Katalanisch klettern

Wer im Großraum Barcelona in sportlichem Sinne etwas auf sich hält, der geht klettern. Die Verbindung von Natur und Nationalismus ist nirgendwo so spürbar wie in den steilen Wänden des Montserrat-Gebirges.

Das Montserrat-Gebirge im Hinterland von Barcelona gilt als eines der Wahrzeichen Kataloniens. Es ist nicht nur ein Nationalpark, sondern auch ein Ort, dem spirituelle Kräfte zugeschrieben werden. Einer Sage nach wurde der heilige Berg einst von Engeln zersägt. Das Ergebnis ist jedenfalls hübsch. Schon von unserer Unterkunft aus hat man einen beeindruckenden Blick auf die steilen Zacken der »gesägten Berge«, die sich bis zu 1 200 Meter in die Höhe recken und in den vergangenen Tagen meist in den tiefhängenden Wolken verschwanden. Oben befindet sich ein Benediktinerkloster. Zur Zeit der Franco-Diktatur sprachen die Mönche hier weiterhin Katalanisch, und Messen wurden auf Katalanisch abgehalten. Hunderte vom Franco-Regime Verfolgte versteckten sich hier. Diese Widerstandsgeschichte macht das Kloster heute noch zu einem wichtigen Symbol des katalanischen Nationalismus.

Anzeige

Mit unserem Kletterlehrer sind wir am Kloster verabredet. Vom Parkplatz an der Zahnradbahn, der in strahlendem Sonnenschein liegt, sind die Gipfel der Berge nicht zu sehen. Oben angekommen wird klar: Klettern fällt heute aus. Hoch droben auf dem Gipfel Sant Joan regnet es. Die Sichtweite an der Bergstation beträgt ungefähr zehn Meter, wattiger Nebel verschluckt die Scharen von Wochenendausflüglern und christlichen Pilgern, die sich ihren Besuch vom schlechten Wetter nicht vermiesen lassen. Wie bei jeder Bergexpedition muss also auch für diese Besteigung erst der passende Zeitpunkt gefunden werden. Doch das Warten fordert seinen Tribut: Für den nächsten Termin ist die Klettergruppe bereits auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Immerhin spielt am Tag darauf das Wetter mit, und Gorka, der Kletterlehrer, hat seine ­Familie, seinen Kollegen Roger sowie drei weitere Schüler mitgebracht. Der Versuch, Gorkas etwa vier Jahre altes Kind auf Spanisch anzusprechen, scheitert. »Das Kind spricht nur Katalanisch«, erklärt er uns mit stolzer Miene. An der Standseilbahnhaltestelle oberhalb des Klosters stehen schon viele mit Seilen und Karabinern behängte junge Menschen.

Auch unsere kleine Reisegruppe nimmt die Bahn vom Kloster zum Gipfel Sant Joan. Die Berge hier, erklärt uns Gorka auf dem Weg nach oben, seien das Zentrum der katalanischen Kletterszene. Die bekanntesten katalanischen Kletterer haben hier angefangen. Die Felsen tragen Namen, die ihren Formen entsprechen sollen: der Elefant, die Schwangere, die Mumie. Suchende Blicke aus dem Fenster auf die sich nähernden phallischen Sandsteinformationen. Man benötigt schon eine gehörige Portion kindlich-unschuldiger Phantasie, um bei diesem Anblick nur an Finger oder Türme zu denken. Inzwischen haben wir unser Ziel erreicht: ein rundlich aussehender Felsen, dessen Wand, wenn man davor steht, ziemlich steil nach oben ragt. Roger und Gorka packen ihre schweren Rucksäcke aus und präsentieren ihr Equipment: lange Seile, mehrere Kilo Karabiner, diverse Kletterschuhe und sonstiges Zubehör, dessen Sinn sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Zuerst müssen alle Teilnehmenden einen Helm aufsetzen. Wilde Ziegen, die heimlichen Stars unter den Freeclimbern, machen das Gebirge unsicher und treten beim Erklimmen der Felsen Steine aus der Wand. Der Kopfschutz ist aus weißem Hartplastik und würde in Berlin selbst unter Fahrradhelmträgern nicht als elegant durchgehen. Dann werden die Klettergurte angelegt. Als nächstes muss noch das richtige Paar Schuhe gefunden werden. Den passenden Schuh erkennt man daran, dass er viel zu eng ist und die Zehen so zusammenquetscht, dass sie absolut kein Spiel haben. Schließlich geht es an die Knoten. Diese sind erstaunlich schlicht dafür, dass unser Leben an ihnen hängen wird. Im Prinzip ist es eine Acht, die durch den Klettergurt hindurchgeführt und verdoppelt wird.

Irgendwann zwischen dem Anprobieren und Wiederausziehen der Schuhe war Roger flugs zwei Routen vorgestiegen und hatte drei Seile in der Wand angebracht. Nachdem er allen die Sicherungstechnik erklärt hat und Sichernde und Kletternde gegenseitig ihre Verknotung gecheckt haben, dürfen auch wir an den Felsen. Zwei Teilnehmerinnen fangen an, zwei andere sichern sie. Während wir wie Fleischklopse in der senkrechten Wand hängen, stiefelt Roger vergnügt über dieselbe Fläche, die für ihn überhaupt keine Steigung zu besitzen scheint, immer zwischen den Klopsen hin und her, gibt wertvolle Tipps, wohin man die Füße stellen könnte, lobt jeden gewonnenen Höhenzentimeter und erkundigt sich aufmerksam nach dem werten Befinden. Das alles findet dreisprachig statt; mit Betty, Berta und Javier, die aus Barcelona stammen, spricht er Katalanisch, so wie sie es auch untereinander tun, mit uns Spanisch, und schließlich erklärt er ­alles noch einmal auf Englisch. Auch Berta spricht fließend Englisch und sogar einige Brocken Deutsch. Ihr Spanisch sei allerdings besser als ihr Katalanisch, erklärt sie uns. Und überhaupt sei diese ganze Katalanen-Geschichte ein wenig wirr, findet sie. Anders als Javier und Betty, die tatsächlich ausschließlich Katalanisch sprechen, wechselt Berta die Sprachen. Für Roger ist die Frage nach nationaler Unabhängigkeit mehr als beantwortet. »Independencia«, sagt er zufrieden und blickt in die Gipfel, das würde ihm gefallen. Nicht wegen der wirtschaftlichen Situation, die sei ihm egal. Nein, um die Kultur gehe es. Die sei nun mal katalanisch und nicht spanisch.

Beim Klettern werden wir indes zusehends sicherer, auch die unbequemen Schuhe verschaffen eine unerwartete Haftung in der Wand, und nach kurzer Zeit stehen wir hoch oben auf einem Felsvorsprung, dem Ende der Route. Die Aussicht von dort ist atemberaubend. Das muss sogar die Teilnehmerin mit Höhenangst zugeben, die sich zunächst, hin- und hergerissen zwischen Stolz und Panik, in den Vorsprung gekauert hatte und von der Landschaft nichts wissen wollte. An guten Tagen, sagt Roger, könne man von hier aus sogar bis nach Mallorca sehen. Als nächstes geht es ans Abseilen. Unten stehen die kaum daumengroßen Kollegen und halten unser Leben in ihren Händen, mit denen sie den Hebel der Sicherungsrolle regulieren. Doch schon ab der Hälfte des Abseilens werden wir mutiger, stoßen uns übermütig vom Felsen ab und erreichen schließlich springend den sicheren Boden. Unten angekommen werden wir mit Hurra empfangen, dann tauschen Kletternde und Sichernde die Rollen.

Die Stimmung in der Gruppe ist ausgelassen, spätestens nun, nachdem alle einmal oben die Aussicht und den Triumph genießen konnten. Es wird noch einige Male getauscht, bis alle einmal jede Route geklettert sind. Nun traut uns Roger einen Vorstieg zu. Dafür gehen wir ein paar Meter weiter zu zwei neuen Routen und müssen diese nun, mit 20 Doppelkarabinern behängt, nach oben klettern, wobei an jedem Haken in der Wand ein Karabiner angebracht und das Seil darin eingehängt werden muss. Weil man dabei immer einige Meter, die zwischen dem letzten und dem nächsten Haken, ungesichert klettert, sollen wir uns einmal ins Sicherungsseil fallen lassen. Dies geschieht jeweils mehr oder weniger theatralisch, aber es wird offensichtlich, dass alle im Laufe des Tages das nötige Vertrauen in die Technik und die Mitkletternden gefasst haben. Nun erklärt Roger das Absteigen für den Fall, dass man als Letzter aus der Wand kommt und auch die obersten Karabiner mitnimmt. Wie wild verknotet er hierzu das Seil, löst dort einen Knoten wieder auf, fädelt es da ein und dort aus, und es scheint tatsächlich so, als sei Roger während der ganzen Zeit, in der er ja im Normalfall nicht einen halben Meter, wie bei der Demonstration, sondern 20 oder mehr Meter in der Höhe hängt, sicher mit der Wand verbunden. Bevor wir das aber unter echten Bedingungen ausprobieren können, müssen wir leider schon wieder los. Mit einem katalanischen »Adéu« werden wir verabschiedet und machen uns auf den Weg ins Tal.