Die rechte »Volkshilfe« sammelt für bedürftige Deutsche

Neues vom Winterhilfswerk

Die »Volkshilfe« gibt sich karitativ und harmlos. Tatsächlich sammelt der Verein für Bedürftige – allerdings nur für deutsche. Ihr erster Vorsitzender ist ein bekannter Neonazi.

Die »Volkshilfe« aus Osnabrück sammelt Sachspenden wie Babykleidung für bedürftige Familien und winterfeste Kleidung für Obdachlose. Über Facebook werden gebrauchte Kinderfahrräder und auch einmal ein Job »für geeignete Landsleute im Raum Osnabrück im sozialen Bereich« vermittelt. Auch Nachhilfe für Schüler und ein Familienausflug auf einem Walderlebnispfad sind im Angebot. Bei der Organisation fühle sich »kein Deutscher allein, denn man sorgt füreinander«. Ziel der »Volkshilfe« sei es, »dem deutschen Volke das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder beizubringen«, so der Werbeflyer des Vereins. Man setze da an, »wo die Politik aufhört«.

Die Organisation tritt nicht offen neonazistisch auf, sondern versucht, in der Öffentlichkeit das Bild eines unverdächtigen Wohlfahrtsverbands zu vermitteln. Auf Facebook hat der Verein Fotos von seiner Arbeit hochgeladen. In einer Vorher-Nachher-Montage sind Spielplätze zu sehen, die auf dem ersten Foto noch verschmutzt sind. Auf dem zweiten Bild sind sie sauber, Mitglieder der »Volkshilfe« haben sie offenbar gereinigt. Allerdings dürfte die Beseitigung der vier Papiertaschentücher, drei Bierdosen und des Überrestes eines Joints (»Das schlägt dem Fass den Boden aus«) nicht allzu viel Mühe bereitet haben. »Likes« oder Werbung für Neonaziparteien und -organisationen sucht man auf der Facebook-Seite vergeblich. Das Logo der »Volkshilfe« – zwei ineinander greifende Hände, zu einem Herz stilisiert – ähnelt jenen großer Wohlfahrtsverbände, NS-Symbolik ist nicht zu entdecken.
Verweise auf das Wirken der Organisation finden sich jedoch nicht nur auf dem Neonaziportal »Altermedia«, wo die Weihnachtskampagne der »Volkshilfe« beworben wird, sondern auch auf der Website Felix Menzels, des Herausgebers des neurechten Magazins Blaue Narzisse. Auf einwanderungskritik.de hat Menzel einen Brief veröffentlicht, in dem der Vorsitzende Achim Kemper die Strategie des Vereins »Volkshilfe« erläutert. Man wolle sich »aus der konventionellen Politik komplett heraushalten und sich darauf konzentrieren, die Gemeinschaft zu schaffen, die das Gegenteil der heutigen Gesellschaft ist«, schreibt der Vorsitzende, »eine Gemeinschaft von Deutschen, die sich gegenseitig hilft, stützt und fördert«. Weiter heißt es: »Wir wollen eine deutsche Gemeinschaft errichten, die greifbar ist, die lebendig ist. ›Da hilft mir jemand, meines Deutschtums wegen‹, öffnet Türen, die uns durch bloßes Reden verschlossen bleiben.«
Wie aus dem Brief hervorgeht, hat der Verein, der seit Frühjahr im Vereinsregister beim Amtsgericht Osnabrück eingetragen ist, derzeit nur 28 Mitglieder. Bei fünf Euro liegt der monatliche Mitgliedsbeitrag. Doch man träumt bereits von Größerem: etwa von einem Vereinsheim mit Beratungsstelle für ALG-II-Empfänger oder von eigenen Kindergärten. Die Gemeinschaftsfreunde haben sich auch über die Ökonomie Gedanken gemacht: »Nichts ist leichter, als 250 Kilogramm Kartoffeln bei örtlichen Bauern zu kaufen und sie in Fünf-Kilogramm-Portionen an die Vereinsmitglieder vor Ort weiterzuverkaufen. Der Bauer hat seinen fairen Absatz ohne Zwischenhändler und damit einen guten Preis, die Mitglieder unterstützen einen deutschen Bauern und allen geht es gut. Die Möglichkeiten, die sich durch den Verein bieten, sind schier grenzenlos«, heißt es in dem Schreiben auf Menzels Website.
Achim Kemper war Mitglied der 2009 gegründeten »Nationalen Sozialisten Münster« (NaSoMs). Unter anderem organisierte er 2012 in der Stadt einen Naziaufmarsch mit 300 Teilnehmern, auf dem er auch als Redner auftrat. Im Zuge des Verbots der befreundeten Kameradschaften »Hamm«, »Aachener Land« sowie des »Nationalen Widerstands Dortmund« und der dazugehörigen Hausdurchsuchungen auch in Münster traten die NaSoMs noch für kurze Zeit als »Netzwerk Münsterland« in Erscheinung, ehe sie endgültig von der Bildfläche verschwanden. Wie im gesamten Bundesgebiet diente die Partei »Die Rechte« auch für diese verbotenen Kameradschaften als Auffangorganisation. Nach Informationen der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten« (VVN/BdA) in Nordrhein-Westfalen versuchte »Die Rechte« im Frühjahr 2013, Geld für einen »nationalen Freiraum« im Münsterland zu sammeln, in dem Feste, Schulungen, Aktionsvorbereitungen und »Training« stattfinden sollten. Inhaber des Spendenkontos war nach Angaben von VVN/BdA Achim Kemper.
Die »Volkshilfe« wurde bereits im April ins Handelsregister eingetragen. Dem Verein zufolge fand eine offizielle Gründungsfeier erst im Juli in Osnabrück statt. Danach organisierte er im Emsland sowie in Hagen und Hamm Veranstaltungen beziehungsweise verteilte dort Flugblätter. Auf dem Kongress der Deutschen Burschenschaft in Jena konnte die »Volkshilfe« am vorvergangenen Wochenende ebenfalls für sich werben, expliziter Dank geht auf Facebook an die Marburger Burschenschaft Germania. Nach eigener Aussage hat der Verein im Zuge seiner weihnachtlichen Spendenkampagne bereits 27 000 Menschen erreicht, wahrscheinlich stammt diese Zahl aus ihrer Statistik bei Facebook. Dort hat die »Volkshilfe« 1 200 »Gefällt mir«-Angaben, eine vergleichsweise hohe Zahl.

Für den vergangenen Samstag hatte der Verein ursprünglich zu einer »großen Weihnachtsfeier« im Gebäude des Kleingärtnervereins Weseresch in Osnabrück eingeladen. Dort sollten Geschenke gesammelt und verteilt, Sinn und Zweck der »Volkshilfe« erläutert und auf »die Herausforderungen für das nächste Jahr« geblickt werden. In der vergangenen Woche sagte jedoch Hartmut Siefke, Vorsitzender des Kleingärtnervereins, auf Anfrage der Jungle World: »Es findet bei uns an diesem Tag keine Feier dieses Vereins statt.« Am Freitag voriger Woche musste die »Volkshilfe« dann auf Facebook verkünden: »Leider müssen wir die für Samstag geplante Weihnachtsfeier absagen. Der Vermieter hat uns kurzfristig darüber informiert, dass ein Wasserschaden in den Räumlichkeiten eine Vermietung bis Januar unmöglich macht.« Dennoch zeigte man sich guter Dinge: »Aber kein Grund zur Sorge, die nächste Veranstaltung ist geplant.« Die Kleingartenanlage Weseresch kann man als Ort der Versammlung wohl ausschließen.

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