Die Debatte über tödliche Gewalt gegen Frauen in Italien

Jeden zweiten Tag ein Mord

In Italien wird nach dem brutalen Mord an Sara di Pietrantonio durch ihren ehemaligen Freund erneut über Feminizid diskutiert. Doch Programme gegen Gewalt an Frauen werden vernachlässigt und einigen Schutzeinrichtungen droht gar die Schließung.

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Sonntagfrüh um vier Uhr herrscht wenig Verkehr auf der Via della Magliana. Monotone Wohnviertel säumen die kaum beleuchtete Ausfallstraße durch die staubig-schmutzige östliche Peripherie Roms. Aufgrund der Videoüberwachung anliegender Gebäude lässt sich jedoch erkennen, wie viele Autos am letzten Maiwochenende noch unterwegs waren und mit ihren Scheinwerferlichtern möglicherweise eine junge Frau erfassten, die um ihr Leben kämpfte. Sara di Pietrantonio war in ihrem Wagen auf dem Weg nach Hause, als plötzlich das Auto ihres ehema­ligen Freundes auftauchte, sie seitlich rammte und zum Halten zwang. Die 22jährige Studentin ließ ihren fünf Jahre älteren ehemaligen Freund Vincenzo Paduano einsteigen, es kam zum Streit. Als er eine Flasche Alkohol über ihr ausschüttete, gelang ihr zunächst die Flucht auf die Straße. Doch niemand von den Vorbeifahrenden reagierte auf ihre Hilferufe. Paduano steckte ihr Auto in Brand, holte sie ein und drückte ihr die Kehle zu. Ob Sara bereits tot war, als er auch ihren Körper anzündete, konnte bisher nicht eindeutig festgestellt werden.
Der Einsatzleiter der Polizei beteuerte am Morgen danach, niemals zuvor ein so grausames Verbrechen gesehen zu haben. Doch Fälle tödlicher Gewalt gegen Frauen, die in Italien als feminicidio bezeichnet werden, häufen sich vor allem in den Ballungszentren Rom und Mailand. Seit Beginn des Jahres sind über 50 Frauen von ihren Ehemännern oder ehemaligen Partnern ermordet worden. Zwischen 2010 und 2015 waren es einem Bericht des Forschungsinstituts Eures zufolge 819 Frauen; das bedeutet, dass etwa jeden zweiten Tag eine Frau durch eine Gewalttat ihres (ehemaligen) Partners stirbt. Die jüngsten Polizeiberichte bestätigen die in der Studie beschriebene Dynamik der Tötungsdelikte: Unabhängig von Alter und sozialer Stellung töten Männer ihre Ehefrauen oder Freundinnen vorwiegend aus Eifersucht, weil sie Angst haben, verlassen zu werden, oder aus Rache, weil sie bereits verlassen wurden. In den meisten Fällen werden die Frauen niedergestochen, häufig auch mit legal oder illegal besorgten Waffen erschossen. Für die Polizei galt auch im Falle von Sara der ehemalige Freund binnen weniger Stunden als Hauptverdächtiger: Paduano hatte das Ende der zweijährigen Beziehung nicht akzeptieren wollen, Sara am Telefon belästigt und ihr wiederholt aufgelauert. Als ihn die Polizei am Tag nach der Tat aufsuchte, ließ er sich widerstandslos festnehmen und legte im ersten Verhör ein Geständnis ab.
Die besondere Grausamkeit des Verbrechens schreckte die italienische Öffentlichkeit auf. Beim zwei Tage später, am 2. Juni, in Rom mit der üblichen Militärparade begangenen Jahrestag der Republik wurden vor vielen Fenstern rote Kleidungsstücke und Bettlaken aufgehängt. Über Twitter war unter dem Hashtag »Sara non sarà« (Sara wird nicht dabei sein) zu diesem symbolischen Protest aufgerufen worden. Mit den blutroten Stoffen sollte symbolisch dagegen protestiert werden, dass 70 Jahre nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts und der formalen Gleichstellung noch immer viele Frauen geschlechtsspezifische Gewalt zu erleiden haben. Die Nationalflaggen wehten auf Halbmast.
Eine Online-Petition sammelt derweil Unterschriften für einen Aufruf an die Regierung, Feminizid künftig mit lebenslanger Haft zu bestrafen und keine strafmildernden Umstände anzuerkennen. Doch an Repressionsmöglichkeiten mangelt es in Italien nicht. Außerdem hat das italienische Parlament bereits im Frühjahr 2013, als die 16jährige Fabiana Luzzi von ihrem ehemaligen Freund auf grausame Weise niedergestochen, erwürgt und verbrannt worden war, die Konvention von Istanbul unterzeichnet (Jungle World 23/2013). Die vom Europarat ausgearbeitete Vereinbarung zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen verpflichtet zu Präventionsmaßnahmen sowie zur Einrichtung von Betreuungs- und Rechtshilfeangeboten für Betroffene. Die Ratifizierung der Konvention blieb jedoch eine bloße Absichtserklärung. Die geplanten Sensibilisierungsprogramme an Schulen wurden nie eingeführt und allein in Rom droht derzeit vier Schutzeinrichtungen für Frauen die Schließung.
Linksliberale Feministinnen werten den Feminizid als Zeichen einer »unvollendeten Emanzipation«. Damit verkennen sie, dass Männer kaum noch im Namen archaischer Geschlechterstereotype morden, eher ist es die Freiheit der Frauen, auf die sie nur mit Aggression zu reagieren wissen. Rechtsintellektuelle Kommentatoren haben den Unterschied begriffen, sie leiten daraus einen Rundumschlag gegen den »Genderismus« ab und rechtfertigen die jüngste Tat als »Schwäche eines Jungen«, dem infolge der Auflösung traditioneller Geschlechter- und Familienkonstellationen die Orientierung verloren gegangen sei.
Gegen die ritualisierte Skandalisierung des Feminizids, die von der Gewalt der Männer ablenkt und stattdessen Frauen die Aufgabe zuteilt, mögliche Gefahren von vornherein zu meiden, organisierten einige Dutzend Frauen gemeinsam mit einigen wenigen Männern an der Via della Magliana eine Mahnwache. Sie forderten den Erhalt der städtischen Frauenzentren und lenkten mit ihren Straßenblockaden am Unglücksort die Aufmerksamkeit erneut auf die unterlassene Hilfeleistung der Vorbeifahrenden. »Wenn es diese Gleichgültigkeit nicht gegeben hätte«, hatte die zuständige Staatsanwältin Maria Monteleone bereits am ersten Tag der Ermittlungen festgestellt, »wäre Sara wahrscheinlich nicht gestorben.«
Zwei junge Männer haben sich mittlerweile bei der Polizei als Zeugen gemeldet. Einer von ihnen behauptete in einem Zeitungsinterview, Sara di Pietrantonios Gestikulieren am Straßenrand nicht als Hilferuf interpretiert zu haben. Diese Aussage stößt auf breites Verständnis. Während die einen darin resigniert das Ausmaß der sozialen Kälte in den römischen Peripherien zu erkennen glauben, verweisen die anderen auf das kriminelle Vorstadtmilieu und den mutmaßlich von Migranten kontrollierten Straßenstrich, in dessen Nähe man lieber nicht anhält. Da der Täter unbestreitbar Italiener war, sollen wenigstens an dem Umstand, dass niemand zu Hilfe kam, die Ausländer Schuld sein.