungskurven in »Loslabern« – und trug das Bulletin anschließend in die Harald-Schmidt-Show. Mit dem »Holtrop«-Roman aber kehrte mit großer Dringlichkeit die Frage in das Werk von Rainald Goetz zurück, welche Wahrheit literarischen und anderen Kunstwerken zukommt und wie diese zu gestalten sei. Von ihr hatte sich Goetz, der Ernstnehmer und Zuspitzer, selbst in den popistischsten seiner Pop-Texte nie entfernt. Voriges Jahr, beim großen Berliner Szenewirbel um »Akzeleration« und die Möglichkeiten eines neuen, eines spekulativen Realismus, sah man ihn einmal mehr mit dem Notizblock in der Hand der teilnehmenden Beobachtung hingegeben, und in Texte zur Kunst hat Goetz in der seinen Texten eignenden Mischung aus Sprunghaftigkeit und Präzision ein Programm einer solchen realistischen Schreibweise skizziert. Was mag nun als nächstes kommen? Nach dem »Holtrop« und seiner kontroversen Aufnahme hatte Goetz zunächst mit geschickt inszenierten sozialmedialen Interventionen reagiert. Mit bemerkenswerter Geduld versuchte er sodann, mit der Literaturkritik ins Gespräch zu kommen, dem Buch kommentierend den Platz zu sichern, den man ihm zunächst zu verwehren versucht hatte. Die Zeit räumte dafür etliche Spalten frei. Vorgeblich unverdrossen deutete Goetz in dem Interview die Möglichkeit weiterer Romane an. Die Ehrungen und Preise häuften sich seitdem, und immer wieder irrlichterte Goetz über die Szene, sei es als ebenso adrett gekleideter wie energiegeladener Poetikprofessor, sei es in der bekannten Rolle des Mitschreibers in den endlosen Prozessqualen um die Zukunft des Hauses Suhrkamp.
Woran Goetz derzeit arbeitet, lässt sich kaum in Erfahrung bringen. Dass es weiterhin die Gegenwart ist, die er sucht, darauf dürfen seine Bemerkungen zum Realismus der Literatur hoffen lassen. Auf die Zusprache des Büchner-Preises hat er bisher nicht reagiert. Als eigent­licher Akzelerationist, als dauerbeschleunigter Gegenwartskonfrontierer müsste ihm die Sache vielleicht sogar auf skurrile Weise Spaß machen. Möglicherweise plant er für Darmstadt ja die präzisionsgesteuerte Zündung einer Sprechtextbombe mit wohlkalkuliertem Realitäts-Fallout. Vielleicht geht er auch gar nicht erst hin. Eigentlich ist das auch ziemlich egal. Alles andere als egal aber ist der nächste Text. Wir warten.

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