Das »politische Manifest« von Philipp Ruch

Jammerlappen aus Hackepeter

Philipp Ruch, der Leiter des »Zentrums für politische Schönheit«, hat ein »politisches Manifest« vorgelegt. Die Kampfschrift beweist vor allem eines: »Politische Schönheit« ist eine hässliche Angelegenheit.
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Die westliche Welt ist moralisch verkommen und verweichlicht – dieser Befund ist weder neu noch originell. Seit der Entstehung des modernen Westens wird auch sein Untergang herbeigeschrieben, von Monarchisten, christlichen Eiferern, Konservativen, Altnazis, Neurechten, Islamisten und apokalyptisch gestimmten Linken. Wer in der Sparte »Kulturkritik des Westens« trotz der großen Konkurrenz Erfolg haben möchte, muss deshalb mit einer guten Begründung seiner Diagnose aufwarten.
Der Aktionskünstler Philipp Ruch hat sich etwas einfallen lassen, das sich sinngemäß so formulieren lässt: Um die westlichen Gesellschaften – und vor allem um die deutsche – steht es derart schlecht, weil ihnen der Sinn für »politische Schönheit« abhanden gekommen ist. Die Lage ist offenbar so miserabel, dass Ruch nicht einfach ein Buch zur Sache veröffentlicht hat. Er hat ein »politisches Manifest« mit dem Titel »Wenn nicht wir, wer dann?« vorgelegt.
»Ich bezeichne mich als ›Chefunterhändler‹ der politischen Schönheit«, schreibt Ruch über sich selbst. Das soll nach Großem klingen. Das Tagesgeschäft eines Chefunterhändlers ist jedoch weitaus trivialer: Andere machen was mit Medien, Ruch macht was mit Aktionskunst. Hierzu gründete er Ende der nuller Jahre in Berlin die Kampagne »Zentrum für politische Schönheit«.
Dort werkelt seither »eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit« vor sich hin. Für die öffentlich wohl bekannteste Aktion mit dem Titel »Die Toten kommen« beorderte Ruch im Sommer mehrere Tausend Demons­tranten auf die Wiese vor dem Reichstag, um Gräber für tote Flüchtlinge zu buddeln. Auf lebende Neuankömmlinge hätten frisch ausgehobene Gräber zum Empfang sicher leicht bedrohlich gewirkt. Doch um die Lebenden ging es dem Zentrum für politische Schönheit nicht, es war an Leichen interessiert. So ließ es auch zwei tote Flüchtlinge für die große Sache der »politischen Schönheit« durch Europa karren, um sie in Berlin zu beerdigen. Mit solcher symbolpolitischen Leichenfledderei war Ruch die öffentliche Aufmerksamkeit und auch Zustimmung sicher. »Die Einhelligkeit der Reaktionen bewahrt mir den Glauben an die Menschheit«, schreibt er.
Offenbar wurde er auch in dem Glauben ­bestärkt, ein »politisches Manifest« schreiben zu müssen. Darin beschäftigt er sich weniger mit der »politischen Schönheit« als mit ihren schlimmsten Feinden. Zu diesen gehören die modernen Naturwissenschaften. »Das einhellige Charakteristikum der Lehrgebilde, die auf uns einprasseln, ist die Entlarvung des Menschen als hässliche Bestie«, schreibt der Chef­ankläger. Das ist verheerend für das Selbstbild der Menschen, denen die Naturwissenschaften eine »ganze Armada toxischer Ideen« einpflanzten. Ruchs allergrößte Sorge gilt dabei der Jugend. »Mit diesen Widerwärtigkeiten im Kopf«, so weiß er, »sind junge Menschen verloren.« Schreckliche Fragen drängen sich auf: »Was macht es aus einem, wenn man auf die Straße tritt und Menschen als Bündel von Chemie, Fleischmasse und Trieben sieht?« Früher brachten Drogen und sexuelle Freizügigkeit die Jugend auf die schiefe Bahn. Heutzutage gehen Heranwachsende in den Biologieunterricht und sehen hinterher nur noch menschlichen Hackepeter. Was mag Ruch zu dieser Annahme verleiten? Die Antwort steht in seinem Buch: »Manche Menschenbilder können den Ekel des Erfinders vor sich selbst kaum verbergen.«
Wenn Ruch die Menschheit vor lauter Fleischbergen nicht mehr sieht, weiß er aber zumindest, welchen Naturwissenschaftler er vor allen anderen anklagen kann: Charles Darwin habe eine »Mord-und-Totschlag-Theorie auf alle Lebewesen der Erde« übertragen. »Nicht nur durfte fortan der Starke den Schwachen treten, er schien im Auftrag der Evolution sogar dazu beauftragt zu sein«, so der Chefunterhändler. Zwar belegt kein Geschichtsbuch für das Jahr 1859, in dem »On the Origin of Species« veröffentlicht wurde, einen epidemischen Ausbruch von Mord und Totschlag, der auf Darwins Theorie zurückzuführen wäre. Und das survival of the fittest beschreibt nicht das Überleben der Starken auf Kosten der Schwachen, sondern das der am besten Angepassten. Doch das Urteil ist gefällt.
Schärfer fällt es nur noch in einem anderen Fall aus. »Kein Denker regiert unsere Welt heute mit seinen Vorstellungen vom Menschen mehr als Sigmund Freud«, schreibt Ruch. Es handelt sich offenbar um eine Schreckensherrschaft. »Es sind die bildwütigen, widerwärtigen Unterstellungen Sigmund Freuds, die aus dem Menschen etwas Hässliches, Trauriges und Verletztes machen.« Mit der Zerstückelung der »Seele« – eine Lieblingsvokabel des Chefunterhändlers – in verschiedene psychische Instanzen und der Konzentration auf ungelöste und verdrängte Konflikte der Vergangenheit mache Freud aus »den größten Helden introvertierte Eigenbrötler«. Dass er verweichlichte Jammerlappen hervorbringt, ist sogar von weltgeschichtlicher Bedeutung. »Man kann von Glück reden, dass die Mitglieder der Weißen Rose Freuds Werk nicht kannten.« Sonst wären sie nicht unterm Fallbeil, sondern als Stubenhocker geendet. Was im Umkehrschluss wohl bedeutet: Freud hat den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wahrscheinlich entscheidend geschwächt.
Die Psychoanalyse selbst verursacht Ruch zufolge Schwäche und Depressionen. Doch es gibt Heilung. »Die Seele eines vermeintlich ›psychisch kranken‹ Menschen kann durch die Winzigkeit eines Satzes«, so weiß Ruch, »wieder ins Lot gebracht werden.« Das funktioniert sogar in Gruppentherapie: »Das richtige Wort, gesprochen in einem Moment tiefster Erschöpfung, richtet ganze Völker wieder auf.« Und überhaupt: »Nichts von dem, was jemandem im Leben zustoßen mag«, kann die »Seele« umbringen.
Ohne die Schwäche auszumerzen und den Kult der Stärke zu pflegen, klappt es mit der »politischen Schönheit« eben nicht. »Der Opfer-These steht die Sicht des Machers gegenüber, der die Welt bestimmt und ihr seine Eindeutigkeit gibt«, schreibt der Chefunterhändler. Der starke Macher bekennt sich zur Sache und handelt. Dann brechen schöne Zeiten an: »In einer Seele, in der das Erdbeben der Schönheit ausgebrochen ist, lassen sich keine ›sicheren‹ Häuser bauen. Einmal losgetreten, hält nichts und niemand dieses Beben auf. Schönheit ist das Erdbeben unserer Existenz.« Man muss allerdings kein Geologe sein, um zu wissen: Wo ohne Vorwarnung die Erde bebt und keine sicheren Häuser stehen, gibt es Tote.
Das Erlebnis des großen Bebens, die Naturgewalt eines alles umwälzenden Ereignisses wäre Ruch sicher eine Freude, bräche so doch das Ende der »spirituell extrem ausgetrock­neten Zeiten der Moderne« an. Die Grenzstreitigkeiten »zwischen religiöser und wissenschaft­licher Weltauslegung« wären zugunsten ersterer beseitigt. Starke Macher hätten die Schwäche und »Kraftlosigkeit« hinweggefegt. Statt der »Blausäure der Individualität« und der verschiedenen Sphären von Staat und Gesellschaft gäbe es nur noch ein »Wir« – das nicht nur im Titel des Buchs zu finden ist, sondern Ruch ein derartiges Anliegen ist, dass es auf jeder Seite mindestens fünf Mal steht.
Mit der autoritären Sehnsucht nach starken Lenkern, dem wutschäumende Antimodernismus, der dumpfen Abscheu vor der Psychoanalyse und dem Drang nach Tat und Erlebnis, um nur einige Leidenschaften Ruchs zu nennen, bedient er sich so reichhaltig aus dem Arsenal der extremen Rechten, als befände er sich im Jahr 1925 und wolle sich an die Spitze der sogenannten Konservativen Revolution schreiben. Das scheint die Freunde des Zentrums nicht weiter zu stören, schließlich machen Ruch und seine Mitstreiter was mit Flüchtlingen – das ist gut und wird belohnt. Noch im Dezember erhielten die Aktionskünstler den Amadeu-Antonio-Preis. Das »Zentrum für po­litische Schönheit« dürfte also auf absehbare Zeit trotz der antimodernen Tiraden seines Leiters der Berliner Flagshipstore für politische Verblödung bleiben.

Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. Ludwig-Verlag, München 2015, 208 Seiten, 12,99 Euro