Im Westen hat es die AfD nicht immer leicht

Zu Gast bei Freunden

Nicht immer läuft es im Westen des Landes rund für die der »Alternative für Deutschland« (AfD). Ein Abend bei einer ihrer Veranstaltungen kann aber durchaus aufschlussreich sein. Wenn dazu noch ein Rechtspopulist der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zu Gast ist, wird es sogar richtig interessant.

Die AfD hat es im Westen nicht unbedingt leicht, in Nordrhein-Westfalen fielen in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Veranstaltungen aus. Und wenn dann doch mal etwas stattfand, war es eher peinlich. So demonstrierten Mitte Oktober in Bochum, Dortmund und Düsseldorf rund 50 Anhängerinnen und Anhänger der AfD. Die Demonstrationen wurden vorher nicht angekündigt, um »ungestört von der Antifa« protestieren zu können. Bochumer Augenzeugen bezeichneten die Aktion als »sehr seltsam«: Die Rechtspopulisten stiegen aus einem Reisebus, liefen ein paar hundert Meter durch die Innenstadt, stiegen zurück in ihren Bus und fuhren weiter.
Noch peinlicher für die AfD war eine »Spontandemonstration« am 4. Oktober in Wuppertal. Nachdem Antifaschistinnen und Antifaschisten den griechischstämmigen Wirt darauf aufmerksam gemacht hatten, was für eine Partei sich bei ihm treffen möchte, wurden die Räumlichkeiten kurzfristig storniert. Statt zu einer Saalveranstaltung mit der Parteivorsitzenden Frauke Petry gingen die Rechtspopulisten auf die Straße. Aber auch dort intervenierten Wuppertaler Antifas. Sie umstellten die Demonstration, setzten sich mit einem Transparent an die Spitze des Zuges und sorgten dafür, dass die AfD die Füllmasse für eine antirassistische Demonstration stellte. Frauke Petrys Rede, die sie auf einer Parkbank stehend per Megaphon hielt, ging in antirassistischen Parolen unter.
Am 31. Oktober gelang es der AfD dann doch einmal, eine Veranstaltung abzuhalten. Für den Halloween-Abend hatte die Partei den Schweizer SVP-Staatsrat Oskar Freysinger, Stefan Möller von der Thüringer AfD und Martin E. Renner, einen der Gründungsväter der Partei, nach Essen eingeladen. Der Veranstaltungsort, ein Restaurant im Essener Süden, wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erst am Tag vor der Veranstaltung mitgeteilt. Um an der Veranstaltung teilnehmen zu können, musste man sich vorher per E-Mail anmelden. Am Eingang des Veranstaltungssaals stand ein breitschultriger Sicherheitsmann und überprüfte die Taschen der Gäste. An diesem Abend und mit dem prominenten Redner aus der Schweiz wollte man nichts dem Zufall überlassen. Das Publikum bei der Veranstaltung bestand zum größten Teil aus Männern um die 50, viele trugen Anzüge. Frauen waren in der Minderheit und auch die Jugendorganisation, die »Junge Alternative«, war nur spärlich vertreten. Einige der »Jungen Alternativen« unterhielten sich vor Beginn der Veranstaltung darüber, wie schwierig es doch sei, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Frauen seien auch »weniger leistungsfähig«, schon allein, weil sie »einmal im Monat ihre Periode bekommen«. Auch andere Teilnehmer glänzten mit gewagten Thesen: Manuela Schwesig wolle ein »muslimisches Wahlrecht« in der Bundesrepublik einführen, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung gehöre zur linken »Lügenpresse«.

Auf dem Podium wurde es nicht besser, auch dort artikulierte sich eine krude Mischung aus rassistischen Thesen und Verschwörungstheorien. Den Anfang machte Martin E. Renner, der Mitgründer der AfD und hatte Bernd Lucke einen schweren Stand, denn er galt als rechtsaußen. Renner ist Sprecher der nordrhein-westfälischen AfD und einer der Köpfe des Vereins »Konservative Avantgarde«. Er begann an diesem Abend harmlos mit den Kernthemen der Partei. Die EU sei ein bürokratisches Monster, in Brüssel arbeiteten »60 000 Systemlinge« und die EU sei verantwortlich für eine »Entartung der Demokratie«. Spannender wurde es, als Renner über Deutschland sprach. Durch »Reeducation« und die »Frankfurter Schule« gebe es seit 70 Jahren ein Projekt der »linksideologischen Indoktrination«, dessen Ziel es sei, die »deutsche Kultur« zu zerstören.
Auch zu den Themen Flucht und Asyl hatte Renner einiges zu erzählen. Familiennachzug? Abschaffen! Integration von Geflüchteten? Nicht notwendig. Kriegsflüchtlinge könne man zwar aufnehmen, müsse diese aber nicht integrieren, sondern die »Rückabwicklung« vorbereiten. »Wir werden dann auch wirklich Rückführungsprogramme fordern müssen, aber natürlich ist es eine Forderung. Wir sind nicht in der Lage zu sagen, wie wir das machen würden, müssen wir aber auch nicht.« Später, im Gespräch mit einem kleinen Kreis von Anhängerinnen und Anhängern, spricht Renner davon, dass die »Flüchtlingskrise« zu Unglücken führen werde, aber dass man diesen gelassen entgegensehen könne, denn am Ende würden sie der AfD nutzen und den »Politikwechsel« schneller herbeiführen.
Nach Martin E. Renner sprach Stefan Möller, Thüringer Landtagsabgeordneter der AfD. Er begrüßte die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Grüßen von Herrn Höcke und erntete frenetischen Applaus. Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen, erfreut sich großer Beliebtheit, wegen der wöchentlichen Demonstrationen in Erfurt, an denen Tausende Menschen teilnehmen, unter ihnen auch viele Neonazis. Möller ist der schwächste Redner an diesem Abend. Mit dem Islam etwa kenne er sich als Thüringer nicht aus, erzählt er, er habe da schlicht keine Erfahrungen im Alltag. Für die nach Selbsteinschätzung schwer von »Islamisierung« betroffenen Zuhörerinnen und Zuhörer Möllers aus dem Ruhrgebiet muss Thüringen auf einmal den Eindruck eines Paradieses auf Erden gemacht haben. Die restliche Rede speiste sich aus den üblichen AfD-Phrasen, wie der Forderung, Grenzen zu sichern und die »Völkerwanderung« aufzuhalten oder der Behauptung, Migranten seien ungebildet.

Zum Schluss stand die Rede des Schweizer Stargasts Oskar Freysinger auf dem Programm. Freysinger ist als Staatsrat im Kanton Wallis für Bildung und Sicherheit zuständig, er trägt Regierungsverantwortung. In seiner Partei, der SVP, gehört er dem rechten Flügel an. Freysinger forcierte maßgeblich die Anti-Minarett- und die Anti-Einwanderungsinitiative seiner Partei. Der Schweizer ist ein guter Redner, locker, mit Witz und pointiert. Inhaltlich hat er nicht viel zu bieten. Ein Loblied auf die Schweiz, ein paar Seitenhiebe gegen die EU und die deutsche Regierung. Freysingers Lieblingsthema ist aber der Islam. Muslime seien für die »urbane Gewalt« in europäischen Großstädten verantwortlich und betrieben eine »geostrategische Invasion Europas«, bei der es ihnen nicht darauf ankomme, ob sie in 20 oder erst 30 Jahren die Bevölkerungsmehrheit stellten.
Die islamfeindlichen Thesen kommen im Publikum gut an, noch besser wird aber aufgenommen, wie der Schweizer Rechtspopulist an das Nationalgefühl seiner deutschen Zuhörer appelliert. Sie müssten endlich verstehen, dass die EU auf »Komplexe der deutschen Schuld« aufgebaut sei. Die AfD-Anhänger hätten schon begriffen, aber auch der Rest der Deutschen müsse endlich lernen, Stolz auf ihr Land zu sein. Die Reden der drei Rechtspopulisten, mit anschließender Fragerunde, nehmen an diesem Abend mehrere Stunden in Anspruch. Gegen 22.30 Uhr sind nur noch 30 Zuhörer im Saal. Sie sehen sich als die kommende Avantgarde Deutschlands und träumen von Wahlergebnissen, wie sie die SVP in der Schweiz erzielt.

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