Keine Perspektive für Flüchtlinge in Europa

Für eine Handvoll Taschengeld

Ursprünglich wollte Ismail N. gar nicht als Flüchtling nach Europa kommen. Doch nun sitzt der Mann aus Gambia zwischen Hamburg, Halle und Italien fest.

Anzeige

»Manchmal denke ich, ich gehe nach Malta oder Finnland. Dort soll es gut sein«, sagt Ismail N.* Gerade ist der junge Mann in Hamburg, um Freunde zu besuchen. Die Flüchtlingsunterkunft, in der er untergebracht ist, befindet sich in der Nähe von Halle an der Saale. Malta, Finnland, Hamburg, Halle – das sind nicht Ismails Wunschziele. Er brach ursprünglich gar nicht auf, um ins »gelobte Europa« zu gelangen.
Ismail wurde in Serekunda in Gambia geboren. Nach acht Jahren auf der Koranschule verdingte er sich, halbwegs des Lesens und Schreibens mächtig, als Bauarbeiter. Mit zwölf Jahren begann er die Ausbildung, mit 15 Jahren war er fertig. Fortan folgten kleine Jobs auf diversen Baustellen. Zum Leben reichte es gerade so, eine Zukunft konnte er sich damit nicht aufbauen. »Noch nicht einmal eine eigene Wohnung konnte ich zahlen. Ich wohnte bei meinem Onkel«, sagt Ismail.

Mit 23 Jahren beschloss er deshalb, nach Libyen zu gehen. Dass dort zu jener Zeit, im Jahr 2012, ein Bürgerkrieg tobte, wusste Ismail. »Ich dachte, wir könnten die kaputten Häuser wieder aufbauen«, erinnert sich der heute 27jährige. Vor allem reizte ihn die bessere Bezahlung. Und da Libyen auch ein muslimisches Land ist, glaubte Ismail, er werde als Muslim dort gut behandelt. Die Realität sah anders aus. Die Reise mit zwei Freunden über Mali und Niger bis nach Libyen war strapaziös. In dem zerrütteten Bürgerkriegsland, so erfuhr Ismail auf der Reise, würden immer wieder Pick-up-Trucks beschossen, auf denen sich afrikanische Wanderarbeiter befinden, Geiseln würden genommen, um Lösegeld zu erpressen.
Sein Fahrzeug hatte Glück. Nach der Fahrt durch die Wüste erreichten Ismail und seine Freunde wohlbehalten eine libysche Kleinstadt. Über Kontakte trafen die Freunde einen Gambier, der mit einer libyschen Frau verheiratet war. Dieser vermietete ihnen ein Zimmer in seinem Haus und vermittelte Arbeitsgelegenheiten. »Er nahm zehn Dinar für die Miete. Das war sehr fair«, sagt Ismail. Doch nach fünf Monaten wurde ihm bewusst, dass die Aufträge in der kleinen Stadt spärlich gesät waren. Auf der Straße hatte er ein ungutes Gefühl, immer wieder schlug ihm offener Rassismus entgegen.
Deshalb fällte Ismail den Entschluss, nach Tripolis zu gehen. Dort, so sagte es zumindest die Mundpropaganda, sei es sicherer und die Auftragslage sei bedeutend besser. Doch der Weg nach Tripolis, auch das erzählte man sich, sei sehr gefährlich. Gerate man an korrupte Polizisten oder Soldaten, lande man entweder im Gefängnis oder werde gleich erschossen. Und ohne Papiere geht gar nichts, das lernte Ismail nun. Er besorgte sich eine ID-Karte, die er für den Transport benötigte, und kaufte sich ein Ticket für die Fahrt mit dem Pick-up-Truck. Im Februar 2013 erreichte das Auto wohlbehalten Tripolis.
Dort wählte Ismail die Telefonnummer eines Gambiers, der ihm die nötigen Kontakte vermittelte. Wieder wohnten sie zu viert in einem Zimmer, wieder folgten Einsätze auf Baustellen. »Das lief alles sehr fair. Immer montags erhielt ich 180 Dinar für eine Woche, umgerechnet 90 Euro«, berichtet Ismail. Er beteiligte sich in dieser Zeit an den Aufräumarbeiten im kriegszerstörten Zoo in Tripolis, riss kaputte Stallungen ab, um neue zu bauen. Seinem Traum von einem beschaulichen Leben in Sicherheit und Frieden kam er aber nicht näher. Tripolis war das Gegenteil. Die Angst nahm zu, Schwarzafrikaner waren besonders der Willkür der staatlichen und quasistaatlichen Organe ausgeliefert.
Erst hier reifte der Gedanke, nach Europa zu gehen. Über Freunde erkundigte sich Ismail, welche Schlepper ehrlich seien. Die Überfahrt kostete zwischen 500 und 1 200 Euro. Der junge Mann begann zu sparen. Im Juni 2013 hatte er das Geld zusammen – und hatte Glück. Er musste nicht Wochen in einem Camp ausharren, sein Boot ging gleich am nächsten Tag. Daran erinnert er sich bis heute ganz genau: Am 15. Juni 2013 stach das Schlauchboot mit 85 Menschen in See. Am 16. Juni wurden sie von einem Fischerboot aufgenommen. Doch nicht alle wurden gerettet. »Fünf oder sechs Menschen erreichten das Fischerboot nicht«, sagt Ismail und stockt. Nach einer kurzen Pause berichtet er weiter: Es habe keine Schwimm­westen gegeben, er könne glücklicherweise schwimmen. Die Überlebenden wurden nach Lampedusa und von dort nach Catania auf Sizilien gebracht, in ein Camp weit außerhalb der Stadt. Für Ismail, der viel über Europa gehört hatte, begann nun eine Zeit, die ihn zermürbte. Ungefähr ein Jahr lang hing er in dem Camp in Catania fest. Taschengeld wurde nicht ausgezahlt, dafür erhielten die Flüchtlinge drei Päckchen Zigaretten in der Woche. Die konnte man selbst rauchen oder verkaufen.

Nach elf Monaten erhielt Ismail schließlich Papiere für ein Jahr, die ihm eigentlich die Arbeitsaufnahme ermöglichen sollten. Man brachte ihn nach Turin in das nächste Aufnahmelager. »Dort gab es 20 Euro pro Woche Taschengeld, aber Arbeit war überhaupt nicht zu finden«, berichtet Ismail. Nach vier Monaten lief die Unterstützung jedoch aus. Vom Hörensagen wusste Ismail, dass es in Deutschland besser sein soll. Also nahm er den Bus und kam im November 2014 in Stuttgart an. Seine Odyssee durch Deutschland begann. Zunächst ging es in die Nähe von Halle an der Saale in eine Aufnahmeeinrichtung. Man gab ihm Papiere für drei Monate. Anfang 2015 kam dann die Aufforderung, er müsse gemäß der Dublin-III-Verordnung zurück nach Italien. Bis Februar erhielt er noch Taschengeld, von dem er einen Teil sofort an seine Familie nach Gambia schickte. Ab März gab es nichts mehr. Ismail wusste nicht, wohin. Italien war keine Alternative – dort gab es auch kein Geld und keine Arbeit.
Die Monate zuvor hatte er gelegentlich Freunde in Hamburg besucht. Nun begann er, in Hamburg Marihuana zu verkaufen. Wieder stockt das Gespräch. »Das wollte ich nicht, aber ich hatte keine Alternative. Ich kaufte für 50 Euro Marihuana-Päckchen, die ich für 70 Euro weiterverkaufte. So konnte ich mich über Wasser halten«, sagt Ismail. Allerdings erwischte ihn die Polizei, er erhielt seine erste Geldstrafe über 400 Euro. Kurz danach wurde er beim Schwarzfahren ertappt. In seiner Einrichtung trudelten die Mahnbriefe ein, Ismail versuchte, die Geldforderungen in Raten von 25 Euro abzustottern. Im Juni ging er freiwillig, wie von den Behörden gewünscht, nach Italien zurück. Immerhin war Sommer. Da wurden Erntehelfer für 2,50 bis 3,50 Euro in der Stunde gesucht. Im September – die Ernte war vorbei – stand er wieder ohne alles da.

Ohne Illusionen reiste er zurück nach Deutschland. Wohin auch sonst? Gleich nach der Ankunft schickte man ihn wieder in die Einrichtung in der Nähe von Halle. Dort wartete schon Post auf ihn: Die Raten waren nicht gezahlt worden, deshalb erhöhte sich die Strafsumme auf insgesamt 750 Euro. Immerhin erhielt Ismail wieder sein Taschengeld, so dass er sofort mit der Ratenzahlung beginnen konnte. Seine Aufenthaltsgenehmigung wurde zunächst monatlich verlängert, derzeit geschieht das nur noch wöchentlich. Der junge Mann reist immer wieder nach Hamburg. Bei jeder Rückkehr nach Sachsen-Anhalt hat er Angst vor der Abschiebung. Wie es weitergehen könnte? »Keine Ahnung«, sagt er. »Manchmal denke ich auch daran, einfach nach Gambia zurückzugehen. Aber es wäre ein Zurück ins Nichts, vor dem ich geflohen bin.«

* Name der Redaktion bekannt.