Der Filmemacher Konrad Wolf

Kunst im Dienste der Menschheit

Am 20. Oktober wäre der deutsche Filmemacher Konrad Wolf 90 Jahre alt geworden.

Konrad Wolf war einer der wichtigsten deutschen Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Sein Leben trug die Spuren der Zeit und seine zerrissene Biographie diente ihm als Anregung und Stoff für seine Filme. Wolf wurde am 20. Oktober 1925 in der Hohenzollernstadt Hechingen am Rande der Schwäbischen Alb geboren. Seine Mutter Else war Kindergärtnerin, sein Vater Friedrich Arzt und Dramatiker und beide waren sie, was man im Schwäbischen »Kommunischte« zu nennen pflegt. In Hechingen wurde die Familie von dem Onkel Friedrich Wolfs, Moritz Meyer, unterstützt. Weil die Stadt Teil des liberalen Preußens gewesen war, siedelten traditionell zahlreiche Juden in dem Ort, was im benachbarten Württemberg teils bis ins 19. Jahrhundert untersagt war. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Hechingens wurden von den Nazis ermordet, ihr Besitz wurde geraubt und die Synagoge zerstört. Friedrich Wolf wurde im November 1918 Mitglied der USPD und Teil der Arbeiterrätebewegung, war 1920 an der Niederschlagung des Kapp-Putsches beteiligt, lebte eine kurze Zeit in der sozialutopischen Siedlung Barkenhoff von Heinrich Vogeler in Worps-wede und wurde 1928 Mitglied der KPD und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Er veröffentlichte eine Streitschrift mit dem Titel »Kunst ist Waffe«, aber auch das Buch »Die Natur als Arzt und Helfer«, eine Einführung in die Naturheilkunde mit zahlreichen Abbildungen, darunter Fotografien der Familie Wolf.
Friedrich Wolf war Jude und Kommunist und Anhänger verschiedener lebensreformerischer Vorstellungen, vom Vegetarismus bis zur Gymnastik. Er wäre, als die Familie 1927 nach Stuttgart umzog, liebend gerne in die neuerrichtete Weißenhofsiedlung gezogen, die Architekten der weißen Moderne wie Ludwig Mies van der Rohe, J. J. P. Oud, Bruno Taut und Le Corbusier entworfen hatten und die den Vorstellungen eines progressiv gestimmten lebensreformerischen Milieus in Bezug auf Licht und Klarheit entsprach. Doch auch das letztlich bezogene Haus in der Stuttgarter Zeppelinstraße war ein im Stil des Bauhauses gehaltener, weiß verputzter Kubus. Konrad und sein zwei Jahre älterer Bruder Markus besuchten die Reformschule Friedrich Schiekers, der einen wenig autoritären Stil pflegte und sich der allseitigen Bildung der Kinder verpflichtet fühlte. Gleichzeitig besuchten die beiden Brüder die Treffen der Jungpioniere.
Friedrich Wolf wurde Anfang der dreißiger Jahre verhaftet, weil ihm gewerbsmäßige Durchführung von Abtreibungen vorgeworfen wurde. Öffentlich engagierte er sich gegen den Paragraphen 218, er widmete das Drama »Cyankali« der Absurdität von Illegalität und Strafverfolgung des Schwangerschaftsabbruchs. Als 1933 die Nazis den Staatsapparat übernahmen und ihre politischen Feinde mit Terror überzogen, floh Friedrich Wolf nach Moskau; Else und die Kinder folgten im Jahr 1934. Diese Erfahrung beschrieb Friedrich Wolf in seinem Drama »Professor Mamlock«, das die Verfolgung eines jüdischen Professors ab 1933 darstellt. Konrad Wolf verfilmte diesen Stoff 1961. Die Familie Wolf wurde ausgebürgert und von der Ge-stapo gesucht, um sie in Sippenhaft zu nehmen. Familienmitglieder, die in Deutschland ge-blieben waren, wurden in Konzentrationslagern ermordet.
Konrad Wolf wurde Bürger der Sowjetunion. Er besuchte gemeinsam mit seinem Bruder die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau, auf der zahlreiche deutsche Emigrantenkinder lernten und zeichnete Bilder von der Maiparade in Moskau, abgehalten von Stalin, unterschrieben mit einem kindlichen »Rodfrond Hura!«. Den Vater, Friedrich Wolf, zog es nach Spanien in den Kampf der internationalen Brigaden, er wurde 1939 in Frankreich interniert, flüchtete, kehrte nach Moskau zurück und schloss sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland an – zusammen mit KPD-Funktionären wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck. In die Lebenswirklichkeit des jungen Konrad Wolf drangen auch die stalinistischen Säuberungen ein: Einer seiner besten Freunde ging mit seiner Mutter nach Deutschland zurück, trotz der Nazis, weil der Vater verhaftet worden war und verschwunden blieb.
Im Alter von 17 Jahren wurde Konrad Wolf 1943 zur Roten Armee einberufen. Er war als Übersetzer und Dolmetscher tätig, verhörte Kriegsgefangene und verfasste Propaganda zur Zersetzung der Kampfmoral der Wehrmacht – oft mit kärglichem Erfolg. Mit einem Lautsprecherwagen, der Schlager und Aufrufe abspielte, war er an der Front unterwegs. In seinen Kriegstagebüchern, die dieser Tage erstmals vollständig mit Briefen bei der Edition »Die Möwe« erschienen sind, hält der junge Rotarmist seine Eindrücke fest, von den Massakern der Deutschen und ukrainischen Nationalisten in der Ukraine, von dem zerstörten Polen.
Die Spuren des Vernichtungskriegs der Deutschen im Osten erschütterten Wolf. Er marschierte mit der Roten Armee in Berlin ein, er erlebte die Befreiung des KZ Sachsenhausen und des Zuchthauses Brandenburg, war für kurze Zeit Stadtkommandant von Bernau und sah das zerstörte Berlin, das auf ihn den Eindruck mache, man solle es als Mahnung und Warnung einfach so belassen.
In seinem Film »Ich war neunzehn«, der 1968 in den Kinos lief, stellt er seinen Weg und seine Erfahrungen mit der Ersten Weißrussischen Front auf deutschem Boden dar, vom Überschreiten der Oder bis zur Ankunft in Berlin. Der Film sollte der DDR-Jugend, die den Krieg nicht erlebt hatte, ein Bild geben, das Bild eines jungen Deutschen, eines jungen Russen, eines jungen Juden, der aus antifaschistischer Gesinnung mit dem Nationalsozialismus ringt. Das Thema greift er in »Mama, ich lebe« (1977) nochmals auf. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch schreibt, dass Konrad Wolf einer »Identitätskonfusion zwischen Berlin, Moskau und dem imaginären Jerusalem« ausgesetzt gewesen sei. Das Nichtidentische dieser Konstellation hat das Erleben und Empfinden Wolfs geschärft und über das Partikulare hinaus immer das Universelle, die freie Menschheit, hervortreten lassen. Seinen Erfahrungen war immer ein Moment der Distanz, der Fremdheit beigemischt, das die Identifizierung mit einem Kollektiv verhinderte.
Nach Kriegsende war Wolf mit dem Nachleben des Nationalsozialismus und dem Versuch der Humanisierung Deutschlands befasst. Er arbeitete für die Berliner Zeitung und schrieb Artikel, anschließend war er als Kulturoffizier der Sowjetischen Militäradministration in Halle tätig. Dass er, der die Leutnantsuniform der Roten Armee trug, als Verräter bezeichnet wurde, war nicht unüblich. Sein Bruder Markus berichtete als Pressekorrespondent von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, später sollte er Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit der DDR werden. Konrad kehrte nach Berlin zurück und setzte sich für die Verbreitung russischer Kunst im Haus der Kultur der Sowjetunion ein, wo er Lesungen, Vorträge und Diskussionen organisierte. Nebenbei machte er an einer Abendschule sein Abitur und entschied sich, ein Filmstudium am Institut für Kinematographie (WGIK) in Moskau aufzunehmen. Doch seine Zukunft sah er in der neugegründeten DDR, und so setzte sich Walter Ulbricht persönlich dafür ein, dass Wolf 1952 die Staatsbürgerschaft der DDR erhielt. Im WGIK lernte er den bulgarischen Juden Angel Wagenstein kennen, mit dem ihn neben einer Freundschaft eine produktive Arbeitsbeziehung verbinden sollte.
Nachdem Konrad Wolf 1955 sein Diplom erhalten hatte, drehte er die Filme »Genesung« (1956) und »Lissy« (1957), produziert von der DEFA, die sich beide auf hohem Niveau und in beeindruckender Filmsprache mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. 1959 gelingt ihm mit »Sterne«, an dem er gemeinsam mit Wagenstein arbeitete, ein Film von großer Meisterschaft – und einer der ersten Filme, der explizit die Vernichtung der europäischen Juden zum Thema hat. Zwar beginnt der Film befremdlich, hat er doch einen kunstliebenden Wehrmachtsoffizier zum Protagonisten. Doch bald wird deutlich, dass das Scheitern bürgerlicher Verhaltensformen angesichts des Nationalsozialismus demonstriert wird. Um dieser Durchführung Plausibilität zu verleihen, setzt Wolf das Maximum an subjektivem guten Willen der Figur voraus, um die Negativität und Übermacht der Objektivität zu konturieren. Denn weder in der Kunst noch in der Liebe liegt Erlösung.
Der Wehrmachtsoffizier verliebt sich nämlich in eine Jüdin, die nach Auschwitz deportiert werden soll. Er bietet an, sie zu retten. Doch sie weist ihn zurück, denn sie erkennt, dass der Offizier keinerlei Interesse hat, das System der Vernichtung zu bekämpfen. Nicht sie soll gerettet werden, nicht die Juden, sondern allein das Gewissen des Deutschen. Sie entlarvt die individuelle Lösung, die später Filme wie »Schindlers Liste« erfolgreich anbieten werden, als Entschuldungsphantasie. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist der bewaffnete Widerstand – Wagenstein hatte in Bulgarien als Partisan gekämpft –, wobei dieser Schluss in der Regel bei Aufführungen im Westen ausgelassen wurde. Auch versuchte die BRD eine Aufführung in Cannes, wo der Film den Sonderpreis der Jury gewann, zu verhindern, weil er dem Ansehen Deutschlands schade. Der Film lief dann als bulgarischer Beitrag. Beeindruckend ist, dass er in den Originalsprachen gedreht wurde, so dass neben Deutsch auch Bulgarisch und das Ladino der sephardischen Juden gesprochen und untertitelt werden. »Sterne« ist einer der erschüterndsten und klügsten Filme über die Vernichtung der europäischen Juden; bedauerlicherweise ist er zugleich einer der unbekanntesten.
Mit »Die Sonnensucher« (1958) widmete sich Konrad Wolf einem damaligen Gegenwartsstoff. Der Film zeigt die Wismut AG, die Kohle und Uran im Erzgebirge abbaute, wo verschiedene Menschen aufeinandertreffen: Angehörige der SMAD, alte Nazis, junge Arbeiter, Prostituierte und Parteifunktionäre. Die Wismut eignete sich gut als Stoff der jungen DDR, wie auch Werner Bräunig in seinem großen Roman »Rummelplatz« gezeigt hat. Nur wurden Gegenwartsstoffe dieser Art als politisch derart heikel betrachtet, dass solche Kunstwerke von der SED nicht selten verboten wurden; das mussten auch Wolf und Bräunig erfahren.
»Der Sonnensucher« ist auch der Titel einer Biographie über Wolf, doch diesem Buch kann man ausschließlich die Fülle an Material zugute halten, ist es ansonsten doch plump psychologisierend, anmaßend und verurteilend, voller politischer Vorurteile und zudem schlecht geschrieben. 1964 verfilmte Wolf die Erzählung »Der geteilte Himmel« von Christa Wolf. Mit Renate Blume und Eberhard Esche in den Hauptrollen überzeugt die Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Mauerbaus und der politischen Verhältnisse, die ihn möglich und nötig gemacht haben. Die Mauer wird zwar nicht gezeigt, doch Wolf findet filmische Mittel durch Parallelführungen wie Pappelalleen oder Eisenbahnwaggons, um darzustellen, wie ein politischer Konflikt im Leben von Menschen erscheint und verarbeitet wird.
Dem Thema Kunst, Künstler und Gesellschaft widmete sich Wolf in unterschiedlichen Filmen. Es war das Thema seiner späten Filme, so in »Goya oder der arge Weg der Erkenntnis« (1971), eine Koproduktion mit der Sowjetunion, sowie »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« (1974) und »Solo Sunny« (1980), die er gemeinsam mit dem Drehbuchautor Wolfgang Koolhaase machte. Während in »Goya« der Weg des Hofmalers zum gegen die Inquisition opponierenden Künstler gezeigt wird, stellt »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« einen Bildhauer in der DDR dar, der sich zwischen eigenem künstlerischen Anspruch, den Wünschen des Publikums und den Anforderungen des Apparats zu behaupten versucht – und zudem angesichts der geschichtsphilosophischen Schwierigkeit, nach Babi Jar und Buchenwald, die in dem Film für die Gräuel des Nationalsozialismus stehen, Kunst zu machen, in der Hoffnung, zur Humanisierung der Welt beitragen zu können. In »Solo Sunny« sieht man eine Schlagersängerin, eine Außenseiterin, deren individueller Glücksanspruch in den existierenden gesellschaftlichen Verkehrsformen nicht aufgeht, vielleicht nicht aufgehen kann  – ein subtil melancholischer Film. Zuletzt arbeitete Konrad Wolf an einem Filmzyklus über Ernst Busch, den er nicht fertigstellen konnte. Er starb 1982 an Krebs, im Alter von 56 Jahren. Wolf, der neben seinem Filmschaffen langjähriger Präsident der Berliner Akademie der Künste war und unter anderem Freundschaften mit Peter Weiss und Luigi Nono pflegte, hat ein sehr beachtenswertes Werk hinterlassen, das zu sehen auch heute lohnt.

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