Das neue Album von »Animal Collective«

Malen mit den Höhlenmenschen

Kaum eine Band konnte in den vergangenen Jahren derartige Jubelstürme unter progressiven Musikfans auslösen wie Animal Collective. Für ihr jüngstes Album »Painting With« greift die Band auf einige Ursprungsmythen zurück.
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Im Jahre 1966 fanden in den Studios der United Western Recorders in L.A. die wohl berüchtigtsten Aufnahmesessions der Popgeschichte statt: Feuer im Aufnahmeraum, ein Orchester mit Feuerwehrhelmen und zerkaute Karotten als Percussion, dazu Brian Wilsons langsamer Abstieg in den Wahnsinn – das Album »Smile«, das »Sgt. Pepper« der Beach Boys, wurde nie vollendet. 50 Jahre später heißen die Studios am Sunset Boulevard EastWest und das Animal Collective lässt Dinosaurierfilme in Dauerschleife laufen, stellt ein Planschbecken auf und setzt die Sänger auf hohe Podeste, um den Sound möglichst luftig zu machen – und das Ergebnis der Sessions, das Album »Painting With«, ist das bislang zugänglichste der Band geworden, obwohl es wieder knallt, fiept und knattert wie eine Kirmes und zugleich harmoniert wie der Pop in der goldenen Zeit der Sechziger.
Dabei waren die Voraussetzungen ihres elften Albums nicht die besten. Die Sensibilität für die ästhetischen Stimmungen der Gegenwart, die die Band aus Baltimore in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts auszeichnete, war auf dem komplexen, aber energiearmen »Centipede Hz« von 2012 verschwunden, Dave Portner, besser bekannt als Avey Tare, Noah Lennox (Panda Bear), Brian Weitz (Geologist) und Josh Dibb (Deakin) verließen den Band-Kontext nur zu gerne, um ihre Solo-Projekte zu verwirklichen – Deakin fehlt auch auf den Aufnahmen zu »Painting With«.
Die übrigen drei brauchten offenbar im Studio allerlei Tricks zum Wohlfühlen und fanden in der Geschichte der Malerei Metaphern für ihren neuen Sound. »Niemand von uns hat wirklich Ahnung von den technischen Dimensionen und der akademischen Sprache der Musik. Wenn wir uns darüber unterhalten, in welche Richtung wir unsere Musik entwickeln wollen, verwenden wir vi­suelle Stichworte, Gesten, eine bildhafte Sprache. Bei den neuen Songs war es oft die Sprache der Malerei: Farbe, Pinselstriche, Texturen«, erläutert Noah Lennox in einem Berliner Café bei heißer Zitrone. Lennox ist der Rhythmusgeber des Kollektivs, ein sympathischer, zurückhaltender, gewitzter Gesprächspartner – und als Panda Bear der erfolgreichste Solo-Künstler des Kollektivs: Sein Album »Person Pitch« von 2007 gilt vielen Musikkritikern als eines der visionären des vergangenen Jahrzehnts.
Vor allem die Formsprachen des Kubismus und Dadaismus haben es den Musikern an­getan. Der ersten Single »FloriDaDa« gab jener eine gute Portion überschäumender Absur­dität mit. Der Kubismus mit seinen verzerrten Gesichtsdarstellungen inspirierte hingegen vor allem die Struktur der Songs: »Wenn man an den klassischen Popsong denkt, mit Strophen und Refrains, vielleicht einer Bridge, all das ist noch immer präsent in unseren Songs, aber alles ist verschoben und anders arrangiert, Partien sind verlängert oder gänzlich gekappt. Die Vorstellung von Kubismus als verstörter Sichtweise von Realität, das entspricht der Form der Songs.« Es scheint, als habe auch auf »Painting With« etwas eine Form gefunden, was Animal Collective immer inter­essant gemacht hat.
Die Musik des Kollektivs ist ein Wandeln im Unentschiedenen, ein ewiges psychedelisches Anderswerden; Animal Collective, und das beflügelt die Auseinandersetzung mit der Band seit ihren Anfangstagen, begnügten sich nie mit dem zeitgenössischen Spiel mit Zitaten, Zeichen und Referenzen, das für die Retromanie seit der Jahrtausendwende so ­typisch ist.Kaum ein Album seit dem Debüt »Spirit They’re Gone, Spirit They’ve Vanished« (2000), das nicht diese Selbstbezogenheit hinter sich lassen wollte – wenn auch selten so greifbar wie in den Pophits auf »Merriweather Post Pavilion«, dem Album, mit dem Animal Collective 2009 aus dem Underground heraustraten. Da war auch das nervöse Zittern und die eigenwilligen Strukturen von »Here Comes the Indian« (2003) sowie der entrückte Spät-Sixties-Pop von »Feels« (2005). Dass das funktionierte, liegt vor ­allem am völlig unakademischen Ansatz, an der scheinbar intuitiven Energie, die in diesen Experimenten eher steckte als eine ausgetüftelt-distanzierte musikwissenschaft­liche Versuchsanordnung. Live verzehrte die Musik die Musiker, die oft, beinahe hospitalistisch ihre Körper wiegend, ihrer musikalischen Schöpfung ausgeliefert schienen, rituelle, agnostische Orgien, die völlig am dämlichen Paganen vorbeiflogen, spirituelles Pastiche mit voller Wirkung.
Und dann waren Animal Collective selbstverständlich ein Geschenk für die dahinsiechende Poptheorie, die sich hier noch einmal richtig ins Zeug legen konnte: Der musikalische Entwurf ist, mochte man orakeln, schon nicht mehr die klassische Struktur des Popsongs (obgleich diese Lieder in der Tradition der Beach Boys und der Beatles wurzeln), ist aber auch noch nicht auf dem Pfad der elektronischen Musik. Wenn der Kulturtheoretiker Mark Fisher in »Gespenster meines Lebens« das Abhandenkommen der Zukunft in der Präsenz aller Geister der Vergangenheit feststellt, scheint sich das in der Musik des Kollektivs zu bestätigen. Aber das Animal Collective konnte immerhin ganz für die Gegenwart stehen. Waren die Texte bislang, wo die Musik sich freigespielt hatte, oft banalstes Biedermeier – fast, als müssten die Lyrics einfangen, was anderswo ausbrach – so sind es nun düstere Betrachtungen über Krieg, das Unbehagen der Geschlechter und Gedärm.
Für das jüngste Album greift die Band auf alte Ursprungsmythen zurück: Beatles, Ramones und Urmenschen. Das Motiv der Ramones steht dabei für kurze Songs und durchgängige Energie, die Höhlenmenschen dafür, »etwas Einfaches zu machen, nicht blumig, keine Ornamente, sondern grob und zwingend. Was Hand in Hand mit dieser Ramones-Idee geht.« Drittes entscheidendes Element auf »Painting With« ist der Gesang: »Wir wollten Musik schreiben für zwei Sänger, die klingen wie eine einzige Stimme. Wie eine zittrige, abseitige Stimme. Jedenfalls nicht so, dass es eine Hauptstimme gibt und eine nachgeordnete. So, dass die Stimmen umeinander tanzen.« – Der gleichberechtigte Tanz der Elemente.
Dennoch ist es kein einfaches Back-to-basic-/Meta-/Punk-Album nach dem Prog-Album »Centipede Hz« geworden. Erstmals entwickelten sich die Songs nicht live, sondern erst im Studio. »Neue Songs zu spielen ist wie die Arbeit mit Zement. Wenn du das zum ersten Mal machst, gießt du den Zement in die Form, und mit jedem Spielen härtet das Lied aus« – diesmal bewahrte man sich hingegen eine höhere Flexibilität. Zumal so nicht alle Mitglieder stets etwas spielen müssen, was auf der Bühne rasch automatisch geschieht – die Songs klingen nackter, ohne minimalistisch zu sein. Und »Painting With« ­integriert erstmals Sounds wie die Viola des Velvet-Underground-Mitgründers John Cale, der auch bei der Produktion mit Tipps behilflich war, und das Saxophon Colin Stetsons – ein Sound, den Noah Lennox eigentlich hasst: »Das ist wie in der Schule: Niemand ist gern das Kind, das zuletzt in ein Team gewählt wird. Also, lasst uns einen Platz für das Kind finden, vielleicht kann es das Team viel besser machen. Für mich waren die Blechbläser dieses Kind.«
Aber tanzende Stimmen hin, die beste Queer-Politics-Hymne (»Golden Gals«), die je von weißen, heterosexuellen Männern geschrieben wurde, her: Die Gefahr, dass Animal Collective und ihr Bricolage-Sound langfristig der Hair-Metal der nuller Jahre werden – eine Musik, die nur in einer bestimmten Zeit funktionierte und später keinen Bezug zur Gegenwart mehr fand –, bleibt trotz der Inno­vationen, Intensitäten und Energien von »Painting With« präsent. Noah Lennox gibt sich unbeeindruckt: »Letztlich weiß doch niemand, wohin sich das alles bewegt. Wir freuen uns auf neue Wege, neue Orte. Ob die Kultur uns dahin folgen wird – wer weiß.«

Animal Collective: Painting With. (Domino Records/Goodtogo)