Wenn Menschen Tiere beobachten

Der Blick in den Spiegel

Tierisches Verhalten wird häufig durch Analogien zum menschlichen Verhalten erklärt. Das sagt jedoch über die beobachtenden Menschen selbst mehr aus als über die Tiere.

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Da waren die Insektenkundler der University of Arizona emsig wie die Ameisen. Um herauszufinden, wie eine kleine Ameisenart ihre Tagesgeschäfte organisiert, hatten die Forscher die winzigen Tierchen der Art Temnothorax rugatulus einzeln farbig markiert und dann per Kamera ihr Treiben aufgezeichnet. Ameisen sind bekanntlich sehr soziale Tiere, bei denen die einzelnen Individuen bestimmte Aufgaben übernehmen, je nach Anforderung, Jahreszeit oder Wetter. Und dann das: Beim genauen Blick in die Kolonie stellten die Forscher verblüfft fest, dass die Ameisen entgegen ihrem allgemeinen Ruf keineswegs dauernd damit beschäftigt waren, irgendwas zu tun. Im Gegenteil: Die Biester machen am liebsten gar nichts und hängen einfach nur irgendwo faul rum. Mal waren es weniger, mal aber auch bis zu zwei Drittel der Arbeiter, die gammelten. Und offenbar gab es einen ganzen Schwung ihrer Artgenossen, die im zweiwöchigen Beobachtungszeitraum gerade Urlaub hatten und überhaupt nichts Erkennbares taten. Oder waren das am Ende Ameisenpunks, die überhaupt nicht vorhaben, in die Wertschöpfungskette einzutreten? Vieles bleibt noch ungeklärt. Auf jeden Fall ist etwas faul im Staate der Ameisen.
Jenseits der biologischen Fachfragen sind es vor allem zwei Erkenntnisse, welche die Ameisenkundler mit ihrem im vergangenen Herbst veröffentlichten Bericht der Welt schenken. Erstens: Auch Faulsein hat wahrscheinlich einen biologischen Sinn und trägt damit unterm Strich zum Wohl der Allgemeinheit bei, denn sonst würde es kaum bei den Ameisen so verbreitet sein. Und zweitens: Das gängige Bild von der stets fleißigen Ameise, die bis zum Umfallen zum Wohl ihres Volkes schuftet, trifft gar nicht zu. Wenn das die Autoren der Bibel geahnt hätten! Denn im Sprüche-Buch (6,6 – 9) heißt es noch: »Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege und werde weise. Sie, die keinen Richter, Vorsteher und Gebieter hat, sie bereitet im Sommer ihr Brot, sammelt in der Ernte ihre Nahrung ein. Bis wann willst du liegen, du Fauler? Wann willst du von deinem Schlaf aufstehen?« Die eher fundamentalistisch orientierte Internetseite www.bibelstudium.de phantasiert zum Sprüche-Spruch: »Es ist bemerkenswert, dass nicht die Biene, sondern die Ameise als Vorbild für den Fleiß in der Schrift gezeigt wird. Und in der Tat gönnt sich die Biene auch so manche Ruhepause, während die Ameise beinahe unermüdlich rackert.« Woraus die Christradikalen schließen: »Wir sollen fleißig sein. In allen Bereichen unseres Lebens. Wir sollen auch dann fleißig sein, wenn niemand uns Druck macht. Wir sollen gute Tage nutzen, damit wir in schwierigen Tagen etwas haben – wie beispielsweise die Kenntnis der Schrift.« Wie es aussieht, wäre die Kenntnis der zoologischen Fachliteratur hilfreicher.

Die Ameisen aber sind wahrlich nicht der einzige Fall enormer Fehlinterpretation tierischer Eigenschaften. Geradezu prototypisch stehen dafür Schlangen. Sie gelten gemeinhin als falsch, böse und listig, aber auch als klug. Dummerweise sind sie nichts von alledem. Ihre intellektuellen Fähigkeiten sind generell als eher niedrig anzusetzen, sie haben nur eine geringe Lernfähigkeit, höhere geistige Leistungen sind von ihnen nicht bekannt. Der Eindruck des Bösartigen resultiert aus der realen Gefahr, die Giftschlangen für Menschen bedeuten, aber ein moralisches Urteil ist da natürlich fehl am Platz. Die Schlange beißt Menschen nur zur Selbstverteidigung, nicht weil sie ihnen Übles will oder sonst gerade nichts los ist in der Wüste. Das Falsche mag den Menschen in den Sinn gekommen sein, weil die Schlangenzunge gespalten ist, das Tier also »mit zwei Zungen spricht«. Nun sprechen Schlangen aber gar nicht, und die gespaltene Zunge dient vor allem der Aufnahme von Duftmolekülen aus der Luft, denn das Reptil riecht auf diese Weise.
Und so geht das immer weiter: Dass Tauben alles andere als besonders friedlich sind, weiß jeder, der sich mal länger auf eine Bank an einen Platz gesetzt und ihnen beim Herumpöbeln zugeschaut hat. Katzen sind in etwa so sanftmütig wie Hannibal Lecter, auch wenn ihre Halter in chronischer Wirklichkeitsverdrängung stur das Gegenteil behaupten – aber fragen Sie einmal eine Maus danach. Und Kühe, Esel und Kamele sind nicht dümmer als Pferde, denen im Gegensatz zu den anderen Huftieren aber Erhabenes angedichtet wird.
Natürlich gibt es auch Tiere, deren Zuschreibungen durchaus von der Realität gedeckt sind. Wie ein Murmeltier zu schlafen, ist fraglos beneidenswert, denn die moppeligen Riesennager haben in ihrer bis zu neunmonatigen Winterpause einen wahrhaftig gesegneten Schlaf. Und ein Pfau schlägt sein Rad tatsächlich, um Artgenossen klarzumachen, was für ein Supertyp er ist.

Unterm Strich aber verraten die Eigenschaften, die die Menschen ihren Mitgeschöpfen zuschreiben, vor allem etwas über diese selbst. Wie wenig diese Zuschreibungen mit den Tieren selbst zu tun haben, zeigt sich schon allein darin, wie gegensätzlich dieselben Arten in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten bewertet werden. Gilt das Kamel in Europa als blöd, ist es im arabischen Kulturkreis die Personifikation der Würde – nebst allerlei anderen positiven Eigenschaften. Und ist die Eule heute dank Harry Potter eher ein Sympathieträger, wurde in Indien einst noch jede Hütte niedergerissen, auf die sich einer der Vögel gesetzt hatte, so sehr war man davon überzeugt, dass die Eule Unheil verkünde – ein übrigens auch in Europa weitverbreiteter Glaube.
Tiere bilden eine perfekte Projektionsfläche für Menschen. Sie haben allerlei Eigenschaften, die man gerne auf sich bezieht, man deutet ihre Lebensäußerungen und ihre Erscheinung im menschlichen Kontext, nicht im biologischen. Es war ein mühsamer Weg der Aufklärung, überhaupt so etwas wie einen nüchternen, objektiven Blick auf sie zu werfen. Wer in den alten Ausgaben von »Brehms Thierleben« stöbert, findet endlose Ausführungen über halluzinierte Charakterzüge der betrachteten Arten, die allesamt mit der Realität nicht das Geringste zu tun haben und mehr über die Psyche des Autors verraten als über die Tiere, die er beschreiben will.
Inzwischen gibt es zwar ein weitverbreitetes Bemühen, Tiere so zu sehen, wie sie im biologischen Sinne tatsächlich sind, aber es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen. Menschen neigen zur Vermenschlichung von Tieren nach wie vor. Wie tief die Vorurteile und althergebrachten Charakterisierungen im kollektiven Bewusstsein verankert sind, zeigt die absurd-hysterische Debatte um die paar Wölfe, die erfreulicherweise inzwischen in Deutschland wieder frei herumlaufen. Man muss kein Fachmann für Tiersymbolik sein, um zu wissen, was dem Wolf alles zugeschrieben wurde im Lauf der Jahrhunderte. Da reicht ein Blick in jedes beliebige Märchenbuch. Und kaum taucht der scheue Canide wieder auf, drehen alle komplett durch, trauen sich nicht mehr in den Wald und fürchten um das Leben ihrer Kinder. Natürlich, Wölfe können Menschen gefährlich werden. Unter Umständen. Unter besonderen Umständen allerdings. Es ist also ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Menschen durch Wölfe ernsthaft zu Schaden kommen. Wer das nicht glaubt, schaue einmal in Länder mit vitaleren Wolfspopulationen. Um Schauergeschichten aus Russland ist die hiesige Presse normalerweise nicht verlegen, aber auffällig selten finden sich Berichte über von Wölfen zerfleischte Russen darunter. Auch in den USA hört man erheblich häufiger von Amok laufenden Menschen als von angreifenden Wölfen. Homo homini lupus, aber ausgerechnet beim echten Wolf schlottern alle vor Angst. Und steigen anschließend bedenkenlos in ein Auto.

Die Unfähigkeit, Tiere rational zu betrachten, findet man besonders ausgeprägt bei Tierschützern. Wer bei Facebook ein Foto von irgendeinem traurig dreinschauenden Hund einstellt und behauptet, das Tier sei gerade von jemandem geschlagen worden, erhält meist umgehend Forderungen nach der Todesstrafe für diese miesen Tierquäler. Denn der Hund gilt als edel, treu, rein und unschuldig. Und zwar bei den Leuten, die, nachdem sie Facebook verlassen haben, ohne mit der Wimper zu zucken ein aus dem Schweine-Martyrium der industriellen Massentierhaltung gewonnenes Kotelett in die Pfanne hauen. Voller Inbrunst halten diese Leute es für grausame Tierschändung, wenn Jäger streunende Katzen erschießen, weil die ja so lieb sind. Seltsamerweise aber finden dieselben Leute es ganz und gar nicht grausam, wenn jedes dieser so verschonten Haustiere anschließend einen Vogel nach dem anderen um die Ecke bringt.
Und auch viele moderne Tierrechtler schaffen es nicht, sich aus der Vermenschlichungsfalle zu befreien. »Artgerecht ist nur die Freiheit«, rufen sie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit und halten das für einen irgendwie emanzipatorischen Ansatz, argumentieren aber eher in einer Liga mit Brehm. Der Freiheitsbegriff ist ein sehr menschlicher, und dass, wie gerne argumentiert wird, beispielsweise das Entweichen aus einem Zoogehege damit zu tun hat, dass das Tier tatsächlich aus einer als Gefangenschaft negativ empfundenen Situation entfliehen will und nicht etwa einfach seinem Verhaltensrepertoire folgt und erkundet, was in der Umgebung so geht, ist doch sehr spekulativ. Der Eisbär läuft ja auch keineswegs durch die halbe Arktis, weil ihm das Wandern so große Freude bereitet, sondern weil er Robben finden muss, um zu überleben. Sind die in seiner Nähe gut verfügbar, bleibt er nämlich viel lieber gemütlich in seiner Höhle. Es sind bei vielen Tieren vor allem die Unglücklichen und Darbenden, die sich auf den Weg machen, während die Gutsituierten lieber am Futtertrog verharren – große Teile der Tierart Mensch verhalten sich ganz ähnlich. Zudem ist das Leben »in Freiheit« alles andere als ein Zuckerschlecken. So romantisch die Vorstellung des durch die unbegrenzte Savanne tollenden Zebras auch erscheinen mag, durchlebt so ein beliebtes Futtertier eben doch alle Naselang das Gefühl der Todesangst, von dem man im Gegensatz zur Freiheitsliebe ziemlich genau weiß, dass Tiere es nicht sonderlich schätzen. Von weiterer Unbill wie Hunger, Durst, Krankheiten und klimatischen Extremen ganz abgesehen.
Es spricht also recht viel dafür, dass die Belegung des »wilden Tiers« mit dem Adjektiv »freiheitsliebend« nur die moderne Variante des Glaubens an die arbeitsame Ameise ist. Das alles zeigt vor allem eines: Wenn der Mensch auf das Tier schaut, sieht er eben doch meistens nur sich selbst.