Der Roman »September« von Jean Mattern

Brokeback München

Vor dem Hintergrund des Olympia-Attentats 1972 erzählt Jean Mattern in seinem Roman »September« von der großen schwulen Liebe.

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Zwei Köpfe, zwei Bilder, zwei Ereignisse sind mit den Olympischen Spielen in München 1972 ver­bunden. Mark Spitz war das strahlende Gesicht der Spiele. Niemand ver­körperte besser den Traum von den unbeschwerten Spielen, mit denen sich Deutschland der Welt­ präsentierte, als der glamouröse US-amerikanische Schwimmstar, der sieben Goldmedaillen gewann und zum Sex- und Jugendidol wurde. Das gruselige Gegenbild dazu ist das Schwarzweißfoto des maskierten palästinensischen Terroristen auf dem Balkon des Olympischen Dorfs. Zum Zeitpunkt der Aufnahme befinden sich neun israelische Sportler in der Gewalt der arabischen Terrorgruppe »Schwarzer September«, und keiner wird die Geiselnahme überleben. Mark Spitz, jüdischer Amerikaner, war am Tag der Geiselnahme aus Angst, selbst Opfer der Gruppe zu werden, unverzüglich abgereist.
Der in Paris lebende Lektor und Autor Jean Mattern bringt Mark Spitz und das Massaker von München in einer fiktiven Romanhandlung zusammen. »September« erzählt die Ereignisse rückschauend aus der Perspektive eines pensionierten BBC-Reporters, der als junger Journalist in München akkreditiert war. Stärker noch als das sportliche Geschehen und das Geiseldrama beschäftigte den in London lebenden Sebastian damals allerdings ein jüdischer Korrespondent aus New York mit Namen Sam, der den frisch ver­heirateten BBC-Reporter mehr und mehr aus dem Konzept brachte. Beide begegneten sich am Vorabend der Eröffnungszeremonie, waren fasziniert voneinander und suchten bald die Nähe des ­anderen. Dank Sams guter Kontakte zu den US-amerikanischen und israelischen Delegationen kamen er und Sebastian nicht nur gemeinsam an ein großes Interview mit Mark Spitz, sondern erhielten während des laufenden Geiseldramas auch Informationen, die die deutsche Regierung der Öffentlichkeit vorenthielt. Die beiden Männer werden zu Zeitzeugen des welterschütternden Ereignisses, das sie einander zunächst näherbringt, die Intimität ihrer komplizierten Beziehung am Ende aber sprengen wird.
Der Roman ist eine kühne Konstruktion aus historischen Fakten und fiktivem Liebesdrama, die sich hart an der Grenze zur Kolportage bewegt, sie aber niemals überschreitet. Hat man das Prinzip der Doku-Fiction akzeptiert, beginnt die von öffentlicher Nervosität, großen Erwartungen und ­privatem Begehren aufgeladene Stimmung des Romans ihre Wirkung zu entfalten. Während Mark Spitz von Sieg zu Sieg eilt und die Spiele inspiriert, drängt die heimliche Romanze der Protagonisten auf Erfüllung. Die schwule Beziehung als das große universale Liebesnarrativ – nicht nur darin erinnert »September« deutlich an »Brokeback Mountain«. Wie in der Cowboy-Saga bleibt aber auch die Affäre der Journalisten ohne Happy End.
Mattern hat das Massaker von München und das teils skandalöse, teils dilettantische Reagieren der deutschen Behörden auf den Terrorakt, der mit der missglückten Befreiung endet, genau rekonstruiert. Dabei legt er sich in einigen historisch strittigen Punkten wie etwa beim Verhalten der israelischen Regierung auf eine bestimmte Version fest, wo eine weniger eindeutige Darstellung angemessener gewesen wäre. Insgesamt ist es jedoch das Verdienst dieses soghaften Romans, dass er das Massaker des »Schwarzen September« nicht nur in Erinnerung ruft, sondern es geradezu ins Gedächtnis einbrennt. Erzählerisch ist das ­perfekt gemacht. Ob der Roman die fiktive Liebesgeschichte benutzt, um das Trauma von München zu erzählen oder, umgekehrt das Olympia-Attentat verwendet, um das Melodram zu entfalten, lässt sich an keiner Stelle sagen.

Jean Mattern: September. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Berlin-Verlag, Berlin 2016, 160 Seiten, 18 Euro