Der Film »Jasenovac – die Wahrheit« relativiert den Holocaust

Im Namen der Ustascha

Mehrere kroatische Gemeinden in Deutschland haben den Film »Jasenovac – Die Wahrheit« gezeigt. Er relativiert die Shoah.
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Am 22. April wurde in Kroatien des Häftlingsaufstands und der Befreiung des Konzentrationslagers Jasenovac gedacht. Vertreter der jüdischen und serbischen Gemeinden boykottierten die offizielle Veranstaltung, um so gegen die Relativierung der Verbrechen der faschistischen Ustascha durch Vertreter der kroatischen Regierung zu protestieren. Für große Empörung hatten verschiedene Aussagen des amtierenden Kulturministers Zlatko Hasanbegović gesorgt, der eine rechtsextreme Vergangenheit hat (Jungle World 15/2016).
Der Politiker hatte ein Werk des kroatischen Regisseurs Jakov Sedlar gelobt, der die Opferzahlen des Konzentrationslagers Jasenovac mit 20 000 bis 40 000 angibt, während zugleich der genozidale Charakter des Lagers in Zweifel gezogen wird. Dem Film »Jasenovac – Die Wahrheit« zufolge ging es in dem Lager nicht um die Vernichtung von Menschen. Vielmehr habe es sich, das ist die große Botschaft, um ein Arbeitslager gehandelt. Seriöse Schätzungen gehen indes von 82 000 bis 100 000 Ermordeten aus, vorwiegend Serben, Juden, Roma sowie kroatische und muslimische Oppositionelle. Kroatische Journalisten des Online-Portals Lupiga haben die vermeintlichen Beweise für die Behauptungen des Films längst als schlechte Fälschungen und Fotomontagen entlarvt.
Trotz der empörten Reaktionen in Kroatien selbst wurde der Film am Sonntag nach der Gedenkveranstaltung in den Räumen der kroatischen Gemeinden in Frankfurt am Main, Darmstadt und Offenbach gezeigt. Franjo Akmadža ist amtierender Vorsitzender des kroatischen Weltkongresses in Deutschland. Er sagt im Gespräch mit der Jungle World, die Gemeinde in Frankfurt habe zwar ihre Räume zur Verfügung gestellt, die Vorführung des Films sei aber von »U ime obitelj« (Im Namen der Familie), einer Gruppe innerhalb der kroatischen Gemeinde, organisiert worden.
Akmadža selbst stand nach eigener Aussage mit Regisseur Sedlar in Kontakt, entschied aber auf Anraten von Historikern, sich nicht an der Organisation der Veranstaltung zu beteiligen. Stutzig sei er auch geworden, weil die Wochenzeitung 7dnevno ihn darum gebeten habe, den Film zu zeigen. »Wir beobachten dieses Medium seit einiger Zeit mit großer Sorge. Dieses Blatt schreibt Lügen«, sagt Akmadža. Die Beiträge erinnern an deutsche Websites wie PI-News, nur bleibt 7dnevno sprachlich und inhaltlich noch weit unter diesem ohnehin niedrigen Niveau.
Vor zwei Wochen widmete die Printausgabe von 7dnevno Akmadža eine Doppelseite, auf der sie ihn mit Spott und Häme überzog, weil er den Film nicht zeigen wollte. Auch Mitglieder der kroatischen Gemeinden in Deutschland üben erheblichen Druck auf Akmadža aus. Der Jungle World sagt er: »Sobald man ein wenig gegen den Strom schwimmt, versuchen diese Leute, einen fertigzumachen.«
Dabei ist Akmadža nicht nur Mitglied der CDU, sondern auch der kroatischen HDZ und damit Parteifreund von Kulturminister Hasanbegović, der den Film lobte. Auch ein Konzert von Marko Perković, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thompson, im kroatischen Knin hat Akmadža besucht und zu dieser Gelegenheit betont: »Ich sehe die Musik von Thompson nicht kritisch. Früher waren die Texte härter, aber heute sind sie es nicht mehr.«
Diese harten Texte beziehen sich positiv auf das Ustascha-Regime, den von den Nazis eingesetzten Diktator Ante Pavelić und sogar auf das KZ Jasenovac selbst. Entsprechende Lieder spielt Thompson weiterhin auf seinen Konzerten. Efraim Zuroff, der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, bezeichnete die Musik des kroatischen Sängers deshalb einmal als »Ustascha-Rock ’n’ Roll«. Viele Fans tragen auf Konzerten offen die Abzeichen der kroatischen Faschisten. Dass Ak­madža Thompson unbedenklich findet, aber dennoch als eine Person mit Restvernunft in der kroatischen Gemeinde gesehen werden kann, ist bezeichnend.
Verantwortlich für die Vorführungen des Films »Jasenovac – die Wahrheit« im Rhein-Main-Gebiet ist der Rechtsanwalt Tomislav Čunović. Bekannt ist er vor allem für seine strikte Ablehnung der »Ehe für alle« in Kroatien. Als die damalige sozialdemokratische Regierung unter Zoran Milanović im Jahr 2013 die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ins Gespräch brachte, führte dies zu vehementem Protest von Kirche, Konservativen und Rechtsextremen. Die Initiative »U ime obitelj« sammelte Hunderttausende Unterschriften und erzwang ein Referendum, in dem sich die Mehrheit der Kroaten gegen die »Ehe für alle« aussprach (Jungle World 26/2013). Der verlängerte Arm dieser Initiative in Frankfurt am Main ist Čunović.
Im Zuge der homophoben Kampagne stellte sich Čunović auf die Seite der kroatischen Bischöfe und warnte zudem vor einer Sexualerziehung in kroatischen Schulen, in der Homo- und Transsexualität als normal propagiert würden. In einem Gastbeitrag, den Čunović 2013 auf der Website »Der Kosmopolit« veröffentlichte, wurde er deutlich: »Gender-Ideologie leugnet Moral und Vernunft und gefährdet das Kindeswohl.«
Auf Nachfrage der Jungle World äußert sich Čunović zu der Präsentation von »Jasenovac – Die Wahrheit« und zur historischen Einordnung des Massenmords im Lager: »Die Thematik sollte insbesondere aus Respekt vor den Opfern der totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts in Europa nicht politisch instrumentalisiert werden.« Mit solchen Argumenten versucht die kroatische Rechte seit längerem, die Verbrechen der Ustascha und der jugoslawischen Partisanen gegeneinander aufzurechnen. Sobald jemand in Kroatien das KZ Jasenovac erwähnt, folgt prompt die Antwort Bleiburg, wo Partisanen massenhaft Nazikollaborateure hinrichteten. Auch Čunović macht keinen qualitativen Unterschied zwischen Bleiburg und Jasenovac. Und selbst die wirrsten Aussagen des Films, wie die Behauptung, das KZ Jasenovac sei noch jahrelang von Partisanen weiterbetrieben worden, verteidigt er.
»Jasenovac – Die Wahrheit« hatte seine Premiere Ende Februar 2016 im ausverkauften Arab Hebrew Theatre in Tel Aviv. Bereits Anfang März wurde der Film in den kroatischen Gemeinden in Stuttgart, Heidelberg und Berlin gezeigt. An der Organisation dieser Vorführungen war Mijo Marić beteiligt, der als ehemaliger Vorsitzender des kroatischen Weltkongresses in Deutschland auch Mitglied des Integrationsbeirats der Bundesregierung war. Eine Skandalisierung der Vorführungen blieb in deutschen Medien bisher aus. Abgesehen von der Frankfurter Rundschau berichtete bislang keine größere Zeitung darüber. Man kann im Jahr 2016 in Deutschland also öffentlich die Shoah relativieren, ohne großes Aufsehen zu erregen.