Das Bildungsniveau in Deutschland sinkt

Im Dschungel der Kompetenzen

Die Jugend taugt nichts – zumindest wenn es um Studium und Ausbildung geht. Das bemängelt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Unternehmen wissen das längst.

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Das Gymnasium ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Jahrzehnte, beinahe schon Jahrhunderte, war es ein Garant für gesellschaftlichen Status, für die Zugehörigkeit zu einer ausgesuchten Schicht der Gebildeten und Besitzenden. Lag die Quote der Abiturienten in den Fünfzigern noch bei fünf bis sieben Prozent eines Jahrgangs, so stieg sie in den folgenden Jahrzehnten auf derzeit 53 Prozent an. Das Bildungsland Deutschland ist ein Erfolgsmodell, könnte man deshalb meinen. Zumal der Anstieg der Abiturientenzahlen die Zahl derer verringerte, die nicht in den erlauchten Kreis der Studenten aufsteigen konnten.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung bejubelt diese Entwicklung in ihrer neuen Studie »Ausbildungsreife und Studierfähigkeit« allerdings ganz und gar nicht. Sie konstatiert vielmehr einen Niedergang der Bildung insgesamt und warnt vor negativen gesellschaftlichen Folgen. Die Zunahme der Abiturientenzahlen wurde der Studie zufolge schlicht und ergreifend mit einer drastischen Absenkung des Bildungsniveaus erkauft. Die Autoren der Studie bemängeln eine »Kultur des Durchwinkens«, die in Deutschland um sich gegriffen habe und dazu führe, dass junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit weder studier- noch ausbildungsfähig seien. Weder in Deutsch noch in Mathematik verfügten sie über die nötigen Grundlagen, so dass eine größer werdende Zahl von Universitäten »nachholenden Schulunterricht« anbieten müsste.
»Ich erlebe in meinem Universitäts­alltag auch zunehmend nachlassende Kompetenzen der Studienanfänger. Ein Kollege hat neulich eine Klausur in neuer deutscher Literaturwissenschaft schreiben lassen, die hohen beziehungsweise früher normalen Ansprüchen genügte. Dabei sind 80 Prozent der Studenten durchgefallen«, beschreibt Gerhard Wolf, Professor für Ältere Deutsche Philologie an der Universität Bayreuth und einer der Autoren der Studie, die derzeitige Situation. Er plädiert für Zulassungsprüfungen vor der Aufnahme eines Studiums. Zwar stehen diesem Vorgehen verfassungsrechtliche Bedenken im Weg. Für Wolf wäre es aber die einzige Möglichkeit, einem weiteren Verlust an Niveau auch an den Universitäten entgegenzuwirken. Viele Institutionen stehen diesen Forderungen jedoch skeptisch gegenüber. »Die Ökonomisierung der Universitäten hat dazu geführt, dass in erster Linie nach dem Geld geguckt wird. Professoren sind vielfach nur noch damit beschäftigt, Drittmittel einzuwerben. Und jeder Erstsemesterstudent bringt der Universität Geld. Also lassen sie möglichst viele Studenten zum Studium zu«, klagt Wolf.
Heikel sind die Schlüsse, die die Autoren der Studie ziehen. Anstatt in der Entwicklung auch eine Möglichkeit für eine größere Bildungsgerechtigkeit zu erkennen, warnen sie durchgängig vor den Gefahren. Dabei könnte die steigende Zahl von Abiturienten auch ein Anlass zur Zuversicht sein. Immerhin gehen in Deutschland nur noch 47 Prozent der jungen Menschen eines Jahrgangs mit einem Haupt- oder Realschulabschluss von der Schule ab. Diese dürfen sich dann allerdings im immer schärferen Wettbewerb mit Abiturienten um die Ausbildungsplätze mühen. Trotzdem stehen theoretisch über der Hälfte ein Studium und die Aussicht auf eine gut bezahlte Tätigkeit offen. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren sind das immerhin fast 50 Prozentpunkte mehr.
Bei genauerer Betrachtung der Studie wird deutlich, warum das Ergebnis so ernüchternd und zugleich so fordernd ausfällt. Während die Autoren in der Einleitung viele richtige Schlüsse ziehen, werden diese durch die folgenden Aufsätze ad absurdum geführt. Am Beispiel des Kompetenzbegriffs wird dies sichtbar. Eingangs unterziehen die Autoren den allgegenwärtigen Begriff der Kompetenz einer kritischen Überprüfung: »Pisa in Ehren, aber: Warum haben wir das ganzheitliche Menschenbild der Aufklärung durch das punktuelle akribische Messen einzelner Kompetenzen ersetzt?« Eine mehr als berechtigte Frage, wenn man sich die Überfrachtung vieler Bildungspläne und Curricula mit »Kompetenzen« ansieht. Im Verlauf der Studie wird der Kompetenzbegriff aber doch ausgiebig gewürdigt. »Die zentrale Aufgabe in der Gestaltung der zukünftigen Berufsbilder besteht darin, für die Vielfalt der Berufe auf der Grundlage des Kompetenzverständnisses des DQR (Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen) zu verbindlichen und präzisen Beschreibungen der zu erzielenden Lernergebnisse (Berufsbild) zu kommen und die Ordnungsmittel entsprechend zu gestalten«, heißt es beispielsweise an anderer Stelle.
Ein Widerspruch? »Die Initiative für die Studie ging von der Wirtschaft aus«, sagt Wolf. Deren Handschrift erkennt man dann auch in vielen Beiträgen. Es wird nicht grundsätzlich bemängelt, dass die Schulabgänger von heute nicht mehr Goethe auswendig aufsagen können, sondern dass sie wegen mangelnder Bildung nicht mehr so schnell in den Verwertungsprozess integriert werden können. »Unfertige« Schulabgänger kosten die Unternehmen Geld, da die jungen Absolventen viele Fehler machen und wenig Eigenständigkeit gelernt haben. So machen die Autoren die »Kultur des Durchwinkens« auch an den Beispielen Berliner Flughafen und Hamburger Elbphilharmonie fest, da das Prinzip, keine Verantwortung mehr zu übernehmen und nicht in Zusammenhängen zu denken, ihrer Meinung nach zu den vielen Pannen und Verzögerungen geführt habe. Den qualitativen Nachweis führen sie hingegen nicht, so dass die These völlig spekulativ bleibt. Die Fehler könnten schließlich auch Resultat der immer komplexeren Bauverordnungen sein, die schon so manchen Architekten in den Wahnsinn getrieben ­haben.
Als Konsequenz fordern die Autoren der Studie neben verbindlicheren Qualitätsstandards auch immer wieder mehr Praxisbezug in der Ausbildung. »Die Entwicklungen der Arbeitswelt (Stichwort: Industrie 4.0), in der praxisbezogenes und theoretisches Wissen gleichermaßen gefragt sind, erfordern die Entwicklung von Konzepten, die praktisches und theoretisches Lernen stärker miteinander verzahnen«, schrei­ben sie. Diese mangelnde Verzahnung ist vielen Unternehmen zufolge der Hauptgrund dafür, dass 25 Prozent der Hochschulabsolventen nach der Probezeit nicht übernommen werden.
Solchen Anforderungen der Wirtschaft setzen die Autoren aber keinesfalls »das ganzheitliche Menschenbild der Aufklärung« entgegen. Auch dem »punktuellen akribischen Messen einzelner Kompetenzen« können sie nicht grundsätzlich widersprechen. Schüler werden also weiterhin durch einen Dschungel aus Kompetenzen irren, in dem ihre größtmögliche Verwertbarkeit sichergestellt werden soll.