Die Debatte über den Klimawandel muss politisch werden

Klimaschutz gibt es nicht

Der Debatte über den Klimawandel mangelt es an Rationalität und politischem Verständnis.
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Sie kennen das. Sie wollen jemandem die letzte Version eines Textes zuschicken und benennen Ihre Datei daher geschickt final.doc oder so ähnlich. Zwei Wochen später liegen auf Ihrem Desktop mindestens zehn Dateien, die final2.doc, final3.doc, finalFINAL.doc, totalfinal.doc und lastversionfinal.doc heißen. Es ist beim Klimawandel nicht anders. Wie jeder zünftige Weltuntergang lebt er davon, dass er hin und wieder upgedatet werden muss, oder sagen wir: verschoben.
»Klimaschutz«, was ist das überhaupt? Hätte man das Klima, das vor 20 000 Jahren herrschte, geschützt, würde die Menschheit heute in Iglus leben. Es geht nicht um »das Kima«, sondern um ein ganz bestimmtes, jenes nämlich, an das die Menschen sich in den letzten Generationen gewöhnt und das sie offenbar mitproduziert haben. Es geht um eine bestimmte Betriebstemperatur der Erde, die dem Menschen besonders zuträglich ist, und die man sinnvollerweise gerne erhalten will. Das ist ein löbliches Ziel, aber eben nur der Versuch, den menschlichen Einfluss auf das Klima durch menschlichen Einfluss auf das Klima rückgängig zu machen. Aber bisher schafft es die Menschheit ja nicht einmal den weltweiten CO2-Ausstoß auch nur ein winziges bisschen zu reduzieren, geschweige denn den CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Es ist natürlich trotzdem richtig, es zu versuchen, nur: Die Anstrengung dient eben nicht »dem Klima« und schon gar nicht »der Umwelt« oder gar »der Natur«.
Was halten die Tiere von Klimaschutz und Energiewende? Rund um Tschernobyl blüht das ­Leben. Elche, Rehe, Hirsche, Wildschweine und Wölfe bevölkern die Gegend. In dem 4 200 Quadratkilometer großen Sperrgebiet leben so viele Säugetiere wie in vier unverstrahlten Naturreservaten Weißrusslands zusammen. Die Zahl der Wölfe soll sogar mehr als sieben Mal höher sein. Das liegt nicht daran, dass die Tiere auf Radio­aktivität abfahren, sondern schlicht daran, dass in dem Sperrgebiet nicht gejagt wird und auch sonst kaum ein Mensch seinen Fuß hineinsetzt. Aber es zeigt, dass »die Natur« selbst eine Katas­trophe wie Tschernobyl wegstecken kann. Nicht so sehr mögen Tiere dagegen Windkraft. Über 250 000 Fledermäuse und rund 1 200 Mäusebussarde verenden allein in Deutschland jährlich an den neuen Windmühlen. Greifvögel, Störche meiden, soweit sie können, die Gegenden rund um die etwa 26 000 Windindustrieanlagen.
Witzigerweise werben ausgerechnet die Tierrechtsorganisation Peta und Greenpeace Energy gemeinsam damit, dass man bei ihnen »veganen« und »tierfreundlichen Strom« kaufen könne – aus Windenergie! »Jetzt wechseln und der Erde sowie den Tieren Gutes damit tun!« lautet der Werbespruch dazu. Greenpeace Energy verkauft, Peta bekommt für die Vermittlung von Stromverträgen Geld. Doch Klima- und Naturschutz stehen immer häufiger im Widerspruch: Vermaisung der Landschaft für Biogasanlagen, Urwaldrodung für Biodiesel.
Selbstverständlich ist Atomkraft abzulehnen – aber nicht aus Klimaschutzsicht. Es geht um die Abwägung von verschiedenen gesellschaftlichen und nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen. Und in diesem Zusammenhang ist es dann wichtig für den Diskurs und die Machtfragen, wie emotional die Sache mit dem Klimawandel gehandhabt, als wie final die drohende Apokalypse gehandelt wird. Es geht nicht um einen Konflikt zwischen »dem Menschen« und »dem Klima«, sondern um einen zwischen verschiedenen menschlichen Interessen. Auf diese Art betrachtet, ließe sich aus der hochemotionalen und als ethisch missverstandenen Debatte vielleicht wieder eine politische formen. Nötig wär’s.