Israel bekämpft neue Hamas-Tunnel

Blick in den Tunnel

Israel hat neue Tunnel der Hamas entdeckt und geht militärisch gegen diese vor, es kam zu Gefechten. Noch ist es ein begrenzter Konflikt.

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Es ist gut zwei Monate her, dass sich die Hamas plötzlich zu Wort gemeldet hat. Während einer Folge der israelischen Realityshow »Big Brother« wurde das Programm von einer Hassbotschaft unterbrochen: »Lernt aus der Geschichte«, hieß es dort auf Hebräisch und Arabisch. »Rennt um euer Leben und haut ab aus unserem Land.« Unterlegt waren die Drohungen mit Bildern von Terroranschlägen aus der jüngsten Zeit. Hacker der Hamas wollten damit in fast vier Minuten zu bester Sendezeit auf die islamistische Gruppe aufmerksam machen. Es war der Auftackt einer Propagandakampagne der Hamas, die das Selbstbewusstsein der militärisch wie diplomatisch arg gebeutelten Gruppe stärken soll. Die neu gebauten Tunnelsysteme wurden stolz vorgestellt und es wurde gezeigt, wie gut trainiert die Kommandoeinheiten sind.
Die Entdeckung eines dieser Tunnel wurde Mitte April öffentlich bekannt gemacht. Während die Grenzsicherung auf dem Boden und zu Wasser für Israel kein ernsthaftes Problem darstellt und das Land dank des Raketenabwehrsystems Iron Dome auch auf Gefahren aus der Luft reagieren kann, gestaltet sich die Sicherung der Grenze unter der Erde schwierig. Israel hat in den vergangenen zehn Jahren umgerechnet 250 Millionen Euro in die Entwicklung eines Verfahrens investiert, um Hohlräume und Vibrationen im Boden aufzuspüren. Sensoren sollen warnen, wenn unter der Erde gegraben wird. Eine völlige Abschottung in Form einer unterirdischen Barriere, die immer wieder im Gespräch ist, wäre ein extrem teures Projekt und würde viel Zeit kosten.
Seit gut einem Monat lässt Israel keinen Zement von privaten Zulieferern mehr in den Gaza-Streifen. Die Hamas hatte diesen Beton für iden Tunnelbau missbraucht. Der importierte Zement ist nötig, um die Tunnel zu verstärken und einsturzsicher zu machen. Doch es ist ein hilfloser Versuch Israels, gegen die Tunnel vorzugehen, die unter anderem für Waffenlieferungen und das Schleusen von Terroristen dienen. In Ägypten löst Präsident Abd al-Fattah al-Sisi das Problem der Schmugglertunnel zwischen dem Sinai und Gaza, indem er Dörfer innerhalb einer kurzerhand deklarierten Pufferzone dem Erdboden gleichmacht und Tunnel bis zur Unbrauchbarkeit flutet. Zu Spitzenzeiten gab es hier nach Schätzungen 2 500 bis 3 000 solcher Tunnel.
Ist Israel wirklich so schlecht gewappnet wie während des 50tägigen Kriegs 2014, als Kämpfer der Hamas mehrfach die Tunnel für Angriffe nutzen konnten? Seit Beginn des Jahres sind mindestens fünf Tunnel eingestürzt. Ein Zufall? Ein ranghoher Armeeoffizier gab dazu auf einer Konferenz im Zuge der beginnenden Diskussion um die Tunnel Anfang Feburar zur Antwort: »Nur Gott weiß es. Ich lege den Bewohnern des Gaza-Streifens jedoch nahe, sich nicht mit dem Bau von Tunneln zu beschäftigen und sich davon fernzuhalten, besonders nach den Ereignissen der letzten Tage.« Diese »Ereignisse« kosteten elf Hamas-Mitglieder das Leben. Laut dem Twitter-Kanal der Qassam-Brigaden, dem militärischen Arm der Hamas, war das schlechte Wetter schuld am Einsturz ihrer militärischen Vorzeigeprojekte und damit am Tod der »hart arbeitenden Märtyrer«.
Die Entdeckung des ersten Tunnels nach dem Beginn der Operation Protective Edge im Jahr 2014 wurde am 18. April dieses Jahres öffentlich bekanntgegeben und in Israel als Durchbruch der neuen Technologie gefeiert, die Gänge in vielen Metern Tiefe aufspüren könne. »Noch können wir Tunnel nicht systematisch finden«, räumt jedoch Arye Shalicar, Sprecher der israelischen Armee, gegenüber der Jungle World ein. Nach wie vor beruhe ein großer Teil der Recherchen auf klassischer Geheimdienstarbeit. So kamen die Informationen zu dem zweiten, am 5. Mai gefundenen Tunnel, der rund 30 Meter tief lag, offenbar von einem gefangengenommenen Hamas-Kämpfer. Dieser habe »wertvolle Informationen« preisgegeben, so Shalicar.
Es waren wahrscheinlich diese neuen Informationen, die Anfang Mai zu einer größeren Operation der israelischen Streitkräfte führten, mutmaßt Ely Karmon vom israelischen Institute for Counter-Terrorism im Gespräch mit der Jungle World. Israel operiert dabei hauptsächlich im südlichen Teil des Gaza-Streifens mit Spezialeinheiten, um mehr über das System der Tunnel herauszufinden und diese gegebenenfalls zu zerstören. Die Hamas beklagt einen Bruch des Waffenstillstandsabkommens, da die Truppen bis zu 200 Meter in das Palästinensergebiet eindrängen. Dieses Abkommen sei schlecht ausgehandelt, so Karmon: »Seit 2012 dürfen Kontrollen nur noch in der Pufferzone 100 Meter jenseits der eigentlichen Grenze getätigt werden, davor waren es 500 Meter.« Dies erleichtere der Hamas zum einen den Tunnelbau, zum anderen könne sie nun den Vertragsverstoß anklagen und sich so eine Legitimation verschaffen, die israelischen Soldaten anzugreifen.
Die Hamas bekannte sich dazu, Anfang Mai Mörsergranaten auf israelische Soldaten gefeuert zu haben, es war der erste Angriff der Hamas auf israelische Truppen seit dem Ende des Krieges vor anderthalb Jahren. Israel reagierte mit Artilleriefeuer und flog Luftangriffe, die auf die Infrastruktur der Palästinenserorganisation abzielten. Eine Frau kam dabei ums Leben. Dass keine der beiden Seiten Interesse an einer weiteren Verschärfung der Lage hat, zeigt sich daran, dass das Gebiet der Auseinandersetzungen begrenzt ist. Raketenangriffe der Hamas auf israelische Zivilisten, die eine härtere Reaktion der israelischen Luftwaffe provozieren würden, bleiben derzeit aus. Israel sieht sich durch die unterirdischen Grenzverletzungen zwar in seiner Souveränität angegriffen, erkennt darin jedoch keinen Kriegsgrund – solange es zu keinen Terrorattacken kommt. Ein Angriff der Hamas aus einem Tunnel war 2014 Auslöser der israelischen Bodenoffensive gegen den Küstenstreifen.
Für Ely Karmon liegt das Versagen der Politik darin, dass im Zuge des letzten Krieges versäumt wurde, den militärischen Flügel der Hamas zu entwaffnen. Nun müssten immer wieder Soldaten in Gefahr gebracht werden und eine Hoffnung auf Veränderungen sei auch nicht in Sicht. Der These, dass noch radikalere Kräfte an die Macht kommen könnten, sollte die Hamas zu sehr geschwächt werden, widerspricht Karmon vehement: »Die anderen Jihadistengruppen sind alle unter der Hamas-Regierung gewachsen. Sie werden zwar kleingehalten, dafür finden sie aber den besten Nährboden.«
Es bleibt abzuwarten, wie die Hamas mit dem Druck der israelischen Armee umgeht. Die Hamas wird derzeit geschwächt: Zum einen werden ihre Tunnel zerstört, durch die sie die israelische Bevölkerung seit Jahren bedrohen kann, zum anderen kann sie es nicht verhindern, dass die Armee auf palästinensischem Territorium operiert. »Wir gehen davon aus, dass wir schon in naher Zukunft weitere Tunnel entdecken werden«, so Armeesprecher Shalicar. Trotz der derzeitigen Spannungen ist die Zeit seit Ende des letzten militärischen Konflikts zwischen Israel und der Hamas im August 2014 die ruhigste an der Grenze seit mehr als zehn Jahren. Die Sorge in den Gemeinden rund um Gaza ist nun wieder geweckt. Denn die Situation könnte innerhalb von Stunden eskalieren.