Keine exzentrischen Stars bei der Fussball-EM

Die EM der braven Langweiler

Warum die Fußball-EM ohne einige der besten und auffälligsten Spieler auskommen muss, weshalb Exzentrik und Stargehabe zusehends Angepasstheit und »Teamgeist« weichen und was ein jüdischer Fußballverein aus Österreich damit zu tun hat.

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Einige schwarze Männer erreichen alles, was man im Profisport erreichen kann, aber am Ende kommt dann doch wieder ein Trottel daher und reduziert sie auf ihre Hautfarbe. Andere Trottel sorgen mit wohlmeinendem Gratis-Antirassismus für die maximale Verbreitung der rassistischen Äußerungen, die deutsche Bundeskanzlerin schaltet sich ein, und je lauter alle »Normalität« rufen, desto sichtbarer wird, dass für schwarze Männer nichts normal ist im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft, sondern dass sie von Millionen Menschen zufällig hellerer Hautpigmentierung für eben diesen Zufall verachtet werden. Manche verkraften das ganz gut, stecken ihre Club-Millionen als Schmerzensgeld ein und beschämen die Hasser mit Nichtbeachtung. Ein anderer, zum Beispiel Mario Balotelli, der es neben Rassisten auch noch mit Antisemiten zu tun hat, flippt dann kurz aus, posiert mit einer Schrotflinte auf Instagram und schreibt dazu: »Dicker Kuss an alle, die mich hassen«.
Italiens Teamchef Antonio Conte stellt Balotelli nun nicht für die EM auf. Er begründet dies mit dem Formtief, in dem der Kicker stecke, doch Sportblätter vermuten hinter der Entscheidung eher Balotellis »Disziplinlosigkeit« (Sapo Desporto). Der Wiener Standard attestiert in der Sprache der Pädagogen gar »Verhaltens­auffälligkeiten«, was auch der AC Mailand so sah und vom Spieler vertraglich verlangte, in Zukunft braver zu sein und, als handle es sich um einen Minderjährigen im Erziehungsheim, einen »angemessenen Haarschnitt« zu tragen. Der böse schwarze Mann mit Irokesenfrisur soll gesellschaftsfähig werden – als handle es sich nicht etwa um einen erwachsenen Menschen, sondern um ein erziehungsbedürftiges Kind. Als Balotelli Deutschland vor vier Jahren aus dem Halbfinale kickte, zog er sein Trikot aus und spannte die Muskeln, ein Bild des Stolzes und des Trotzes (und Vorlage für Tausende Memes). Auf einen derart erinnerungswürdigen Moment wird man bei der diesjährigen Europameisterschaft wohl verzichten müssen, denn immer mehr Nationaltrainer entdecken den Pädagogen in sich, der seine Schützlinge zu stromlinienförmiger Konformität erziehen will.
Pädagogische Überlegungen treiben auch den französischen Nationaltrainer Didier Deschamps um. Der lässt Karim Benzema nicht mitspielen, weil der eine »negative Vorbildwirkung« habe, als wäre der Spitzenfußball so was wie ein öffentlich-rechtliches Kinderprogramm. Benzema wird vorgeworfen, in eine Erpressungsaffäre verwickelt zu sein, was sicher eine ernste Sache ist, falls es zutrifft, aber noch gilt er vor dem Gesetz als unschuldig. Neben Benzema verzichtet Frankreich auch auf Franck Ribéry und Mamadou Sakho, der einen Dopingskandal hinter sich hat. Da die Mannschaft also ohne herausragende Stars antritt, komme es nun umso mehr »auf das Kollektiv« an, verkündete Deschamps im Jargon eines Dorffußballtrainers.
Italien und Frankreich folgen mit ihrer neuerdings entdeckten Vorliebe für Disziplin und Kollektivismus einem Trend, der, wie könnte es anders sein, von Deutschland ausgeht, wo die Nationalelf nach ein paar Jahren der vorgetäuschten Leichtigkeit längst wieder eine autoritär aufgeladene Vorturnertruppe ist, die sekundärtugendhaft das darstellen soll, was man sich in diesem Land unter einer idealen Gemeinschaft vorstellt. Es muss ganz viel »geleistet« werden, aber niemand soll allzu weit herausragen; die Mitglieder des Kollektivs haben diesem zu dienen und nicht der eigenen Verwirklichung; beim Feiern ist Maß zu halten, der eigene Körperwert darf nicht mutwillig beschädigt werden und Alkohol ist tabu. Wer sich wie Max Kruse nicht recht anpassen mag an die erwartete Zucht, der wird zunächst streng ermahnt und soll sich Umerziehungsmaßnahmen unterwerfen. Bringt auch das nicht die erwünschte Unterordnung, setzt es nicht nur öffentliche Schelte durch Trainer, Vereinsobleute und Medien, sondern Ausschluss und Spielverbot. Das kann für Profisportler existenzbedrohend werden, weshalb die meisten sich früher oder später fügen.
Auch in England wächst der Anpassungsdruck auf Spieler, die sich noch nicht jede Gefühlsregung abtrainiert haben. So setzt man große Hoffnungen in den Nachwuchsstar Dele Alli, doch nicht ohne sich über dessen »Temperament« und »kurze Zündschnur« (Daily Mirror) zu sorgen. Der Tottenham-Mittelfeldspieler neigt unter Stress nämlich dazu, Fäuste oder wenigstens Spucke sprechen zu lassen. Vor allem die Boulevardmedien schnüffeln derweil fleißig im Privatleben derzeitiger und ehemaliger Rasenstars herum und haben eine Art Kampagne gestartet, tatsächlich oder angeblich dem Alkohol verfallene ehemalige Kicker zu »retten«. Kenny Sansom, ein Star aus den achtziger Jahren, beispielsweise wird von Fotografen regelrecht verfolgt und findet sein Bild immer wieder neben rührseligen Storys über den Absturz eines ehemaligen Profifußballers.
Der aktuelle Trend, beim Fußballspiel mehr auf das Kollektiv als auf herausragende Akteure zu setzen, ist glücklicherweise noch ein auf die Nationalmannschaften begrenzter. Ihm wohnt aber die regressive Sehnsucht nach »ehrlichem« Sport inne, nach einem Sport ohne kommerzielle Interessen und ohne Stars. Das ist insofern rückschrittlich, als der Fußball erst durch seine Professionalisierung zu einem Sport werden konnte, der mehr ist als bloßes Geholze von engagierten, aber unfähigen Amateuren. Nach dem Ersten Weltkrieg führte Österreich als erstes Land nach Großbritannien eine Fußball-Profiliga ein, was geradezu zu einer Qualitätsexplosion des Spiels führte. Federführend dabei war der jüdische SC Hakoah Wien, der 1925 österreichischer Meister wurde und als erster kontinentaleuropäischer Verein eine britische Mannschaft, West Ham United, auf britischem Boden schlagen konnte. Hakoah setzte als einer der ersten Vereine auf wissenschaftliche Trainingsmethoden und Spielstrategien und machte damit den Sport so attraktiv, dass in Wien bei großen Matches regelmäßig der öffentliche Verkehr zusammenbrach. Die vom SC Hakoah Wien maßgeblich mit vorangetriebene Professionalisierung des Fußballs führte ironischerweise dazu, dass 1927 viele Spieler des Vereins von amerikanischen Mannschaften aufgekauft wurden und Hakoha Jahre brauchte, um sich von diesem Aderlass zu erholen. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland wurde Hakoah verboten, sämtliche Spielergebnisse der Mannschaft wurden für ungültig erklärt. Von den Spielern wurden neun von den Nazis ermordet, andere konnten rechtzeitig fliehen.
Der SC Hakoah und andere frühe Profivereine haben die Grundlage für den Fußball gelegt, wie man ihn heute kennt – ein Mannschaftssport mit Stars und ausgeklügelten Strategien. Fußball spiegelt freilich stets gesellschaftliche Realitäten wider, weswegen die derzeitigen Tendenzen zum Kollektivismus und zur Anti­individualität Misstrauen erwecken sollten. Noch garantiert die ökonomische Wirklichkeit des Clubfußballs die Vielfältigkeit und spielerische Attraktivität, noch sind die Trottel, die einen idealistischen und womöglich auch noch ethnisch gereinigten Nationalfußball wollen, eine Minderheit. Die neuen Moralapostel und Fußballpädagogen sind jedoch ein schlechtes Vorzeichen.