Die Dokumentation »Brevet«

Halluzinationen auf der Langstrecke

Die gelungene Dokumentation »Brevet« begleitet drei ambitionierte Hobby-Radfahrer auf der berühmten Route Paris-Brest-Paris.

Bei gemütlichem Tempo braucht man mit dem Auto von Paris bis zur schönen Hafenstadt Brest am Atlantik knapp sieben Stunden, mit der Bahn sogar nur viereinhalb. Und es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund, diese Strecke mit dem Fahrrad zu fahren. Trotzdem kommen alle vier Jahre mehrere Tausend Menschen aus aller Welt zusammen, um genau dies zu tun – und dann auch noch direkt nach der Ankunft in Brest den ganzen Weg in die französische Hauptstadt zurückzustrampeln. 615 Kilometer hin, 615 Kilometer zurück. Von diesen ambitionierten Hobbyradlern erzählt der sehenswerte Dokumentarfilm »Brevet«, der kürzlich in Hamburg seine Kino-Premiere hatte und mittlerweile auf DVD erhältlich ist. Der Hamburger Doku-Filmer Michael Reis-Müller war im August vergangenen Jahres mit der Kamera dabei, um die Faszination dieser sympathisch-irrsinnigen Veranstaltung einzufangen. »Ich habe mich ganz einfach gefragt: Warum machen die das?« sagt Reis-Müller beim Interview. »Warum nehmen Menschen diese Anstrengung freiwillig auf sich, und was herrscht da vor Ort für eine Stimmung?«
Die Historie geht zurück bis ins vorvergangene Jahrhundert. Erstmals wurde 1891 auf der Route Paris-Brest-Paris ein Radrennen für Profis und Amateure ausgetragen, 206 Franzosen gingen bei der Premiere an den Start. Der schnellste Profi kam nach etwas mehr als 71 Stunden ins Ziel, der letzte Amateur benötigte mehr als zehn Tage. 1931 durften die Amateure nicht mehr gemeinsam mit den Profis antreten, sondern mussten die Route auf einer eigenen Veranstaltung im sogenannten Audax, in einem geschlossenen Verband, fahren. Als Reaktion auf diese bei vielen Amateuren unbeliebte Regeländerung wurde im selben Jahr der auch heute noch ausgetragene Brevet ins Leben gerufen, bei dem die Teilnehmer allein oder in kleinen Gruppen fahren und ihr Tempo selbst bestimmen.
Das wohl wichtigste Merkmal eines Brevet: Es handelt sich dabei nicht um ein Rennen. Niemals sollte man in Gegenwart eines leidenschaftlichen Brevet-Fahrers diese Veranstaltung als Rennen bezeichnen – andernfalls sind einem ein sehr langer Vortrag sowie ewiger Zorn sicher. Denn es geht nicht um Wettkampf, sondern darum, eine bestimmte Langstrecke ­innerhalb eines vorgegebenen Zeitlimits zu fahren und dabei den eigenen Rhythmus zu finden. Die Fahrer sind weitestgehend auf sich allein gestellt und selber für Verpflegung, Ma­terial, Pausen und alles weitere Wichtige verantwortlich. Sie sind im normalen Straßenverkehr unterwegs und müssen sich an Kontrollpunkten einen Stempel geben lassen. Brevets kommen meist ohne große Sponsoren aus, sie haben keine kommerzielle Ausrichtung. Radsportler, die sich diesem Stil verpflichtet sehen, bezeichnen sich als randonneurs, was im Französischen »(Rad)Wanderer« bedeutet. Der idealtypische randonneur misst sich nicht mit anderen, sondern stellt sich eine Aufgabe, die er bewältigen will. Für die 1 230 Kilometer lange Strecke Paris-Brest-Paris haben die Teilnehmer maximal 90 Stunden Zeit. Manche nutzen das Limit vollständig aus, andere verzichten auf lange Schlafpausen und brauchen weniger als 50 Stunden.
Die Doku von Michael Reis-Müller begleitet drei der knapp 6 000 Fahrer. Die 38jährige Sina fuhr 2011 zum ersten Mal bei diesem Brevet mit und will ihre damalige Zeit unterbieten. Der 36jährige Michael hat erst vor kurzem ­seine Leidenschaft für Brevets entdeckt und ist zum ersten Mal dabei. Der 72jährige Claus ist ein Radsport-Urgestein, in der Szene bekannt und nimmt zum siebten Mal teil. Er betrachtet den Stil der randonneurs als Lebensphilosophie und stellt schöne Analogien zwischen dem Brevet und dem Leben an sich her. Alle drei konnte das siebenköpfige Film-Team über eine Smartphone-Funktion zu jeder Zeit orten und aus dem Auto heraus während der Fahrt sowie bei Pausen an den Kontrollposten interviewen. Die drei Protagonisten waren gut gewählt, sie berichten auf sympathische und nachvollziehbare Weise von ihrer Motivation und ihren Empfindungen während der Tortur. Anfangs herrschen Vorfreude und Euphorie, aber je länger sie unterwegs sind, desto mehr kriechen sie auf dem Zahnfleisch. Kälte, Schlafmangel und die hügelige Strecke machen ihnen sichtbar zu schaffen. Sogar von Halluzinationen ist die Rede. Der Film fängt die Strapazen und den Schmerz gnadenlos ein, als Zuschauer leidet man mit.
Viele Bilder der Doku sind eindrucksvoll. Schöne französische Dörfer, wie man sie aus dem Urlaub oder von den »Tour de France«-Übertragungen kennt, die Straßen bei Nacht, weite Felder und schmerzverzerrte Gesichter. Immer mal wieder beweist Reis-Müller Sinn fürs Detail – eine kurze Umarmung zwischen zwei Fahrern, eine Getränkedose, eine rasselnde Fahrradkette. Kleinigkeiten, die zum Verständnis des ganzen Unterfangens beitragen und die besondere Stimmung bestens vermitteln. Überraschend gut passen dazu die entspannten Americana-Songs des Hamburger Musikers Digger Barnes, die man eher in einem Western oder Truckerfilm erwarten würde. Da die Doku ohne Voice-over auskommt, werden die allgemeinen Charakteristika eines Brevet sowie die Eigenarten von Paris-Brest-Paris erst nach und nach über die O-Töne vermittelt. Für Fachfremde ist das ein Nachteil: Wer noch nie etwas von einem Brevet gehört hat, muss ein bisschen zu lange warten, bis die wichtigsten Fragen geklärt sind.
Immer wieder kommen auch andere Beteiligte als die drei Protagonisten zu Wort, wird das Drumherum präsentiert. So sind überall an der Strecke Freiwillige im Einsatz, die Essen und Schlafplätze bereitstellen, beim Reparieren helfen oder einfach nur enthusiastisch die Teilnehmer anfeuern. Unter den Fahrern ist die Stimmung angenehm. »Die Radsportwelt ist eigentlich von einem starken Konkurrenzdenken geprägt, aber bei den Brevets ist das anders«, sagt Reis-Müller. »Es gab bei früheren Ausgaben von Paris-Brest-Paris auch mal Probleme mit Ehrgeizlingen, denen es zum Beispiel an den Kontrollstellen zu langsam ging und die dann unfreundlich wurden, aber das sind Ausnahmen gewesen. Missgunst, Protzerei oder Lästereien habe ich nicht beobachtet, dafür immer wieder kleine Gesten der Solidarität und einen respektvollen Umgang miteinander. Man sollte das nun auch nicht überhöhen und diesen Brevet als Oase in einer von Konkurrenz geprägten Sportwelt interpretieren, aber die Stimmung war schon sehr angenehm.«
1 000 Fahrer mussten aufgeben, die drei aus der Doku sind halbwegs zufrieden wieder in Paris angekommen. »Natürlich haben alle Teilnehmer auch eine Art von Leistungsgedanken, sonst wären sie nicht dabei«, sagt Reis-Müller. »Aber sie machen das in erster Linie für sich und entziehen sich dabei jeder ökonomischen Rationalität. Riesiger Aufwand, so gut wie kein Ertrag. Man bekommt eine Medaille, wenn man es geschafft hat, aber keine besondere Auszeichnung für eine gute Platzierung. Mir haben die Dreharbeiten unter anderem gezeigt: Wenn Menschen etwas freiwillig machen, dann können sie auch in der größten Anstrengung Befriedigung finden.«

»Brevet« ist als DVD erhältlich und als Video on Demand bei Vimeo abrufbar

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