Eine Kritik des Begriffes »Klimaflüchtling«

Dem Klima entfliehen

Das neue Horrorszenario für den Wohlstandsbürger heißt »Klimaflüchtlinge«. Dabei gibt es die gar nicht.

Von Ivo Bozic
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Flüchtlingshysterie allerorten. Pegida freut es. Und dann ist da ja nicht nur der Krieg in Syrien, die Armut in Afrika – jetzt sollen auch noch zig Millionen »Klimaflüchtlinge« die Industrieländer »überschwemmen«, hört man. Schaffen »wir« das auch noch? Da macht sich die FAZ schon Sorgen, wie »wir« die wieder loswerden sollen: »Die reichen Staaten sollten sich auf eine andere, gewaltige Flüchtlingsbewegung gefasst machen: die Klimaflüchtlinge. Deren Abweisung dürfte noch schwieriger werden.« Was für die FAZ noch Projektion ist, ist bei anderen schon Realität. Da behauptet etwa Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion: »Die Folgen des Klimawandels haben zwischen 2008 und 2014 rund 166 Millionen Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.« Die Zahl kann der Mann nur vom Internal Displacement Monitoring Center (IDMC) haben, demzufolge im Durchschnitt 26,4 Millionen Menschen jährlich aufgrund von Naturgewalten ihre Heimat verlassen haben. Darunter fallen jedoch auch Erdbeben und Vulkanausbrüche, Tsunamis und Umweltkatastrophen, also punktuelle Verschmutzungen oder Übernutzungen.
Immerhin noch 22,4 Millionen Menschen sollen es dem IDMC zufolge jährlich sein, deren Flucht in irgendeiner Weise mit Klima oder Wetter zu tun habe. Doch auch bei Überschwemmungen, Dürren und Wirbelstürmen ist der Zusammenhang mit dem Klimawandel oft sehr fraglich. Die meisten Fluten und Dürren des vorigen Jahres werden eher mit dem El Niño genannten Phänomen in Zusammenhang gebracht – dem Stillstand oder der Umkehr der normalen Meeresströmungen im südlichen Pazifik. Seit Menschengedenken wiederholt sich dieses Phänomen alle zwei bis acht Jahre. 2015 war wieder ein Jahr, in dem El Niño auftrat, mit der größten Stärke seit 15 Jahren.

Ähnlich wie der Eisbär auf seiner schmelzenden Scholle dienen vor allem die Bewohner pazifischer Inseln als Symbolfiguren für die Bedrohung durch den Klimawandel. Manche Inselstaaten im Südpazifik würden bereits jetzt »buchstäblich im Meer versinken«, hieß es kürzlich sogar in der Jungle World (50/2015). Tatsache ist: Bisher ist nicht eine einzige Insel wegen des steigenden Meeresspiegels untergegangen. Vielmehr sind in den vergangenen 60 Jahren mindestens 13 neue Vulkaninseln entstanden, von denen sieben allerdings wieder untergegangen sind, weil ihr aus Asche bestehender Boden nicht stabil genug war. Allerdings könnte ein steigender Meeresspiegel in der Zukunft kleine Inseln und Atolle im Pazifik und Küstenregionen überall auf der Welt bedrohen. Bis zum heutigen Tag ist jedoch noch kein Mensch aus diesem Grund zum Klimaflüchtling geworden. Die Patriotischen Europäer gegen die Pazifikisierung des Abendlandes können also erst mal locker bleiben.
Ein anderes Beispiel für Länder, aus denen ein »Flüchtlingsstrom« drohe, ist Bangladesh. Das arme Land gilt als besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels. Schon jetzt seien unzählige Menschen emigriert, weil Grundwasser und Böden durch den steigenden Meeresspiegel versalzen würden, liest man. Schaut man etwas genauer hin, stellt man fest: Gerade in Bangladesh kommen derart viele Faktoren zusammen, dass es kaum möglich ist zu sagen, was davon auf den Klimawandel zurückzuführen ist und was nicht. Das Land liegt im größten Flussdelta der Welt und hatte schon immer mit extrem widrigen geographischen und klimatischen Verhältnissen zu kämpfen. Das Grundwasser ist stark mit Arsen belastet. Seitdem Indien den Oberlauf des Ganges staut, ist die Süßwasserzufuhr nach Bangladesh gedrosselt, wodurch Mangrovenwälder eingehen, die den einzigen natürlichen Schutz vor Stürmen und Überschwemmungen bieten. Die Textilindustrie und viele andere Fabriken und Gerbereien haben enorme Umweltschäden angerichtet. Die armen Landwirte an der extrem dichtbesiedelten Küste haben ihre Produktion mehr und mehr auf Garnelenzucht umgestellt und dazu enorme Flächen an Mangrovenwäldern gerodet und zudem ganze Landstriche mit Salzwasser überschwemmt, was ebenfalls zur Versalzung beiträgt und fruchtbares Acker- und Weideland zerstört hat. Nicht zuletzt gehört in diese Rechnung die Übernutzung der Süßwasservorräte, wodurch Meerwasser leichter ins Grundwasser eindringen kann. Der steigende Meeresspiegel kommt dann noch dazu. Natürlich verlassen viele Menschen angesichts dieser Zustände Bangladesh, sie als »Klimaflüchtlinge« zu bezeichnen, wäre jedoch unseriös.

Theoretisch lässt sich natürlich bei allen Krisen irgendwie auch ein Zusammenhang mit dem Klima oder den Umweltbedingungen herstellen. Selbst der Bürgerkrieg in Syrien, der die größte Flüchtlingsbewegung der vergangenen Jahre ausgelöst hat, soll Prinz Charles zufolge klimabedingt sein. »Es gibt sehr gute Hinweise, dass einer der hauptsächlichen Gründe für dieses Grauen in Syrien in der Tat eine Dürre war, die etwa fünf oder sechs Jahre dauerte«, sagte der britische Thronfolger in einem Interview des Senders Sky News. Das ist natürlich perfide. Kein Mensch verhungert oder verdurstet wegen Dürre oder Hitze. Sonst wären Dubai, Singapur und Katar sicher nicht solch florierende Ökonomien. Ob eine Missernte den Hungertod bedeutet oder nur den Verzicht auf den Zweitwagen, darüber entscheidet nicht das Klima, sondern die wirtschaftliche Lage. Hitze muss man sich, ebenso wie Kälte, leisten können. »Unsere Menschen sterben nicht am Klimawandel, sondern an Armut und Bildungsmangel«, zitierte die Taz Arjumand Habib vom Zentrum für Sturmwarnung in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs.
Wenn Menschen heutzutage wegen Wetterphänomenen oder Umweltveränderungen ihre Heimat verlassen, dann gehen sie übrigens selten ins Ausland. Untersuchungen zeigen zudem, dass Menschen, die zum Beispiel mit einer Versalzung oder einem langsamen Austrocknen der Böden zu kämpfen haben, so lange wie möglich versuchen, sich anzupassen. Wer wirklich flieht, tut das wegen akuter Katastrophen wie Hurrikanen oder Fluten. Da der Klimawandel eine sehr langsame Angelegenheit ist, besteht für die Angst vor einer unberechenbaren »Klimaflüchtlingswelle« also kein Grund.
Dennoch warnt der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), Deutschland müsse mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen, einer Zahl, die die Internationale Organisation für Migration (IOM) als Prognose für 2050 in die Welt gesetzt hat. Man hat dazu einfach sämtliche Bewohner möglicherweise vom Klimawandel besonders betroffener Regionen addiert. Die britische NGO Christian Aid spricht sogar von bis zu einer Milliarde Klimaflüchtlingen in den nächsten 50 Jahren. So wird der Diskurs über die Klimaflüchtlinge angeheizt – von jenen, die ein Interesse am Szenario einer drohenden Überfremdung haben, ebenso wie von jenen, die das oft eher abstrakte Thema Klimawandel gerne konkretisieren und weiter emotionalisieren wollen. Neuseeland hat 2014 beim Antrag einer Familie aus dem pazifischen Inselstaat Tuvalu auf Bleiberecht den Klimawandel als Gefahr zumindest mitberücksichtigt. Sigeo Alesana, seine Frau und die beiden Kinder dürfen in Neuseeland bleiben, da die Kinder besonders stark durch Naturdesaster und Folgen des Klimawandels gefährdet seien. Grund war jedoch auch, dass bereits die gesamte Verwandtschaft der Familie in Neuseeland lebt. Dennoch wurde der Fall in der Öffentlichkeit hochgejazzt, die Welt hatte endlich ihre »ersten anerkannten Klimaflüchtlinge«.

Längst setzen sich auch andere Länder für die Anerkennung von Klimaflüchtlingen ein.Auch die deutsche Bundesministerin für Umweltschutz, Barbara Hendricks zählt zu den Befürwortern: »Es wäre Aufgabe der Vereinten Nationen, dafür eine Kategorie zu schaffen«, erklärte sie. »Derzeit ist es leider so, dass jemand, der aus Klimagründen zu uns kommt, von vielen als sogenannter Wirtschaftsflüchtling denunziert wird.« Aber ist es nicht vielmehr so, dass jeder, dem nicht gerade sein Haus direkt unterm Hintern weggebombt worden ist, hierzulande als »Wirtschaftsflüchtling« denunziert wird? Wogegen nicht ein einziger Fall in Deutschland bekannt ist, bei dem sich ein Asylsuchender als »Klimaflüchtling« bezeichnet hätte. Und wie will Hendricks unterscheiden, ob jemand ein guter Klima- oder ein böser Wirtschaftsflüchtling ist? Die Zeit schrieb bereits 2013 treffend: »Ist ein afrikanischer Kleinbauer, der wegen seines erodierten Bodens und daraus folgenden Ernterückgängen migriert, gleich ein Umweltmigrant? Oder ist er wegen fehlender alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten ein Wirtschaftsmigrant? Es ist kaum möglich, solche Fragen eindeutig zu beantworten.« Auch stellt sich die Frage, warum ein Mensch, der wegen einer klimabedingten Überschwemmung flieht, schutzbedürftiger sein soll, als jemand, der wegen eines Erdbebens emigrieren musste oder als ein »Wirtschaftsflüchtling«, der schlicht der Armut zu entkommen sucht. Dies zeigt, dass die Forderung nach Anerkennung von Klimaflüchtlingen nicht etwa Ausdruck einer neuen globalen Solidarität ist, sondern der Wunsch nach der weiteren Klassifikation von Flüchtlingen und nach Auf- und Abwertung von Fluchtursachen.
Überdies basiert die Forderung nach Anerkennung von »Klimaflüchtlingen« oft auf romantischen Vorstellungen von unschuldigen Opfern einer in weiter Ferne verursachten Katastrophe. Doch nicht jeder, der aus Tuvalu oder von einer anderen Südseeinsel kommt, ist ein armer Fischer mit Baströckchen und Federn im Haar, wie ihn sich manch ein Klimaaktivist vielleicht vorstellt. Die Malediven betreiben einen Tourismus, der voll und ganz auf den Flugverkehr setzt, weil die Inseln anders kaum erreichbar sind. Sie tragen also mit Schuld am CO2-Ausstoß.
Das Problem ist weniger, dass der Klimawandel möglicherweise neue Flüchtlinge produzieren wird, sondern dass es bis heute keine vernünftige Aufnahmeregelung für Menschen gibt, die aufgrund einer Überschwemmung oder anderer Naturkatastrophen ihr Herkunftsland verlassen. Das Asylrecht greift bei ihnen nicht, die Genfer Flüchtlingskonvention auch nicht. Norwegen und die Schweiz haben deshalb 2012 die Nansen-Initiative ins Leben gerufen, um den rechtlichen Schutz von Menschen, die vor Naturkatastrophen ins Ausland fliehen, zu verbessern. Tatsache ist, dass die Zahl der Flüchtlinge aus ganz verschiedenen Gründen in den nächsten Jahrzehnten nicht abnehmen, sondern eher zunehmen wird. Sicher ist aber auch, dass mit der Etablierung des Begriffs »Klimaflüchtling« eher neue Strategien zur Abwehr von Flüchtlingen als zu ihrer Aufnahme einhergehen.