Der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates analysiert die struktuelle Gewalt gegen Schwarze in den USA

Die Erfindung der Rasse

Der schwarze Journalist Ta-Nehisi Coates fordert Reparationen für die Nachfahren der Sklaven. Sein Manifest »Zwischen mir und der Welt« wurde in den USA zum Bestseller.

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Ein unbewaffneter Schwarzer flüchtet in North Charleston nach einer Verkehrskontrolle vor einem weißen Polizisten und wird durch Schüsse in den Rücken getötet. Ein zwölfjähriger schwarzer Junge wird in Cleveland von einem Beamten erschossen, weil der dessen Spielzeugpistole für echt hielt. Die Liste ließe sich fortführen. Fast täglich endet ein Polizeieinsatz in den USA tödlich. Auffallend ist, dass die Einsätze mit Todesfolge oft in Gegenden mit großen sozialen Problemen stattfinden. Im Jahr 2015 gab es rund 1 200 Tote durch Polizeieinsätze, wie die Initiative »Killed by Police« feststellte.
Der US-amerikanische Journalist und Buchautor Ta-Nehisi Coates hat ein Buch über Rassismus in den USA geschrieben – in Form eines Briefs an seinen 15jährigen Sohn, in dem er die Familiengeschichte der Coates mit der kollektiven Geschichte schwarzer Amerikaner verbindet. Der dringliche Ton von »Between the World and Me«, das nun auf Deutsch unter dem Titel »Zwischen mir und der Welt« erschienen ist, aber auch die Analyse der strukturellen Gewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten sind bestechend. »Pflichtlektüre!«, sagte die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin von 1993, Toni Morrison, über »Between the World and Me« und verglich Ta-Nehisi Coates mit James Baldwin. Auf der Bestsellerliste der New York Times erreichte Coates’ Buch den ersten Platz.
Ta-Nehisi Coates, Jahrgang 1975, ist einer der interessantesten amerikanischen Intellektuellen der Gegenwart. Mit dem vor anderthalb Jahren erschienenen Essay »Plädoyer für Reparationen« trat er für eine Aufarbeitung der Sklaverei in den USA an. Seine Forderung nach Entschädigungszahlungen an schwarze US-Bürger polarisierte die öffentliche Meinung. Unbestritten ist, dass die Folgen der Sklaverei noch heute ökonomisch nachweisbar sind. So konstatiert Caotes in »Zwischen mir und der Welt«: »Der Vermögenswert weißer Haushalte ist etwa 20 Mal so hoch wie der schwarzer Haushalte. (…) An diesen Zahlen ändert auch nichts, dass es jetzt keine erniedrigenden ›Nur für Weiße‹-Schilder mehr gibt.«
Coates’ Vater gehörte der Black Panther Party an und gründete die Black Classic Press. Nun ist Ta-Nehisi Coates selbst Vater. Ausgangspunkt für »Zwischen mir und der Welt« war für Coates die Gewalt, die von Polizisten an Schwarzen verübt wird. Der Leser merkt schnell: Coates hat Angst um seinen Sohn im Teenager-Alter. Dabei rückt er den für Jugendliche so wichtig werdenden Körper ins Zentrum seiner Betrachtungen, allerdings nicht unter erotischer Prämisse, sondern unter dem Aspekt der Gefahr für Leib und Leben: »Ich schreibe dir jetzt in deinem 15. Lebensjahr. Ich schreibe dir jetzt, denn dies ist das Jahr, in dem du gesehen hast, wie Eric Garner erwürgt wurde, weil er Zigaretten verkaufte, im dem du erlebt hast, dass Renisha McBride erschossen wurde, weil sie Hilfe holen wollte, und dass John ­Crawford erschossen wurde, weil er durch ein Kaufhaus schlenderte.« Und Coates resümiert: »Und spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören (…). Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen.«
Rassismus ist Bestandteil der gesellschaftlichen Ideologie, denn die »Amerikaner glauben an Rasse als fest umrissenes, naturgegebenes Merkmal unserer Welt«, so Ta-Nehisi Coates. Für Amerikaner sei beispielsweise die Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner auf dem »Pfad der Tränen« ähnlich beklagenswert wie ein Erdbeben, ein Tornado oder jedes andere Phänomen, das des Menschen Werk übersteigt. Verantwortungsübernahme, Eingeständnis von Schuld und mögliche »Wiedergutmachtung« – auch wenn nur bedingt möglich –, sind so von vornherein ausgeschlossen. Gewalt wird bestenfalls bedauert, nicht aber reflektiert und ursächlich verstanden. Dabei, so Coates in einem Kapitel über die Ankunft der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent, seien »Rassen« nichts anderes als Fiktionen: »Die neuen Menschen waren etwas Anderes bevor sie weiß wurden – Katholiken, Korsen, Waliser, Mennoniten, Juden«.
Doch brachte die Erfindung der Rassen einen Machtgewinn mit sich, der nützlich war, um sich das neue Land anzueignen und später mit Hilfe von Sklaven wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen: »Die Definition eines ›Volkes‹ hatte nie etwas mit Abstammung und Physiognomie zu tun, sondern immer mit Hierarchie«, schreibt Coates. »Der Gedanke an die Überlegenheit von Haut und Haar, der Gedanke, diese Faktoren könnten eine Gesellschaft an­gemessen strukturieren und würden auf tiefere, unauslöschliche Eigenschaften hinweisen – das ist der neue Gedanke gewesen im Herzen dieser neuen Menschen, die rettungslos in dem tragischen Irrglauben genährt wurden, weiß zu sein.«
Allerdings gibt es in den USA seit dem Vorfall von Ferguson im Herbst 2014 eine Welle an öffentlicher Kritik an der verbreiteten Polizeigewalt. Im März 2015 hatte die US-Regierung eine Task Force ins Leben gerufen, um die Polizei zu reformieren. In dem Abschlussbericht finden sich nun andere Töne. Da ist von »friedlich«, »deeskalieren« und »Anti-Konflikt-Training« die Rede. Das lässt, auch wenn den edlen Worten noch Taten folgen müssen, zumindest Hoffnung aufkommen.
Zu den Veränderungen dürfte auch die demographische Entwicklung beigetragen haben. Schwarze und Hispanics haben eine ungefähr doppelt so hohe Geburtenrate wie Weiße. Die Zeiten, in denen die Polizei widerspruchslos als eine Art ­Besatzungsmacht gegenüber der schwarzen Bevölkerung auftreten kann, werden jedenfalls vorbei sein.
»Zwischen mir und der Welt« ist auch für Europäer höchst lesenswert. Denn Rassismus ist keineswegs ­ausschließlich eine US-amerikanische Angelegenheit. Die sich mittlerweile beinah täglich ereignenden Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland sowie die rassistischen Äußerungen vieler europäischer Politiker gegenüber vor Krieg, Not und Terror Geflüch­teten sprechen eine deutliche Sprache.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Miriam Mandelkow. ­Hanser-Verlag, Berlin 2015, 240 Seiten, 19,90 Euro