Eine Kritik des linken Weihnachtshasses

Der Bart ist ab

Ein Vorweihnachtsgruß an linksdeutsche Gefühlsjihadisten.
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Wenn das antinationale Bauchgefühl durch kandierte Äpfel und heißen Rum zum Gären gebracht wird, wirft es solche Blasen: »Wozu über Asbest und Feinstaub lamentieren, solange es Weihnachtsmärkte gibt? Hemmungslos bebratwursten sich die Landsleute und glühweinen einander die Mantelkrägen nass. (…) Unbewohnbar ist das alles längst, die mit Hochglanzramsch vollgeknotteten Arkaden taugen zum Viehdurchtrieb (…). Das Architekturbüro Bin Laden&Partner könnte hier viel Gutes tun, gerade in Deutschland, dem Weihnachtsmarkt, abgekürzt WM.« Der hier die Besucher von Christkindlmärkten mit Vieh vergleicht, das von islamistischen Terroristen abgeschlachtet gehört; der nicht Sharia-Zonen in Brüssel, Paris oder London, sondern alberne Zuckerwattebuden als Symptom der Unbewohnbarkeit der Städte ausmacht; der das bisschen Nippes, mit dem sich Kleinbürger einmal im Jahr eine laue Freude machen, als »Hochglanzramsch« in die Tonne hauen möchte und Leute, die allenfalls durch blöde Zipfelmützen, aber nicht durch Nationalflaggen auffallen, um des bloßen Witzes willen mit patriotischen Fußballfans gleichsetzt, ist kein IS-Kämpfer mit Kabarettdiplom, sondern war Kolumnist der Taz und heißt Wiglaf Droste. Im Dezember 2005, vier Jahre nach dem Massenmord in New York, den er als »Einsturz zweier hässlicher und sehr verzichtbarer Türme« und Beitrag zur »Verschönerung der Welt« gepriesen hatte, ohne dass er von Berlin nach Guantanamo umsiedeln musste, ließ Droste raus, was ihn und sein Publikum in der Vorweihnachtszeit umtreibt: den Abscheu vor dem Fest der Liebe, an dessen Stelle ein Schlachtfest treten möge, in dem das Menschenvieh, das einem täglich auf die Pelle rückt, zugrunde geht.
Heute, da Jihadisten in Paris vergnügungssüchtige Libertins totschießen und die belgische Hauptstadt wochenlang in Angststarre verharrt, denkt es in den Deutschen milieuübergreifend wie in Droste. Sie wahren zwar meist die Form, der Geifer trieft ihnen nicht so derb aus dem Mund wie dem verhaltensauffälligen Tucholsky-Imitator, der Polemik schon lange mit Menschenhass verwechselt. Aber dass Weihnachtsmärkte mit bürgerlicher Freiheit nichts zu tun haben, darin sind sich die meisten einig. Die Taz findet, dass der interkulturelle Dialog »viel wichtiger ist als der Besuch von Weihnachtsmärkten«, die FAZ mokiert sich über die »Weihnachtsmarktpropaganda«, mit der die Leute animiert werden sollen, die Feiertage zu begehen wie früher auch, die SZ meint, dass ein »geschlossener Weihnachtsmarkt« kein Problem sei, solange »der Terror« nicht »unsere Köpfe« regiere – als wären solche Schließungen nicht bereits Resultat dieses Regiments. Offenbar gehören die Bratwurst- und Glühweindüfte ausdünstenden Holzbuden zum Ersten, das sich aufgeben ließe beim Kampf gegen den Terror, wie Deutsche sich ihn vorstellen: als Rückzug in den selbstgebauten Präventivbunker.
Unter Linken, die das Falsche in den eigenen Reihen schon immer früher durchzusetzen wussten als der Rest der Gesellschaft, ist der Hass auf Weihnachten notorisch. Nur hier verkünden Leute Jahr für Jahr stolz, dass sie über Weihnachten nicht nach Hause fahren, damit auch jeder merkt, wie frei sie sich von ihrer Familie gemacht haben, die in Wahrheit in Gestalt der unvermeidlichen WG-Genossen auch am Heiligen Abend, der natürlich nicht so heißen darf, in der garantiert engelfreien Wohnküche hockt. Nur hier wird der Satz »Es gibt vegane Häppchen, niemand muss sich was schenken, und wir haben auch keinen Tannenbaum« als Einladung statt als Warnung verstanden. Nur hier erklären Hobbypädagogen Fünfjährigen, die sich am Sternchenkleben freuen, im enthusiasmierten Tonfall hirngewaschener Sektenmitglieder, »dass andere Kulturen ja ganz andere Feste feiern«. Nur hier lamentieren Eltern über christliche Indoktrination und abendländische Diskurse, wenn Kinder gern »Oh Tannenbaum« singen wollen. Und nur hier halten Leute sich für fortschrittlich, aufgeklärt und gesellig, weil sie sich zu Jesu Geburtstag nichts schenken, nichts gönnen, nichts vergeben und nichts versprechen: Hauptsache, es kommt niemand auf die Idee, man wäre Christ.
Dabei haben die Weihnachtsbräuche, über die sich Droste ereifert wie ein Islamist über westliche Dekadenz, mit dem christlichen Abendland, von dem jetzt wieder viel die Rede ist, nur insofern zu tun, als sie diesem irgendwie entsprungen sind, das heißt aber auch: es schon lange abgeschüttelt haben. Weihnachtsmärkte zählen so wenig wie weißbärtige Männer, Tannenbäume, Lebkuchen und Gänsebraten zum originären christlichen Erbe. Es handelt sich um kulturindustrielle, gründlich trivialisierte Überreste jenes Festes, das sie in dem Maße, in dem sie zu dessen Verramschung beitrugen, auch popularisiert und verallgemeinert haben. Daran ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil zeugt es von Menschenfreundlichkeit, wenn die christlichen Kirchen auf die mangelnde Bibeltreue, tumbe Völlerei und hektische Betriebsamkeit, die ihre Schäfchen in der Vorweihnachtszeit an den Tag legen, nicht mit dem Kirchenbann und schon gar nicht mit der Kalaschnikow reagieren.
Stattdessen haben sie sich damit arrangiert, dass in ihrem Namen und mit ihrer Beteiligung zu Weihnachten alljährlich ein unchristlicher, nerviger Ringelpietz veranstaltet wird – weil sie ahnen, dass in der Trivialisierung, die sich an alle richtet und das besondere Dogma ignoriert, etwas vom Christentum selbst fortlebt. Die katholische Kirche hat das immer gewusst. Weil ihr jeder Mensch durch Verfallenheit des Leibs als sündhaft gilt, ist sie großzügig gegenüber der Lust, die zum sündhaften Leib dazugehört. Darum haben Katholiken den Weihnachtsrummel weniger nötig als Protestanten: Weihrauch, Marienbilder, Brot und Wein sind gegenüber Bratwurst und Zuckerwatte triftige Argumente. Je mehr sich der Widerspruch zwischen beiden christlichen Kirchen in einem schalen Restchristentum auflöste, umso weniger kamen solche Kontraste zur Geltung. Trotzdem drückt sich noch in der Bereitschaft ökumenisch gesinnter Pfarrer, auf dem Christkindlmarkt das Glöckchen zu bimmeln, wenigstens die Unfähigkeit aus, mit Hasspamphleten und Raketenwerfern in den Kampf gegen die Gottlosigkeit zu ziehen. Es bezeugt, dass das Christentum auf Umwegen und mit Widerwillen gelernt hat, was Juden stets Gesetz war: dass man die widerständige Welt, statt wie ein bockiges Kind ihre Existenz zu leugnen oder sie kaputtzuhauen, reflektierend ins Bewusstsein aufzunehmen hat.
Darum sollte sich jeder, bevor er loskeift wie ein al-Qaida-Pensionär, beim Durchqueren oder Umgehen von Weihnachtsmärkten zumindest hin und wieder darüber freuen, dass so viele ordinäre, konsumsüchtige, geistlose, so viele gewöhnliche Menschen frei herumlaufen dürfen, solange sie nicht andere angreifen oder nötigen. Was die Weihnachtshasser am Fest verachten, verweist auf das uneingelöste, immer weniger auf seine Einlösung vertrauende Versprechen des Festes selbst; auf Phantasielosigkeit, Hektik und Selbstqual, denen sich die Menschen noch während ihrer Feiertage unterwerfen. Und doch vermag eine olle Weihnachtsmarkthütte, über der »Märchenland« steht, in einem x-beliebigen, atheistisch, homöopathisch oder sonstwie sozialisierten Kleinkind manchmal ein paar Illusionen zu erwecken, an die es sich erinnern kann, wenn es sich später fragt, warum die Welt so hässlich ist. Solche phantasiegesättigten Erfahrungen verdanken sich nicht dem christlichen Dogma, sondern den vom Christentum hervorgebrachten und es überblendenden Imaginationen: Der vom evangelischen Pfarrer Eduard Ebel geschriebene »Weihnachtsgruß«, eines der vollkommensten Lieder deutscher Sprache, enthält mit den Zeilen »In den Herzen ist’s warm/Still schweigt Kummer und Harm/Sorge des Lebens verhallt« eine so genaue Anschauung dessen, worauf der Begriff der freien Menschheit zielt, dass die Zeile »Freue Dich, Christkind kommt bald« fast nur wegen des Reims nötig ist.
Aber nur fast: Denn das Bild einer sich im Frieden in sich selbst zurücknehmenden Welt ist eben doch christlich, Chiffre seliger Erwartung, die ihrer Erfüllung ohne Angst und Hybris harrt. Natürlich kommt all dem keine Wirklichkeit mehr zu. Trotzdem ist es das Gegenbild zu jener Totenstille, auf die der jihadistische Terror zielt. Droste-Fans, die sich wünschen, dass die Weihnachtsmänner ihre Rauschebärte abreißen und ihre Ruten in die Ecke pfeffern, um ganz andere Waffen aus dem Sack zu holen, würden, wenn ihre Träume wirklich wahr werden, wohl behaupten, man kenne das ja alles schon aus dem amerikanischen Kino. Dabei könnten sie von Glühweintrinkern lernen, was jeder weiß, der einmal Kind war: Gänsebraten schmeckt wirklich gut, und Schenken macht glücklich.
Geändert am 3.12.2015